VW-Betriebsrätin über Anwerbeabkommen: „Wir haben geschafft, was die Politik nicht mal versucht hat“

Die IG Metall ist, was Migration angeht, so sehr verankert wie kaum eine andere politische Organisation. Burcu Sicila nennt den gemeinsamen Kampf um Mitbestimmung als Hauptgrund.
Foto: Wilhelm Bertram/dpa/picture-alliance
taz: Frau Sicilia, am Freitag vor 65 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Einer der Gründe für den Zuzug der ausländischen Arbeiter*innen war, dass man sie gegenüber ihren deutschen Kolleg*innen schlechter bezahlen konnte. Auf diese Weise sollte das Lohnniveau im Land niedrig gehalten werden. Was sagen Sie dazu als Gewerkschafterin?
Burcu Sicilia: Man hat ja die Menschen gegeneinander ausgespielt – die Gastarbeiter haben die niedrigsten Arbeiten verrichtet, die niedrigsten Löhne bekommen und konnten anfangs nicht im Betrieb teilhaben. Auch die Gewerkschaften sind damals der Illusion verfallen, dass die Menschen befristet hierherkommen. Wir mussten erkennen, dass man den Leuten damit nicht gerecht wurde. Auch die Gewerkschaften haben erst mit der Zeit gelernt, dass das der falsche Weg ist.
taz: Jetzt scheint auch die CDU das Thema der ehemaligen Gastarbeiter*innen für sich entdeckt zu haben. Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei einer Jubiläumsfeier zum Anwerbeabkommen gesprochen, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ist in die Türkei gereist, um die Leistungen der ersten Generation zu loben. Was sagen Sie dazu?
Sicilia: Ehrlich gesagt, fehlt mir bei der CDU die inhaltliche Stringenz bei dem Thema. Wenn wir darüber sprechen, wie ein Stadtbild für Herrn Merz auszusehen hat, stellen sich mir viele Fragen: Das Stadtbild ist nun mal auch von Menschen geprägt, die Nachfahren dieser ersten Generation von Arbeitern in Deutschland sind. Da fühle ich mich selbst angesprochen. Ich frage mich einfach, wo die CDU wirklich steht.
taz: Bei der IG Metall konnten Ausländer*innen Anfang der 60er Jahre auch nicht Mitglied werden. Den Betriebsrat durften sie erst ab 1972 wählen.
Sicilia: Es gibt aber auch positive Beispiele aus der Zeit: Bei Volkswagen setzte sich die IG Metall schon 1965 dafür ein, dass mit Lorenzo Annese ein ausländischer Betriebsrat gewählt werden konnte, obwohl es das Betriebsverfassungsgesetz damals nicht vorsah. Wir diskutieren bis heute sehr offensiv, wie Menschen mit Migrationsgeschichte in unserer Organisation vertreten sind. Dieser Prozess ist nicht zu Ende, auch wenn Menschen mit Migrationsgeschichte bei uns längst nicht mehr wegzudenken sind. Wenn ich mal Wolfsburg und Volkswagen als Beispiel nehme: Hier haben wir Daniela Cavallo als Betriebsratschefin, Tochter eines italienischen Gastarbeiters.
Bild: Carsten Heidmann Fotografie
Im Interview: Burcu Sicilia
35 Jahre alt, Betriebsrätin im Volkswagen-Werk in Wolfsburg. Ausgebildete Logistikmanagerin und Vorsitzende des Bildungsausschusses in der IG-Metall
taz: Bei ThyssenKrupp sitzt Tekin Nasikkol als IG-Metaller im Aufsichtsrat, bei Mercedes-Benz ist Ergün Lümali Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Bei beiden ist die Generation der Eltern als billige Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen. Wenn man auf die letzten 65 Jahre zurückblickt, würden Sie sagen, dass das eine Erfolgsgeschichte ist?
Sicilia: Ich tue mich mit dem Wort schwer, weil das doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber für die erste Generation ist es ein Erfolg. Sie waren hier nur geduldete Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen gelebt haben. Sie waren billige Arbeitskräfte – das war’s. Nun sehen sie, dass die Nachfolgegenerationen ein Teil der Entscheidungsgremien in den Betrieben sind. Heute blickt die erste Generation deshalb mit großem Stolz darauf zurück, welchen Grundstein sie hier unter den widrigsten Bedingungen gelegt hat.
65 Jahre Anwerbeabkommen
In Deutschland leben heute noch 125.000 ehemalige Gastarbeiter*innen aus der Türkei, die mit dem 1961 in Kraft getretenen und bis 1973 geltenden Anwerbeabkommen eingereist sind. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit rund 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag zum 65-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens mit.
Von den türkischen Einwanderern wurden 1,5 Millionen in der Türkei geboren. Sie lebten nach den im vergangenen Jahr erhobenen Zahlen durchschnittlich 32 Jahre in Deutschland. Eine große Rolle bei der Einwanderung spielt der Familiennachzug, der sich in den 1970er und 80er Jahren den Statistikern zufolge verstärkt habe. Etwa ein Drittel der heute in Deutschland lebenden Eingewanderten kam in dieser Phase hierher.
Bei knapp zwei Dritteln der in der Türkei geborenen und 2025 in Deutschland lebenden Eingewanderten standen laut Statistik familiäre Gründe als Migrationsmotiv im Vordergrund, etwa der Familiennachzug oder die Familiengründung. Weitere 15 Prozent gaben Erwerbstätigkeit als Hauptmotiv der Einwanderung an. Daneben nannten zehn Prozent Flucht und Asyl als Grund, sie verließen die Türkei aus politischen Gründen. Für vier Prozent war Bildung Hauptmotiv für den Umzug nach Deutschland. (afp)
taz: 1973 kam es zu wilden Streiks bei Ford in Köln, weil wegen der Konjunkturflaute türkische Arbeiter*innen aus vorgeschobenen Gründen entlassen werden sollten. Auch die IG Metall konnte den Arbeitskampf nicht kanalisieren. Spielen Geschichten wie diese für Sie heute noch eine Rolle?
Sicilia: Ich glaube, dass Vorfälle wie diese gezeigt haben, dass auch im Betriebsrat die Repräsentation dieser Menschen nicht da war. Sie hatten kaum Möglichkeiten, auf formalem Weg etwas voranzutreiben, und mussten eigenständig losgehen. Das war eine der Lehren, die wir für die Mitbestimmung ziehen mussten: In einem Gremium wie einem Betriebsrat muss man den Querschnitt der Gesellschaft abbilden, damit dort alle Belange vertreten sind.
taz: Die IG Metall bildet heute mit einem Anteil von etwa 25 Prozent bei den Menschen mit Migrationshintergrund ziemlich genau den Querschnitt der deutschen Gesellschaft ab. Ihre Gewerkschaft ist damit wahrscheinlich die politische Organisation in Deutschland mit der besten Repräsentanz. Wie haben Sie das geschafft?
Sicilia: Was wir als Gewerkschaft geschafft haben, ist, den Leuten einen sicheren Ort zu bieten. Bei uns ist es nicht die Herkunft, die Menschen zusammenbringt, sondern die Solidarität und das Zugehörigkeitsgefühl. Auch in den Betrieben haben wir es als Organisation geschafft, dass sich die Menschen zugehörig gefühlt haben. Durch die Mitbestimmung gibt es ein Thema, für das man gemeinsam streitet. Und es gibt noch einen anderen großen Faktor.
taz: Nämlich?
Sicilia: Wir haben es geschafft, Bildung zu bieten. Menschen, die beispielsweise in den 60er Jahren aus der Türkei gekommen sind und dort vielleicht gar nicht auf der Schule waren, konnten sich bei den Gewerkschaften sehr niedrigschwellig weiterbilden. Wir haben Vertrauensleute, die nur bis zur vierten Klasse zur Schule gegangen sind, die aber unsere Seminare besuchen, um sich auf einer anderen Ebene weiterzubilden. Wir haben geschafft, was die Politik an anderen Stellen nicht einmal versucht hat. Deshalb ist die Repräsentation bei uns so stark. Wir sind nicht fehlerfrei, wie gesagt, aber wir schaffen es, dass das Thema Herkunft in der Regel schlicht keine Rolle spielt.
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Von Etem Ete
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