Faustin fand Bein – «Vermisster Freund fühlte sich überwacht»

- Faustin (36) zog am Sonntag mit zwei weiteren Männern einen Sack ans Rheinufer, in dem sich ein Bein befand.
- Die Männer meldeten den Fund, worauf die Polizei kurz nach 7.30 Uhr eine umfangreiche Suche startete.
- Faustin vermutet, dass er die Überreste eines Freundes gefunden hat – dieser galt seit Samstag als vermisst.
- Laut der Kantonspolizei Aargau deuten die Umstände auf ein Tötungsdelikt hin. Genauere Angaben zu Tatort, Tatzeit und Täterschaft sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Drei Männer entdeckten am Sonntag in Stein im Kanton Aargau entlang des Rheins einen Plastiksack. Als sie ihn ans Ufer zogen, fanden sie darin ein menschliches Bein. Einer der drei Männer ist Faustin (36) aus Burundi. Am Montag ist er mit 20 Minuten zur Fundstelle gegangen und hat über den Fund gesprochen.
«Wir vermissen meinen Freund, einen Landsmann, seit Samstag», sagt er. Den ganzen Samstag hätten Freunde nach dem Vermissten (27) gesucht. «Ein Kollege aus dem gleichen Asylheim, der auch aus Burundi ist, konnte nicht schlafen. Am Sonntag um 6 Uhr stand er auf und ging ans Rheinufer, um nach unserem Freund zu suchen.» Faustin sei eine halbe Stunde später dazugestossen, sagt er.
«Habe Angst um meine Sicherheit»
Kurz darauf, so der 36-Jährige weiter, hätten sie dann einen Fund gemacht. «Wir entdeckten einen schwarzen Abfallsack unter Wasser, nicht weit unter der Oberfläche. Mit dicken Ästen zogen wir ihn an Land.» Rasch sei ein männliches Bein zum Vorschein gekommen. «Ich weiss nicht hundertprozentig, ob es mein vermisster Freund ist», so Faustin weiter. Die Haut sei vom Wasser schon recht ausgebleicht gewesen, erklärt er. Aber am oberen Ende des Beins hätten sie erkennen können, dass es sich «um eine dunkelhäutige Person handle». Daher vermutet er stark, dass es sein vermisster Freund sei.
Das Bein sei vollständig gewesen. «Und oben ein klarer Schnitt.» Er sei immer noch traumatisiert, schlafe seither kaum. «Vor allem habe ich Angst um meine Sicherheit. Asylbewerber aus Burundi werden teilweise überwacht. Auch mein Freund, der seit Freitagabend verschwunden ist, fühlte sich überwacht. Sein Mitbewohner im Asylheim fragte ihn nämlich immer wieder, wo er war, wenn er nicht in Stein übernachtete», so Faustin.
«Er war unser Kontakt zu Schweizer Aktivisten»
Der Vermisste habe sich für Menschenrechte eingesetzt. «Er war Mittelsmann zwischen uns Asylbewerbern und politischen Aktivisten aus der Schweiz, die sich für uns einsetzen. Ich frage mich nun: Bin ich auch in Gefahr?» Denn die Art und Weise, wie die Leiche im Rhein entsorgt wurde, erinnere ihn an Methoden der Regierung seines Heimatlandes. «Bei uns werden Oppositionelle bei Massakern getötet, zerstückelt und in Flüsse geworfen.»
Ob es sich beim gefundenen männlichen Toten wirklich um seinen Freund handelt, hat die Polizei Faustin bisher nicht bestätigt. «Aber angesichts der Umstände gehe ich stark davon aus, dass er es war.»
Der Mitbewohner des Vermissten (27), der aus Bangladesch stammt, sprach ebenfalls mit 20 Minuten: «Mein Mitbewohner ging am Freitagabend weg und liess sein Ladegerät in unserem Zimmer. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass er noch am Leben ist und wir ihn nur deshalb nicht finden können, weil sein Handy ausgeschaltet ist.»
Polizei fand weitere Säcke mit Leichenteilen
Kurz nach 7.30 Uhr am Sonntag leitete die Polizei vor Ort eine umfangreiche Suche ein, wie die Kantonspolizei Aargau am Montagmorgen in einer Mitteilung schreibt. Mit einem Boot und Polizeitauchern fanden Einsatzkräfte im Verlauf des Tages weitere Säcke mit Leichenteilen.
Die Polizei und die Staatsanwaltschaft haben ihre Ermittlungen aufgenommen. Die Identität des Verstorbenen ist noch nicht abschliessend geklärt. Allerdings deuten die Umstände laut Kantonspolizei Aargau auf ein Tötungsdelikt hin.
Zeuginnen und Zeugen gesucht
Nun untersucht das Institut für Rechtsmedizin Aargau die Leiche, um die Todesumstände und die Identität des Mannes zu klären. Angaben zu Tatort, genauer Tatzeit und möglicher Täterschaft liegen gemäss Kantonspolizei Aargau noch nicht vor.
Die Kriminalpolizei sucht Zeuginnen und Zeugen, die am Rheinufer in Stein oder anderswo verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Hinweise nimmt sie unter leibleben.kripo@kapo.ag.ch entgegen.
Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.
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