The Daily Newsstand · Free, Always
Friday, October 30, 2026

«Ich arbeite voll und muss trotzdem zur Essensausgabe»

Translate
Die steigenden Lebenshaltungskosten sind das Megathema im US-Wahlkampf um die Midterms. 20-Minuten-Reporterin Carolin Teufelberger hat mit den Menschen beim Einkauf über ihre täglichen Sorgen gesprochen.20min

Darum gehts

  • Kein Thema bewegt Amerikanerinnen und Amerikaner vor den richtungsweisenden US-Midterms 2026 mehr als die Preise für Benzin und Lebensmittel.
  • Wie hart die steigenden Preise die Menschen treffen, zeigt sich beim Einkauf in den berühmten US-Warenhausriesen.
  • Die Menschen erzählen, wo sie überall sparen müssen, um sich die alltäglichen Sachen noch leisten zu können.
  • Einige hoffen, dass die Midterms daran etwas ändern – wirklich überzeugt ist aber kaum jemand.

Fluoreszierende Lichtröhren zieren die hohen Decken. Würde man sie aneinanderreihen, wären sie bestimmt mehrere Kilometer lang. Darunter stapeln sich Gemüse, Fleisch, Kleidung, Spielzeug und diverse weitere Waren. Während man hier als Schweizerin allein wegen der schieren Auswahl an Produkten überfordert ist, sind es die Amerikanerinnen und Amerikaner vor allem wegen der Preistafeln. «Man merkt es im Portemonnaie», antwortet Brian auf die Frage, wie er die letzten zwei Jahre Trump-Präsidentschaft beschreiben würde.

Während seine Frau einkauft, wartet der 55-Jährige im Auto auf dem weitläufigen Walmart-Parkplatz in Rockford, Illinois. Dass das Leben teurer geworden sei, merke er längst nicht nur an der Tankstelle. Lebensmittel, Kleider – die Preise stiegen überall. «Deshalb kaufen wir jetzt häufiger günstigere Eigenmarken. Wenn es ungefähr gleich schmeckt, muss es nicht mehr das Markenprodukt sein», erklärt er.

«In unserer Politik geht es darum, wer der beste Lügner ist»

Dass sich an der Wirtschaftslage bald etwas ändert, glaubt er nicht. Brian geht deshalb auch nicht wählen. «In unserer Politik geht es darum, wer der beste Lügner ist.» Auch Menschen in seinem Umfeld, die früher immer gewählt hätten, hätten aufgegeben. «Sie glauben nicht mehr daran, mit ihrer Stimme etwas bewirken zu können.»

Brian glaubt nicht, dass sich an der Wirtschaftslage bald etwas ändert. Und auch nicht, dass seine Stimme bei den Midterms etwas bewirken kann. (Symbolbild)

Brian glaubt nicht, dass sich an der Wirtschaftslage bald etwas ändert. Und auch nicht, dass seine Stimme bei den Midterms etwas bewirken kann. (Symbolbild)20min/Carolin Teufelberger

Dabei macht Brian nicht allein Trump verantwortlich. Ein Präsident könne viel versprechen, sagt er. Umsetzen könne er es deshalb noch lange nicht. Dafür brauche er andere, die mitzögen. Das sei unter dessen Vorgängern nicht anders gewesen. Brian vergleicht es mit einem Versprechen, das er selbst geben könnte: «Ich kann sagen, ich kann morgen einen Lamborghini fahren. Aber habe ich dafür genug Geld, komme ich an ein Auto ran? Das ist völlig unklar.»

«Fürchte, dass für Veränderung etwas Einschneidendes passieren muss»

Trotzdem müsse etwas passieren, sagt Brian. «Die Menschen müssen sich ihr Leben wieder leisten können.» Dass dafür ein paar kleine politische Schritte reichen, bezweifelt er. «Ich fürchte, dass etwas Einschneidendes geschehen muss.»

Mehr zu diesem Thema

Auch Julissa schaut beim Einkaufen genauer hin. Die 23-Jährige aus Rockford arbeitet im Marketing. Sie vergleiche inzwischen stärker die Preise verschiedener Geschäfte. «Es ist dasselbe Produkt, dieselbe Qualität, aber teilweise ein ganz anderer Preis.» Besonders spüre sie die gestiegenen Kosten beim Tanken. «Selbst bei Costco ist das Benzin richtig teuer.»

Die Löhne hielten mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt, sagt Julissa. Manche Unternehmen hätten die Löhne zwar etwas angehoben, sodass ihre Angestellten einigermassen leben könnten. Die meisten aber nicht. «Für viele ist es deshalb schwierig, über die Runden zu kommen.»

«Am Ende zählen Taten, nicht die Versprechen der Politiker.»

Julissa, 23

Anders als Brian will Julissa sich vor der Wahl genauer mit den Kandidierenden beschäftigen. Bisher habe sie sich noch gar nicht mit den Midterms auseinandergesetzt. Weder den Demokraten noch den Republikanern fühle sie sich verpflichtet. Sie wolle wissen, was jemand bereits geleistet habe. «Politiker erzählen dir: Ich werde das tun, ich werde dies tun. Am Ende zählen aber Taten, nicht reine Versprechen.» Von Trump sei sie in mancher Hinsicht enttäuscht. «Wir brauchen einen Präsidenten, der das Land vereint, nicht spaltet.»

Gabby (33): Lebensmittelabgabe trotz Vollzeitstelle

Weiter südlich, in Dallas, Texas, erzählen die Menschen vor den Supermärkten ähnliche Geschichten. «Obwohl ich Vollzeit arbeite, hole ich mir teilweise Lebensmittel bei kostenlosen Ausgabestellen», sagt Gabby (33). Erst müssten die Rechnungen bezahlt werden, die Versicherungen. Für Lebensmittel und Benzin werde es danach knapp. Gerade das Tanken schmerze, sagt Gabby, die einen Pick-up fährt.

Sie kaufe deshalb bei Aldi ein, wo es günstiger sei als bei anderen Supermärkten. Zu Hause werde viel gekocht, auswärts gegessen nur noch selten. Ins Kino gehe sie gar nicht mehr. «Bei diesen Preisen kann man eigentlich nichts mehr unternehmen.» Dass die Midterms daran etwas ändern könnten, hofft Gabby. So richtig überzeugt klingt sie aber nicht.

«Selbst die Drinks sind teuer. An der Happy Hour ist nichts mehr happy.»

Alex, 27

Alex hat gerade seinen Wocheneinkauf erledigt. Der 27-Jährige arbeitet als Ingenieur und studiert nach seinem ersten Abschluss weiter. Eigentlich habe er alles gemacht, was ihm die älteren Generationen geraten hätten. «Geh zur Uni, mach einen guten Abschluss, dann bekommst du einen guten Job.» Er habe den Abschluss. Er habe den Job. «Aber die Bezahlung passt nicht zur Wirtschaftslage.»

Benzin, Lebensmittel, alles sei teuer. «Eine 18er-Packung Eier hat während meiner Studienzeit höchstens fünf Dollar gekostet, jetzt zahle ich zwischen neun und 13 Dollar.» Essen gehe er kaum noch, stattdessen würde er «Meal preppen». Und selbst die kleinen Vergnügen seien kaum noch welche. «An der Happy Hour ist nichts mehr happy», sagt er – und lacht trotzdem.

«Wer heute billig und ungesund isst, zahlt später dafür»

Bei der Qualität der Lebensmittel wolle er trotzdem möglichst keine Abstriche machen. Wer heute nur billig und ungesund esse, zahle womöglich später dafür, sagt Alex. Gerade in einem Land, in dem nicht alle krankenversichert seien, mache ihm das Sorgen.

Er selbst wünsche sich deshalb ein demokratischeres Texas. «Am liebsten wäre es mir, wenn der Staat blau würde. Aber fangen wir mit Violett an. Einen Schritt nach dem anderen.» Nur weil jemand Demokrat sei, bekomme er aber noch lange nicht automatisch seine Stimme, betont Alex. «Ich habe mir die Kandidierenden genau angeschaut.»

Fernanda (23) muss Essen priorisieren, darunter leiden die Kinder

Für Fernanda (23) bedeutet Sparen vor allem, ihren Kindern manches nicht bieten zu können. Ihre Tochter ist drei Jahre alt, das Baby elf Monate. Ihr Mann verdiene das Geld, sie kümmere sich zu Hause um die Kinder und den Haushalt. Für Lebensmittel und das Nötigste reiche es. Ausflüge lägen dagegen kaum drin. An der Chilbi oder auf dem Kürbisfeld sei zu schnell viel Geld weg. «Ich muss Essen und andere wichtigere Dinge priorisieren.»

DC habe mit 71 Jahren schon einige wirtschaftlich schwierige Zeiten erlebt. Dass gerade alles teurer werde, merke aber auch er. «Benzin, Lebensmittel, Wasser, die ganzen Nebenkosten.» Besonders bei Fleisch und Eiern falle es ihm auf. «So wie früher ist es nicht mehr.»

«Alles, was man tun kann, ist hoffen und beten.»

DC, 71

Er sei pensioniert, eine grosse Familie müsse er nicht mehr ernähren, das komme ihm zugute. Trotzdem müsse er auf sein Budget achten und kaufe deshalb bei Aldi oder Save-A-Lot ein und halte nach Angeboten Ausschau. Sich darüber auch noch aufzuregen, wolle er aber vermeiden. «Ich mag keinen Stress.» Ob sich nach den Midterms etwas bessern werde, könne man bei den Leuten, die ins Amt wollten, nie wissen. «Alles, was man tun kann, ist hoffen und beten.»

Spürst du auch in der Schweiz, dass Lebensmittel teurer werden?

US-Midterms 2026: Alle News zu den Wahlen

Am Dienstag, 3. November, wählen die USA das gesamte Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats neu. Die Midterms entscheiden darüber, ob Donald Trumps Republikaner ihre Mehrheiten im Kongress verteidigen können. 20 Minuten berichtet direkt aus den USA.

Carolin Teufelberger

Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.

View the original on 20 Minuten →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.