Gewaltschutzwohnungen für Männer: Seltene Zuflucht

Seit einem Jahr gibt es in Hannover und Hamburg Schutzwohnungen für männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt. Im Rest des Nordens fehlen Zufluchtsräume.
Foto: Daniel Karmann/dpa
Häusliche Gewalt trifft vor allem Frauen. Aber auch Männer erleben psychische Demütigungen oder physische Übergriffe und brauchen Schutz. Bundesweit gibt es vereinzelt seit Längerem Schutzräume auch für Männer. Vor etwas mehr als einem Jahr eröffneten auch in Hannover und Hamburg die ersten spezialisierten Gewaltschutzwohnungen für Männer und nichtbinäre Menschen und deren Kinder. Die Erfahrungen hier zeigen: Der Bedarf ist hoch, die Umsetzung funktioniert, aber es ist unklar, ob und wie es nach 2027 dauerhaft weitergehen kann.
Dass diese spezialisierten Zufluchtsräume geschaffen wurden, ist eine Reaktion auf eine strukturelle Leerstelle im Hilfesystem für Opfer von häuslicher und Partnerschaftsgewalt: Zwar machen Frauen nach wie vor den weit überwiegenden Teil der Betroffenen aus, aber laut der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts ist rund jedes fünfte Opfer von Partnerschaftsgewalt männlich. Jeder zweite Mann ist laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Laufe des Lebens von Gewalt in der Partnerschaft betroffen.
Dabei gilt die Dunkelziffer als hoch, weil Scham, gesellschaftliche Rollenbilder und die Angst, als Opfer von Gewalt nicht ernst genommen zu werden, betroffene Männer häufig daran hindern, sich Hilfe zu suchen oder Anzeige zu erstatten. Sie stehen bei einer Flucht aus dem gemeinsamen Haushalt auch vor dem Problem, dass herkömmliche Schutzräume wie Frauenhäuser für sie verschlossen sind.
Wie stark diese Hürden wirken, zeige sich im Beratungsalltag, sagt Ilka von Engel vom Träger Lawaetz – Wohnen & Leben gGmbH, der mit dem Projekt Alivio den ersten Schutzraum für Männer und nichtbinäre Personen in Hamburg geschaffen hat. Im Frühjahr ist eine Wohnung für eine Zweier-WG dazugekommen.
Je schwieriger es in einer Gesellschaft ist, als Mann Hilfe zu suchen, desto schwieriger ist es dann für Betroffene
Ilka von Engel vom Träger Lawaetz – Wohnen & Leben gGmbH
Gerade bei Männern in exponierten Berufen – etwa aus der Justiz, von der Polizei, aus medizinischen Berufen oder dem Sicherheitsgewerbe – kollidiere der Schritt ins Hilfesystem mit gängigen Männlichkeitsbildern. „Je schwieriger es in einer Gesellschaft ist, als Mann Hilfe zu suchen, desto schwieriger ist es dann für Betroffene“, betont von Engel. Gerade die zugesicherte Anonymität sei für diese Klienten oft die einzige Möglichkeit, sich überhaupt anzuvertrauen.
Ohne spezialisierte Anlaufstellen führten akute Krisensituationen für betroffene Männer nicht selten direkt in die Obdachlosigkeit – oder sie zwängen sie, in der gewalttätigen Beziehung zu verbleiben, sagt Tjark van Neer vom Verein Männerbüro Hannover, der dort das Projekt Schutzwohnungen leitet. Der Verein unterstützt seit rund 20 Jahren männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt und berät Täter.
Finanzierung ungesichert
In Hannover betreibt der Verein eine Schutzwohnung an anonymer Adresse mit drei Plätzen für Väter und Kinder. Die Anfragen bewegten sich im hohen zweistelligen Bereich. „Wir haben ein Produkt, was so rar ist, dass es sich nicht lohnt, das zu bewerben, weil man damit falsche Hoffnungen schürt“, sagt van Neer.
Auch in Hamburg suchten viele Männer Schutz, sagt von Engel. Beide Wohnungen seien durchgehend belegt. Im ersten Jahr habe es mehr als 30 konkrete Anfragen gegeben. Elf konnten nicht berücksichtigt werden, etwa weil keine häusliche Gewalt vorlag, es eine andere Zuständigkeit gab oder akute psychische Krisen vorlagen und eine Betreuung nicht gewährleistet war, erzählt von Engel. Voraussetzung für die Aufnahme sei stets die Anbindung an spezialisierte Fachberatungsstellen wie die Opferhilfe Hamburg, I.bera oder Basis Praevent.
Als zentrales Nadelöhr im Alltag erweist sich – ähnlich wie bei Frauenhäusern – sowohl in Hamburg als auch in Hannover der Mangel an Anschlusswohnungen. Wenn der Auszug aus dem Schutzraum in eine eigene Wohnung stockt, blockiere dies die dringend benötigten Plätze für nachrückende Hilfesuchende, sagt van Neer.
Die Finanzierung der Modellprojekte läuft offiziell Ende 2027 aus, darüber hinaus sind sie noch nicht gesichert. Für die Mitarbeiter:innen und besonders für die Klienten, die ohnehin aus unsicheren Verhältnissen kommen, bedeute diese Planungsunsicherheit eine enorme Zusatzbelastung, sagt van Neer. Er sei aber zuversichtlich, auch weil er erlebe, dass die Sensibilität und Offenheit für das Thema zunehme.
Wenig Einrichtungen für männliche Opfer
Über die Modellprojekte in Hamburg und Hannover hinaus ist das Netz an Einrichtungen, die sich speziell an männliche Opfer von häuslicher und Partnerschaftsgewalt richten, im Norden noch dünn geknüpft.
Ein eigenes System von Schutzwohnungen für männliche Gewaltopfer fehlt etwa in Schleswig-Holstein bislang komplett. Betroffene bleiben im Ernstfall auf allgemeine Beratungsstellen oder Obdachlosenunterkünfte angewiesen. In Bremen existieren zwar ambulante Beratungsangebote, eine spezialisierte Gewaltschutzwohnung für Männer gibt es aber nicht.
In Niedersachsen gibt es abseits des Modellprojekts in Hannover schon seit 2002 in Oldenburg eine ehrenamtlich geführte Schutzwohnung, die bundesweit erste ihrer Art.
Dass der Ausbau der Männerschutzeinrichtungen keineswegs gegen den Schutz von Frauen ausgespielt werden darf, betonen sowohl van Neer als auch von Engel. „Man muss das differenziert sehen. Man braucht beides“, so von Engels Fazit. Auch van Neer warnt davor, das Thema politisch für Lagerkämpfe oder Spaltungen instrumentalisieren zu lassen.
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