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Saturday, September 26, 2026

Geschlechterkampf an der Urne: Warum wählen junge Frauen immer linker - und junge Männer rechts?

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Geschlechterkampf an der UrneWarum wählen junge Frauen immer linker - und junge Männer rechts?

26.09.2026, 10:52 Uhr IMG_2306 (1)Von Raya Emilia Frick

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AfD und die Linke überzeugen unterschiedliche Gruppen. (Foto: picture alliance / Volodymyr Sindieiev)

Die vergangenen Wahlen zeigen einen Trend bei jungen Menschen. Zwischen den Geschlechtern tut sich ein politischer Graben auf. Woher kommen diese unterschiedlichen Entwicklungen?

Junge Frauen und Männer unterscheiden sich zunehmend darin, welcher Partei sie bei Wahlen ihre Stimme geben. Dabei fällt auf: Junge Frauen wählen mit hoher Zustimmung die Linke, während unter jungen Männern rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien mehr Zuspruch erhalten. Es zeigt sich eine regelrechte Polarisierung zwischen den Geschlechtern.

Das Muster ist neu: Frauen wählten über weite Teile des 20. Jahrhunderts konservativer als Männer. Inzwischen hat sich das stark verändert. Besonders zwischen jungen Männern und jungen Frauen gibt es einen Unterschied in der Parteiwahl. Diese Lücke, eine "Gender Gap", zeigte sich deutlich bei der Bundestagswahl 2025. Laut der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten mehr als 35 Prozent der 18- bis 24-jährigen Frauen für die Linke ab. Bei jungen Männern wurde dagegen die AfD stärkste Partei. Zwischen 2021 und 2025 legte sie bei jungen Männern von 8 auf 28 Prozent zu. Bei den Frauen lediglich von 5 auf 15 Prozent.

Auch bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am vergangenen Sonntag wählten laut RBB 51 Prozent der Wählerinnen unter 25 Jahren die Linke. Mehr als jede zweite junge Frau in Berlin. Bei den jungen Männern waren es hingegen nur 34 Prozent. Dafür wählten 15 Prozent der jungen Männer die AfD. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 war die AfD bei jungen Männern ebenfalls deutlich stärker als bei jungen Frauen (14, 7 Prozent). Es entschieden sich nur 8,1 Prozent der Frauen für die rechtsextreme Partei.

Ein Grund für die unterschiedlichen Wahlentscheidungen sind politische Wertvorstellungen. Laut der Shell-Jugendstudie verorteten sich 2024 über die Hälfte der jungen Frauen (51 Prozent) links oder eher links, gegenüber 41 Prozent der jungen Männer. Umgekehrt ordneten sich 25 Prozent der jungen Männer, aber nur 11 Prozent der jungen Frauen dem rechten Spektrum zu. "Die Linke und die Grünen stehen stark für Feminismus und Gleichstellung, was bei den jungen Frauen gut ankommt", sagt der Soziologe Ansgar Hudde im Gespräch mit ntv.de. Er forscht an der Universität Köln unter anderem zu Polarisierung und Wahlverhalten.

Gleichstellung als starker Faktor

Der Gleichstellungskonflikt ist ein starker Faktor für junge Frauen, sich für Parteien links der Mitte zu entscheiden: Sie erleben viele Ungleichheiten im Alltag oder ihrer Lebensplanung. Das fängt mit ungleichen Löhnen an. Laut Statistischem Bundesamt erhalten Frauen im Schnitt immer noch 16 Prozent weniger Lohn als Männer. Frauen übernehmen zudem zu einem Großteil Pflege- und Care-Arbeit, oft zusätzlich zu einem Beruf. Bei Fragen nach reproduktiver Selbstbestimmung sind Frauen immer noch eingeschränkt, wie etwa beim Schwangerschaftsabbruch. Linke Parteien legen auf diese Themen einen spezifischen Fokus. Jungen Frauen sind Gleichberechtigung, gleiche Bezahlung und Abtreibungsrecht ausdrücklich wichtiger als ihren männlichen Altersgenossen, zeigen Studien.

Rechte Parteien stehen dagegen für eine konservative, aber auch fremdenfeindliche Politik. Bei ihren Wählern sieht Hudde unterschiedliche Motive: "Das sind teilweise rechtsextreme Haltungen, aber beispielsweise auch der Wusch nach Kontrolle der Zuwanderung." Die AfD spiele zudem mit einem Gefühl der Nostalgie, erklärt Hudde. "Dieses könne bei Männern unter Umständen stärker ankommen, weil es auf eine Zeit verweist, in der Männer gesellschaftlich einen höheren Status hatten". Auch junge Menschen, die diese Zeit selbst nicht erlebt haben, können auf ein solches politisches Angebot reagieren: "Man kann auch gegenüber einer Zeit nostalgisch sein, die man nie erlebt hat", so Hudde.

Soziale Medien tragen zur Lücke bei

Wie groß die Rolle sozialer Medien bei Wahlentscheidungen ist, ist inzwischen vielfach wissenschaftlich belegt. Linke wie rechte Akteure sind dort sehr aktiv. Offenbar tragen auch sie zum Wahl-Gender-Gap bei. "Dort informieren sich junge Leute über Politik", sagt der Soziologe. Die angezeigten Inhalte können sich dabei deutlich unterscheiden. "Vor 20 Jahren, als sich die Leute über die Tagesschau informiert haben, haben junge Frauen dieselbe Tagesschau gesehen wie junge Männer", sagt Hudde. Heute verändert der Algorithmus die angezeigten Inhalte. "Leute beschreiben, wie sie dasselbe Video angezeigt bekommen, aber wenn sie auf die Kommentare klicken, ist die Reihenfolge sehr unterschiedlich", nennt der Experte ein Beispiel. Jungen Männern und Frauen werden somit systematisch unterschiedliche Dinge angezeigt. Das kann Wahlentscheidungen weiter in entgegengesetzte Richtungen treiben.

Wie stark die Unterschiede ausfallen, hängt neben den verschiedenen Medienwelten auch vom Bildungsstand ab. "Bildung ist ein Faktor, der viel vom Wahlverhalten erklärt", sagt Hudde. Frauen haben im Schnitt höhere formale Bildungsabschlüsse, studieren häufiger und profitieren von Förderprogrammen. Männer hingegen schneiden im Bildungssystem schlechter ab. "Dadurch kann es sich auf individueller Ebene für Männer im Vergleich mit Frauen so anfühlen, als gäbe es Rückschläge oder als würden Rückschläge drohen", erklärt der Experte.

Menschen mit höherer akademischer Bildung wählen seltener die AfD, so Hudde. Bei der Bundestagswahl 2025 hatte ein Großteil der AfD-Wähler den Hauptschulabschluss (34 Prozent) oder die Mittlere Reife (25 Prozent). Dagegen wählten kaum Menschen mit Abitur oder Fachhochschulreife (11 Prozent) die AfD.

Rollenvorstellungen unterscheiden sich

Hinter dem Gender-Gap stehen auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Frauen und Männer leben wollen und welche Rolle sie einnehmen sollten. Die politischen und individuellen Trends unterscheiden sich dabei. "Im privaten Leben vieler gab es in den vergangenen Jahrzehnten bei der Gleichstellung viele Fortschritte", sagt Hudde. "Männer, die heute Väter werden, verbringen viel mehr Zeit mit ihren Kindern als die Generation ihrer Väter". Gleichzeitig entwickle sich der politische Diskurs "an manchen Stellen" ins Gegenteil, sagt Hudde. Die Parteien verbreiten teils sehr gegensätzliche Vorstellungen von Geschlechterrollen. Das AfD-Programm erklärt die "traditionelle Familie" zum Leitbild. Ehe und Familie sollen geschützt werden. Die Frau wird dabei stärker auf ihre Rolle als Mutter reduziert. Linke Parteien definieren Familien viel breiter. Sie setzen ausdrücklich auf rechtliche Gleichstellung und Antidiskriminierungsgesetze.

Auch bei den Mitgliedern gibt es strukturelle Unterschiede zwischen den Parteien. Die AfD wird oft als Männerpartei beschrieben. Laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut sind in der AfD so wenig Frauen Mitglieder, wie sonst in keiner anderen Partei im Bundestag (19 Prozent). In der Linken sind dafür so viele Frauen aktiv, wie sonst nur bei den Grünen. Der Anteil liegt bei fast 40 Prozent. Junge Menschen wählen Parteien, von denen sie sich repräsentiert fühlen. Wenn sie erwarten, von den bestehenden Strukturen benachteiligt zu werden, sind sie offener für Parteien, die gegenteilige oder abweichende Versprechen machen. Hudde stellt klar: "Es gibt sowohl von Frauen als auch von Männern nachvollziehbare Gründe, weshalb sie mit dem Zustand der Gleichstellungspolitik oder mit der Perspektive unzufrieden sind."

Stigmatisierung lässt nach

Lange mieden Frauen extreme oder stigmatisierte Parteien, während Männer sie selbstverständlicher wählten. Das wurde vielfach mit dem größeren Harmoniebedürfnis von Frauen erklärt. "Diese gesellschaftliche Stigmatisierung der Parteien lässt nach", meint Hudde mit dem Blick auf die Wahlergebnisse der AfD in Sachsen-Anhalt, bei denen auch viele Frauen AfD gewählt haben. "Zudem scheint die Stigmatisierung der Linken, zu der viele jungen Frauen von den Grünen gewechselt sind, abzunehmen", so Hudde. Das hat enorme Auswirkungen. Die Linke war 2005 die Partei mit der männlichsten Wählerschaft. 2025 wurde sie erstmals mehr von Frauen als von Männern gewählt und ist jetzt die Partei mit der weiblichsten Wählerschaft.

Eine stärkere Annäherung der Geschlechter beim Wahlverhalten ist in den kommenden Jahren wieder möglich, aber schwer einzuschätzen, so der Experte. Bei der Wahl des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani 2025 zeigte sich beispielsweise eine geringe Gender-Gap. Er erreichte bei den jungen Frauen über 80 Prozent, bei jungen Männern knapp 70 Prozent. "Städte wie New York oder auch Berlin sind aber sehr spezifische Wählersegmente", so Hudde. "Die Bevölkerungen dort sind im Schnitt höher gebildet und haben einen größeren Anteil migrantischer Gruppen als in der Gesamtbevölkerung."

Hudde geht vorläufig davon aus, dass sich die aktuellen Tendenzen im Wahlverhalten bei den mittleren Altersgruppen fortsetzen werden. Bei den jungen Leuten sei dagegen alles möglich: "Da ist sehr viel in Bewegung" sagt er im Blick auf zukünftige Wahlen. Verschwinden werde das entgegengesetzte Wahlverhalten von jungen Frauen und Männern aber so schnell nicht.

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