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Sunday, November 8, 2026

Schmerz und Therapieverweigerung: Männer sollten öfter ihre "Big Boy Pants" anziehen

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Schmerz und TherapieverweigerungMänner sollten öfter ihre "Big Boy Pants" anziehen

08.11.2026, 18:58 Uhr imageVon Solveig Bach

Stark sein, schweigen, irgendwie weitermachen: Viele Männer leiden, ohne Hilfe zu suchen. Florian Heide kennt das, bis ihn ausgerechnet eine Psychotherapie und das Eingeständnis seiner Grenzen befreit. 

Mehr als 60 Prozent der alkoholabhängigen Menschen in Deutschland sind Männer, ebenso mehr als 80 Prozent der Drogentoten und mehr als 85 Prozent der Mordverdächtigen, aber nur etwa ein Drittel der Personen in der ambulanten Psychotherapie. "Männer leiden und schweigen", sagt Florian Heide, der mit "Odysseus' Tränen" gerade ein Buch für alle Männer veröffentlicht hat, die "angeblich keine Therapie brauchen".

Heide ist Anfang 30 und gehört damit zu einer jüngeren Generation, die in dem Ruf steht, vieles schon anders zu machen als die eigenen Väter und Großväter. Trotzdem mache die männliche Sozialisation vielen Männern "die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Mist" noch immer schwer, sagt er. "Es ist ja nicht so, als ob man mit seinem Papa früher dagestanden ist und es dann hieß: Das ist doch völlig in Ordnung, wenn du weinst, wir reden jetzt mal ganz offen über deine Gefühle", so Heide im Gespräch mit ntv.de. "Sondern man hat beigebracht bekommen, dass man erst mal stark sein muss." 

Der Autor selbst kämpfte jahrelang mit Zwangs- und Grübelattacken. "Ich lag drei, vier Stunden auf der Couch und habe gegen die Decke gestarrt, unfähig, mich zu bewegen und aus diesem Gedankenkreislauf irgendwie wieder rauszukommen." Das kostete ihn extrem viel Lebensqualität und schuf einen Leidensdruck, aus dem er schließlich nur einen Ausweg wusste – Psychotherapie. Warum das vielen Männern in der gleichen Situation nur schwer gelingt, ist für ihn nicht schwer zu verstehen. "Es gehört viel dazu, selbst zu erkennen, dass man wirklich leidet und dass das ein Problem ist." Die Angst, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sei real und schwer zu überwinden. 

Wer bin ich als Mann?

Häufig sei es bei Männern so, dass andere auf sie zukommen und sagen: Irgendwas ist doch nicht in Ordnung mit dir. Sprich doch mal drüber. Schon die Erkenntnis, dass es nicht normal ist, die ganze Zeit zu leiden oder in einem inneren Monolog sehr abwertend mit sich selbst zu sprechen, sei für viele überraschend. Meist wird dann auf die Sozialisation in der Familie verwiesen, über die man ja als Kind nicht mitbestimmen kann. Heide lässt diesen Einwand aber nur begrenzt gelten. 

"Wenn wir erwachsene Männer sind, dann können wir diese Sozialisation durchaus hinterfragen", gibt er zu bedenken. "Dann können wir uns auch fragen: Macht das für mich und für mein Leben Sinn und will ich das eigentlich so aufrechterhalten?" Seine eigene Therapeutin sprach in diesen Momenten immer davon, die "Big Boy Pants" anzuziehen, also nicht in der Rolle des Kindes zu bleiben, sondern als verantwortungsvoller, erwachsener Mann zu agieren.  

Für Heide war das lange eine Zumutung und auch eine Überforderung. Erst nach und nach verstand er, wie viel Freiheit für ihn daraus erwuchs, seine eigenen Männlichkeitsstandards zu definieren.  "Es gibt Männer, für die bedeutet Stärke, große Muskeln zu haben oder zehn Stunden zu arbeiten und das Geld für die eigene Familie nach Hause zu bringen. Es gibt aber auch Männer, die sagen, Stärke ist, wenn ich mich bei einem Konflikt mit meiner Frau hinsetze und wir das ausdiskutieren, bis er vom Tisch ist - und zwar auf Augenhöhe." Das sei eine freie Entscheidung, die jeder für sich treffen könne und sollte.  

Wie kann man Krisen meistern?

Viele althergebrachte Formen von verinnerlichter Männlichkeit sind ungesund für die körperliche und mentale Gesundheit von Männern. Wer glaubt, Schmerzen aushalten zu müssen oder einen Arztbesuch mit Schwäche gleichsetzt, bekommt vielleicht zu spät ärztliche Hilfe oder verpasst wichtige Vorsorgeuntersuchungen. Wer meint, keine Schwäche zeigen zu dürfen, alles allein schaffen zu müssen oder Gefühle wie Trauer oder Angst als "unmännlich" empfindet, wird diese Belastungen möglicherweise mit Rückzug, Aggression oder erhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum kompensieren. 

"Das alles sind Mechanismen, die nichts dazu beitragen, dass wir Lebenskrisen gut bewältigen", sagt Heide. Gerade deshalb sei es wichtig, sich zu überlegen, wie man mit Krisen umgehen will, "damit ich gut durch mein Leben komme und um mich herum niemandem schade". Diejenigen, deren Bewältigungsmechanismus darin bestehen, dann vier Wochen in der Kneipe zu verbringen, litten nicht nur selbst darunter, sondern belasteten auch Freunde, Eltern, Geschwister, Partnerpersonen oder Kinder enorm. "Und das ist einfach unfair und feige." 

Inzwischen gibt es einige prominente Männer, die sich zu ihren psychischen Problemen oder Erkrankungen offen bekennen. Torsten Sträter und Kurt Krömer waren nach eigenen Angaben zeitweise depressiv, Krömer außerdem alkoholabhängig. Der frühere Trigema-Chef Wolfgang Grupp rutschte nach der Übergabe seines Unternehmens in eine Altersdepression und unternahm einen Suizidversuch. Heide ist dankbar, dass diese Männer mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen sind. "Wir haben die Klischeevorstellung, wenn du reich und berühmt bist, dann bist du auch jemand, der super funktional und perfekt eingegliedert in diese Gesellschaft ist." Sträter, Krömer und Grupp stellen dieses Klischee infrage und öffnen damit auch anderen Männern Türen.  

Stärke neu definiert

Heide hat nicht zuletzt durch die Therapie für sich erkannt, dass er gern viel arbeitet. "Ich weiß, dass sich das auch nicht verändern wird, weil ich ein leistungsgetriebener Mensch bin." Inzwischen verstehe er aber auch, dass er nach zwei, drei Monaten wieder Belastung rausnehmen muss.  "Ansonsten geht es mit meiner Psyche bergab, darunter leiden sowohl ich als auch meine Frau oder meine Freunde und auch meine beruflichen Leistungen."

Sein Weg bestand schließlich in der "Akzeptanz von Mittelmäßigkeit". Das sei für ihn ein Befreiungsschlag gewesen. "Ich mache Kampfsport und nach drei Jahren habe ich gemerkt, ich bin darin eher so mittelmäßig. Jahrelang hat mich das frustriert, ich habe sogar eine Zeitlang damit aufgehört. Und irgendwann habe ich gedacht, du gehst doch da nicht hin, um der Allerbeste zu werden. Du machst das als Ausgleich zur Arbeit und es ist völlig okay, wenn du hier mittelmäßig bist. Seitdem gehe ich wieder gern hin."

Nach der Therapie versucht es Heide in Krisensituationen mit Akzeptanz, Gelassenheit und oft auch mit Humor. "Die Therapie hat mir beigebracht, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und mit meinen eigenen Unsicherheiten klarzukommen. Das muss ich nicht mehr an andere auslagern und das macht mich selbstbewusster. Ich stehe an meiner eigenen Seite und gebe mir selbst eine Art Vertrauensvorschuss." Und wenn es wirklich dicke kommt, dann könne er jetzt sagen: "Ich brauche jetzt gerade Hilfe, ansonsten komme ich nicht mehr klar. Das ist einer der stärksten Sätze, die man als Mann überhaupt sagen kann."

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