Proteste in Frankreich: Tanzen, Tränengas, Barrikaden

In Marseille reißen die Proteste gegen das teure Leben auch dieses Wochenende nicht ab. Die Polizei fährt Panzer auf, erneut brennen etliche Barrikaden.
Am Samstagmorgen gibt die Prachtstraße La Canebière in Marseille ein merkwürdiges Bild ab. Einige verzweifelte Tourist:innen wandern umher, auf der Suche nach den Luxusläden, in denen man hier gewöhnlich sein Geld ausgeben kann – aber fast alle Geschäfte haben ihre Schaufenster mit Spanplatten verbarrikadiert. Vor der örtlichen Polizeiwache stehen Polizisten und unterhalten sich mit einem kleinen Jungen. Sie lachen. Auch ihre Station hat bei den Krawallen vergangenes Wochenende einiges abbekommen: Die Scheiben sind zerschmettert, das Gebäude ist mit Parolen beschmiert.
Dann rasen Panzer der Gendarmerie vorbei, einer Polizeitruppe mit Militärcharakter. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte nach den Ausschreitungen bei den von Schüler:innen angeführten Protesten der letzten Wochen landesweit 70.000 zusätzliche Polizeikräfte mobilisiert. Darunter auch diese Panzerwagen, auf denen Granatenwerfer montiert sind, um Gas verschießen zu können. So viel fährt der Staat inzwischen auf, um die Proteste im Zaum zu halten, die sich längst zu einer milieuübergreifenden Bewegung gegen Kürzungspolitik, Polizeigewalt und die hohen Lebenshaltungskosten entwickelt haben.
Zur dieswöchigen Demonstration sind laut der Gewerkschaft CGT in Marseille 100.000 Menschen erschienen, die Präfektur spricht nur von 17.000. Wie viele es wirklich sind, ist fast unmöglich zu sagen. Am Mittag fluten die Demonstrierenden jedenfalls die Straßen in der Nähe der Kirche Les Réformés, Anfang und Ende des Protests sind nicht auszumachen.
Wo deutsche Demos oftmals von Redebeiträgen geprägt sind, die Vorträgen in Uniseminaren gleichen, ist der Protest hier vor allem eine wütende Party. Es werden Lieder gesungen, es wird getanzt und gelacht. Als sich die Demo links und rechts einer Autobahnunterführung teilt, liefert man sich einen Wettkampf, welche Seite lauter „ACAB“ rufen kann. „Die Jugend hasst die Front National“, singen junge Leute, die sich in den Armen halten, eine Trommelgruppe gibt den Takt vor. Und etwas weiter steht jemand im Napoleon-Kostüm und heizt die Menge mit „Fick dich, Macron“-Rufen an. Über den gesamten Demoverlauf bleibt es friedlich.
Mit Schwimmbrillen gegen Tränengas
Erst am Ende der Route, an der Porte d'Aix, schießt die Polizei plötzlich Tränengas in die Menge. In einer Seitenstraße brennt ein Müllcontainer. Was folgt, ist zunächst ein Zusammenstoß zwischen einigen Protestierenden, die Flaschen, Steine und Feuerwerk in Richtung Polizei werfen, die wiederum mit Gasgranaten antwortet. Zunächst treffen diese nur den vorderen Teil des Platzes, wo sich diejenigen aufhalten, die die Konfrontation mit der Polizei suchen.
Dann schießt die Polizei in den Demozug. Sofort breiten sich graue Gaswolken in der Menge aus. Diszipliniert halten sich die Protestierenden an den Schultern, versuchen sich ohne Massenpanik zurückzuziehen. Trotz offiziellem Verbot haben viele Schwimmbrillen auf, die etwas vor dem Gas schützen. Dennoch ist es ein einziges Gehuste und Geweine, eine junge Frau bekommt keine Luft mehr und kippt um. Sie wird von Umherstehenden aus dem Gas gezerrt. „Medic! Medic!“, schreien diese, während das Mädchen zusammengekrümmt auf dem Boden liegt.
Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Demonstration zieht sich durch die Seitenstraßen zurück und blockiert der Polizei den Weg. In einer Seitenstraße bilden vermummte junge Menschen Ketten, um Blockadematerial von einer Baustelle auf eine Straße zu schaffen. So löst sich der Protest für die Polizei auf unkontrollierbare Weise auf. Überall strömen Protestierende lang, die Antifa-Sprechchöre rufen.
In den nächsten Stunden tauchen an vielen Straßenkreuzungen der Innenstadt brennende Barrikaden auf. Vor der Kirche Les Réformés lodern die Flammen meterhoch. Die Polizei rückt erneut mit Panzerwagen an, diesmal setzt sie auch Schockgranaten ein, deren Explosion die ganze Straße erbeben lassen. Diese Waffen hatten kürzlich einem 15-Jährigen die Hand abgerissen. Während die Polizei anrückt, machen Protestierende noch Selfies vor den brennenden Barrikaden und schieben neue Mülleimer ins Feuer hinein.
Party im Szenekiez
So geht es bis in den Abend weiter. Teilweise wirkt es, als hätten Demonstrierende und Polizei die Brandherde einfach vergessen. Am Abend brennen in der Cours Joseph Thierry mehrere Mülltonnen, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Man könnte flüstern, so still ist es hier. Nur einige Schaulustige gucken ins Feuer, bis irgendwann die Feuerwehr zum Löschen anrückt. Es sind zu viele Barrikaden für die Polizei, um sie alle zu räumen. Trotz Ausgangssperre kommt es bis in die späten Abendstunden in den Seitenstraßen immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Foto: Timm Kühn
Nach vorläufigen Zahlen sollen im gesamten Département 71 Menschen festgenommen worden sein, sieben Geschäfte wurden geplündert – das sind weit weniger als vergangene Woche. „Die Proteste brauchen nun ein politisches Ventil“, sagte Marseilles Bürgermeister Benoît Payan und forderte die Politik auf, den Forderungen der Schüler:innen entgegenzukommen.
Derweil ließen die jungen Leute den Abend im Szenekiez La Plaine ausklingen. Am Platz Jean Jaurès tanzen sie um ein weiteres Feuer, zu Hunderten trinken sie hier Bier. Wenn Polizeiautos vorbeifahren, werden diese beschimpft und beworfen. Die Beamten fahren einfach weiter. Als in einer Seitengasse ein Krankenwagen durch muss, springen sofort alle auf und räumen blitzschnell die Tische aus dem Weg. Unter Jubelrufen kann sich der Krankenwagen einen Weg durch die Partymeute bahnen.
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