Gewalt, Plünderungen, Brände: Proteste in Frankreich eskaliert
Massive Ausschreitungen in Frankreich "Entsetzliches Ausmaß an Gewalt"
Stand: 18.10.2026 • 09:31 Uhr
Es war ein beispielloser Protesttag in Frankreich: In mehreren Städten gab es massive Ausschreitungen. 1.200 Menschen wurden festgenommen. Vermummte plünderten Geschäfte und setzten Gebäude in Brand - darunter das historische Rathaus in Limoges.
Brennende Gebäude, geplünderte Geschäfte, Straßenschlachten mit der Polizei: Schwere Ausschreitungen haben in Frankreich landesweite Proteste unter anderem gegen gestiegene Lebenshaltungskosten überschattet.
Während im ganzen Land am Samstag Hunderttausende Menschen auf die Straßen gingen, erlebten Städte wie Paris, Lyon und Marseille Chaos und Gewalt. Nach Angaben der Regierung wurden 1.200 Menschen festgenommen und 150 Polizisten verletzt.
Premierminister Sébastien Lecornu prangerte ein "entsetzliches Ausmaß an Gewalt" an. Es sei "ein Wunder, dass die Bilanz heute Abend nicht noch schlimmer ausfällt".
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Gewalt auf das Schärfste und kündigte eine rigorose Strafverfolgung an. "In unserer Republik ist kein Platz für Gewalt", sagte er am Abend. "Zerstörer" und "Plünderer" sollten "verfolgt und bestraft" werden, erklärte er im Kurzbotschaftendienst X.
An den Protesten nahmen landesweit nach Regierungsangaben rund 550.000 Menschen teil, die Gewerkschaft CGT sprach von 800.000 Teilnehmern. Am Rande der Demonstrationen kam es an vielen Orten zu Gewalt und zu Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern und der Polizei. Maskierte setzten Autos in Brand und plünderten Geschäfte.
Zerstörte Fahrräder, demolierte Autos: In Paris wurden nach Angaben des Bürgermeisters Straßen "methodisch verwüstet".
Straßen in Paris"methodisch verwüstet"
In Paris, wo laut Innenministerium 110.000 Menschen an den Protesten teilnahmen, wurden nach Angaben von Bürgermeister Emmanuel Grégoire ganze Straßen "methodisch verwüstet". Die Polizei setzte in der Hauptstadt wiederholt Tränengas und Wasserwerfer ein. Bürgermeister Grégoire sagte dem Sender BFMTV: "Ich habe Dinge miterlebt, die mich in rasende Wut versetzt haben: Randalierer, die Geschäfte am Fuße von Wohngebäuden in Brand gesteckt haben."
In der Großstadt Lyon ging ein Tourismusbüro in Flammen auf und es gab Sachbeschädigungen an Geschäften.
Historisches Rathaus in Limoges in Flammen
In der zentralfranzösischen Stadt Limoges wurde das mehr als 140 Jahre alte Rathaus in Brand gesetzt. Das historische Gebäude sei "zum großen Teil verloren", sagte der zuständige Präfekt Maurice Barate der Nachrichtenagentur AFP. Der Bürgermeister von Limoges, Guillaume Guérin, sagte laut dem Sender lci: "Es gibt keine Worte, um das Geschehene zu verurteilen, so abscheulich ist es. Das Land befindet sich in einer chaotischen Lage."
In Marseille versuchten Demonstranten nach Angaben des Innenministeriums, in eine Polizeiwache einzudringen, verschafften sich Zugang zum Rathaus und plünderten Geschäfte. Gestürmt wurde auch die offizielle Residenz der Präfektin des Départements Gironde an der Atlantikküste. Dort wurde sogar das Polizei-Sondereinsatzkommando Raid mobilisiert. In Avignon drangen Randalierer in den Innenhof der Präfektur ein. In Grenoble gab es Sachbeschädigungen am Rathaus.
17-Jähriger verliert Hand durch Granate
In der südwestlich von Lyon gelegenen Stadt Saint-Etienne verlor erneut ein junger Demonstrant - ein 17-Jähriger - durch eine Polizeigranate seine Hand. Bereits vor knapp zwei Wochen hatte ein 15-Jähriger seine linke Hand verloren, als vor seiner Schule in Lens eine Blendgranate explodiert war.
Schon am Samstagvormittag waren Einsatzkräfte in Paris, Lyon, Straßburg und anderen Großstädten mit Tränengas und Schlagstöcken gegen Protestierende vorgegangen. Auch Wasserwerfer kamen zum Einsatz.
Premierminister Lecornu sagte, die Polizei habe sich den ganzen Tag lang "einer besonders gewalttätigen Ultralinken" gegenübergesehen, "einer sehr gut organisierten, undurchsichtigen Gruppe, die methodisch versuchte, Eigentum, Personen, aber auch die Institutionen der Republik anzugreifen“, sagte Lecornu. Es handle sich "um ein politisches Manöver, das Gewalt billigt". Er betonte: "Wir lassen uns davon nicht einschüchtern."
Innenminister Laurent Nuñez sagte, es gebe zahlreiche Videoaufnahmen von den Gewalttätern. In den kommenden Tagen werde es "weitere Festnahmen" geben. Die Regierung kündigte zudem Hilfen für betroffene Geschäfte-Inhaber an.
Verschiedene Gruppen schließen sich Protesten an
Dem Protesttag hatten sich verschiedene Gruppierungen angeschlossen, darunter Schüler und Studenten, die seit Wochen für bessere Lernbedingungen demonstrieren. Bei dem Protestaufruf, der keiner Organisation klar zuzuordnen war, ging es auch um hohe Spritpreise, niedrige Löhne, die große Zahl von zu Niedriglöhnen Beschäftigten sowie Probleme der Landwirtschaft und der Feuerwehr.
Schüler in Frankreich demonstrieren schon seit Mitte September: Sie fordern mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. Die Proteste ereignen sich vor dem Hintergrund der Debatte um einen Sparhaushalt, den die Regierung durchs Parlament bekommen will. Dieser sieht auch Kürzungen im Bildungsbereich vor.
Sorge vor neuem Gelbwestenprotest
Außerdem gab es im Internet einen Aufruf zu einer Neuauflage der sogenannten Gelbwestenbewegung. Die Sorge der Regierung ist, dass die Demonstrationen tatsächlich zu einem zündenden Funken für solche breiteren Proteste werden. Der Gelbwestenprotest, der so heißt, weil viele der Beteiligten gelbe Warnwesten trugen, hatte Frankreich 2019 längere Zeit in Atem gehalten.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.