Verschleppt und ausgebeutet: Afrikaner stranden in Kambodscha
Die Geschichte von Emmanuel David steht exemplarisch für viele andere Schicksale von Afrikanern in Südostasien: Der 28-jährige Liberianer kam 2025 nach Kambodscha, nachdem er eine gefährliche irreguläre Reise aus Vietnam hinter sich gebracht hatte. Ein Freund habe ihm von einem Job erzählt. "Er hat mir aber nicht gesagt, dass es sich um Betrugsarbeit handelt", erzählt David.
Das Unternehmen versprach ihm rund 800 US-Dollar im Monat, mehr als doppelt so viel wie das durchschnittliche Einkommen qualifizierter Arbeitskräfte in Liberia. Doch die Realität sah anders aus. Nach seiner Ankunft musste David 14 Stunden täglich arbeiten. Seine Aufgabe: Frauen über Dating-Apps zu täuschen und sie dazu zu bringen, Geld zu überweisen.
Erst konnte, dann wollte er die vorgegebene Zahl an Betrugsfällen pro Tag nicht mehr erfüllen. Daraufhin zog die kriminelle Gruppe ihm Geld für Essen und Unterkunft vom Lohn ab. Schließlich nahm sie ihm persönliche Gegenstände ab, auch seinen Reisepass. Vier Monate lang sei er immer wieder geschlagen worden, berichtet David. Schließlich floh er "ohne Dokumente und ohne Geld". Seitdem hofft er, irgendwann einmal nach Liberia zurückkehren zu können.
Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Ein weiterer Betroffener möchte aus Angst vor Vergeltung anonym bleiben. Er berichtet, wie er "geschlagen und Elektroschocks ausgesetzt" worden sei. Nach den Misshandlungen habe er drei Wochen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Die Arztrechnungen könne er nicht bezahlen.

Afrikaner in der Schuldenfalle
Pia Oberoi, Leiterin der Abteilung für das Recht auf Entwicklung beim UN-Menschenrechtsbüro, sagt: "Trotz des Versprechens eines guten Gehalts kommen die meisten nur mit Schulden wieder heraus." Immer mehr Opfer von Menschenhandel in Südostasien stammen aus afrikanischen Ländern, bestätigt Oberoi. "Es gibt ganz offensichtlich eine auf Afrika ausgerichtete Rekrutierungsindustrie, die gezielt afrikanische Staatsangehörige ins Visier nimmt."
Andere Betroffene berichten von Hunderten Afrikanern, die in schwer bewachten und befestigten Anlagen zusammengepfercht werden. "Sobald man drin ist, gibt es keinen Weg mehr hinaus", sagt ein Informant, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Anlagen hätten ihre eigenen Gesetze. Sexueller Missbrauch und psychische Gewalt gehörten zum System. Die Polizei sehe weg, berichtet er.
Südostasien: Afrikaner im Visier von Betrugsnetzwerken
Südostasien ist zu einem Zentrum hochorganisierter Online-Betrugsnetzwerke geworden. Sie nehmen Menschen auf der ganzen Welt ins Visier und erwirtschaften nach Angaben der Vereinten Nationen jährlich Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe. Der Betrug habe damit den illegalen Drogenhandel als lukrativstes Geschäft krimineller Netzwerke überholt, berichtet das United States Institute of Peace.
Doch nicht nur die Betrogenen sind Opfer dieser Netzwerke. Allein in Südostasien werden mindestens 300.000 Menschen aus 66 Ländern in der sogenannten "Betrugsindustrie" ausgebeutet. Sie werden gefoltert, sexuell missbraucht und zur Zwangsarbeit gezwungen, heißt es in einem aktuellen UN-Menschenrechtsbericht. Staatsangehörige afrikanischer Länder bilden inzwischen die größte Gruppe der Menschen, die nach Myanmar und Kambodscha verschleppt werden und dort stranden, sagt die Nichtregierungsorganisation Freedom Collaborative.
In Kambodscha wird ihre Rückkehr zusätzlich dadurch erschwert, dass Länder wie Uganda, Liberia, Ghana und Nigeria dort keine konsularische Vertretung haben. Doch das ist nicht der einzige Grund. "Einige Länder haben überhaupt kein Interesse daran", sagt Montse Ferrer, Co-Regionaldirektorin von Amnesty International. Die Herkunftsländer würden ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. "Sie gehen nicht einmal ans Telefon, geschweige denn, dass sie die nötigen Papiere beschaffen oder das Geld für die Rückreise bereitstellen."

Kambodschas zögerliches Vorgehen
Auch die kambodschanische Regierung habe ein Interesse daran, Opfer des Menschenhandels im Land festzuhalten, sagt Ferrer. Viele Betroffene hätten hohe Geldstrafen wegen überzogener Visa angehäuft, in manchen Fällen mehrere tausend Dollar. "Sie erlauben NGOs nicht, den Menschen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Stattdessen versucht man, sie festzunehmen und zu bedrohen", sagt Ferrer.
Erst nach massivem internationalen Druck - unter anderem durch die Androhung von Finanzsanktionen der USA, Großbritanniens, Kanadas und der Europäischen Union - begann Kambodscha Anfang dieses Jahres, gegen die Betrugsindustrie vorzugehen. Nach Angaben des kambodschanischen Informationsministeriums führte die Kampagne zu zahlreichen Festnahmen und einer Massenflucht mutmaßlicher Betrüger aus den Zentren.
Für die verschleppten Arbeitskräfte entstand dadurch jedoch eine neue Krise: Tausende sitzen weiterhin ohne gültige Dokumente oder legalen Aufenthaltsstatus im Land fest. Vielen fehlen inzwischen auch Unterkunft und Geld, berichten NGOs. Wer Hilfe sucht, landet den Angaben zufolge teilweise in Abschiebehaft. Andere schlafen auf der Straße und betteln um Essen. Statt Schutz zu erhalten, werden die Opfer in der Hauptstadt Phnom Penh und anderenorts häufig stigmatisiert und misshandelt.

Keine staatliche Hilfe, von keiner Seite
Amnesty International spricht von einer sich zuspitzenden humanitären Krise. Wer den Menschenhändlern entkomme, werde häufig wie ein Krimineller behandelt, und nicht wie ein Mensch, der selbst zum Opfer geworden sei. Auch die Vereinten Nationen teilen diese Einschätzung. "Sie sollten nicht für Verbrechen bestraft werden, zu denen sie gezwungen wurden", betont auch Pia Oberoi vom UN-Menschenrechtsbüro.
In den Fängen von Kambodschas Scam-Fabriken
Mehrere von der DW kontaktierte Opfer berichten, ihre Regierungen reagierten auffallend "langsam" auf die Bemühungen um ihre Rückführung. Anfragen der DW an mehrere afrikanische Außenministerien blieben unbeantwortet. Nach Angaben der kambodschanische Regierung wurden im vergangenen Jahr mehr als 700 überwiegend von chinesischen Staatsangehörigen betriebene Anlagen durchsucht. 58.266 ausländische Staatsangehörige sind demnach abgeschoben und fast 30.000 Verdächtige festgenommen worden. Auf eine direkte Anfrage der DW nach weiteren Informationen reagierte die Regierung nicht.
Angst, Schuldgefühle und Stigmatisierung
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) erklärte, sie wolle die Betroffenen unterstützen. Wegen erheblicher finanzieller Engpässe könne sie jedoch nur "begrenzte, priorisierte Unterstützung" leisten. Hilfsorganisationen warnen zudem vor der Gefahr, dass die Betroffenen erneut in die Fänge von Menschenhändlern geraten können. Das gelte auch für diejenigen, die es schafften, in ihre Heimat zurückzukehren. Manche Rückkehrer würden dort als Versager stigmatisiert. "Eine Situation, die wirklich unerträglich ist", sagt Ferrer.
Auch Emmanuel David kennt dieses Gefühl. Er glaubt, sich bei seiner Familie dafür entschuldigen zu müssen, dass er nicht als erfolgreicher Mann zurückgekehrt ist. Auf seine kleine Tochter angesprochen, sagt er nur: "Für Daddy ist es nicht leicht, ohne Geld nach Hause kommen."
Scam-Fabriken: Zwangsarbeit in Myanmar
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