Neue Tabs, alte Kritik: Mozilla und das neue Firefox-Design
Fünf Jahre lang prägte Proton das Gesicht von Firefox. Nun hat Mozilla dem Browser neue Farben, weichere Tabs und eine überarbeitete Seitenleiste verpasst – und holt ausgerechnet den Kompaktmodus zurück, den viele Nutzer seit dem letzten Redesign vermisst hatten. Ob das neue Design nur hübscher aussieht oder den Alltag im Browser tatsächlich verbessert, ist damit eine Frage von mehr als ein paar Pixeln.
Mit Firefox 157 wird die neue Oberfläche für alle freigeschaltet. Wir haben Mozilla gefragt, welche Kritik aus der Testphase Folgen hatte, warum die alte Seitenleiste und vertikale Tabs nicht zusammenpassen und wie viel Platz der Kompaktmodus wirklich gewinnt.
Designentscheidung und Nutzertests
Was war an Proton aus Ihrer Sicht nicht mehr gut genug? Welche konkreten Nutzungsprobleme löst das neue Design – jenseits eines zeitgemäßeren Erscheinungsbilds?
Firefox hat im vergangenen Jahr viele neue Funktionen erhalten. Das Design musste sich mit dem Produkt weiterentwickeln. Wir wollten bestehende Funktionen leichter auffindbar und nutzbar machen und Firefox zugleich ein moderneres, unverwechselbares Erscheinungsbild geben.
Der Kompaktmodus ist ein konkretes Beispiel. Menschen, die das Design ausprobierten, sagten uns, sie wünschten sich eine dichtere Oberfläche, die mehr Bildschirmfläche für Webinhalte freilässt. Deshalb unterstützen wir den Modus wieder offiziell. Außerdem haben wir der Anpassungsansicht auf der Firefox-Startseite eine Theme-Auswahl hinzugefügt. Dort können Nutzer direkt im Browser festlegen, wie er aussehen soll.
Optisch wollten wir Firefox durch seine Farbverläufe und charakteristischen Tab-Formen auf den ersten Blick erkennbar machen. Gleichzeitig sollte die Bedienung Menschen vertraut bleiben, die Firefox bereits nutzen.
Mozilla wollte einen Browser gestalten, der „aktuell, aber nicht generisch“ wirkt. An welchen Entscheidungen im fertigen Firefox lässt sich erkennen, dass dieses Ziel erreicht wurde?
Die violetten und warmen cremefarbenen Töne sowie die Umrandung des aktiven Tabs mit Farbverlauf sind zwei der deutlichsten Beispiele. Wir haben uns bewusst für diese Details entschieden, um Firefox einen wiedererkennbaren Charakter zu geben.
Mit der integrierten Theme-Auswahl können Nutzer dieses Erscheinungsbild zudem an ihre Vorlieben anpassen. Wir wollten ein eigenständiges Design, das Raum für persönliche Entscheidungen lässt.
Wer hat Nova getestet – und wessen Rückmeldungen haben eine Entscheidung tatsächlich verändert? Gab es Wünsche, die Mozilla bewusst nicht übernommen hat?
Frühe Entwürfe haben wir mit erfahrenen Nutzern, Gelegenheitsnutzern und Menschen getestet, die Firefox nicht verwendeten. Das hat uns geholfen, die anfängliche Gestaltung und das Bediengefühl zu entwickeln. Anschließend haben wir über kontextbezogene Umfragen Rückmeldungen von Menschen eingeholt, die das Design in Nightly aktiviert hatten. Außerdem haben wir Diskussionen auf Mozilla Connect und Reddit verfolgt.
Ein Beispiel dafür, wie Feedback die endgültige Gestaltung beeinflusst hat, ist der Abstand zum äußeren Fensterrand. Ein früherer Entwurf sah dort einen Rand vor, als Teil einer insgesamt offeneren visuellen Gestaltung. Durch Rückmeldungen aus der Community erfuhren wir jedoch, dass er die Bedienung beim Klicken am Fensterrand erschwerte. Deshalb haben wir ihn entfernt.
Nach Rückmeldungen auf Plattformen wie Reddit haben wir auch erwogen, die neuen Tab-Formen und Farbverläufe zu ändern. Tests mit einer breiteren Gruppe von Menschen ergaben allerdings ein anderes Bild als die Diskussionen dort. Letztlich haben wir uns entschieden, diese Elemente beizubehalten. Bei der Weiterentwicklung von Firefox werden wir weiterhin die Rückmeldungen aus der Community ebenso berücksichtigen wie die Erkenntnisse aus unseren Tests.
Kompaktmodus und Kontrolle über die Oberfläche
Der Kompaktmodus war nach Proton nur noch über eine versteckte Einstellung erreichbar und ist nun wieder offiziell. War seine damalige Ausgrenzung ein Fehler? Was hat Mozilla seitdem über die Bedürfnisse seiner Nutzer gelernt?
Wir haben gesehen, dass Nutzer den Kompaktmodus weiterhin über about:config aktivierten. Sowohl interne als auch externe Rückmeldungen zum neuen Design haben noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig manchen eine dichtere Oberfläche ist. Wer einen kleineren Bildschirm nutzt oder mehr Platz für Webinhalte möchte, für den zählen selbst wenige Pixel. Wir haben darauf gehört und unterstützen den Kompaktmodus wieder offiziell. So können Nutzer zwischen einer großzügigeren Oberfläche und einer dichteren Darstellung mit mehr Raum für Webinhalte wählen.
Diese Erfahrung hat uns vor Augen geführt, wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind, denen Firefox gerecht werden muss. Bei der Weiterentwicklung des Browsers müssen wir weiter zuhören und das Design anpassen, damit Menschen eine Oberfläche wählen können, die für sie funktioniert.
Wie viel Platz gewinnt man durch den neuen Kompaktmodus konkret, etwa auf einem kleinen Notebook oder bei zwei Fenstern nebeneinander? Und wo liegt aus Ihrer Sicht die Grenze, ab der kleinere Bedienelemente die Bedienbarkeit verschlechtern?
Der Kompaktmodus schafft ungefähr zehn Pixel mehr Platz für Webinhalte, abhängig davon, ob horizontale oder vertikale Tabs verwendet werden. Der tatsächliche Unterschied hängt vom Bildschirm und der jeweiligen Konfiguration ab. Ein großer Teil des Nutzens liegt auch darin, wie sich der Browser anfühlt: Durch die geringeren Abstände rund um Tabs und Symbolleiste bekommt die Webseite optisch mehr Raum. Wir haben die Abstände zwischen den Elementen verringert, die Bedienelemente selbst aber nahezu so groß wie in der Standardansicht belassen. So bleiben sie gut anklickbar.
Firefox kann auf kleinen Displays automatisch kompakter werden. Woran macht der Browser „klein“ fest, und wie leicht lässt sich diese Automatik dauerhaft übersteuern?
Firefox berücksichtigt, wie viel Platz die Browseroberfläche im Fenster einnimmt. Es gibt deshalb keinen festen Grenzwert für die Bildschirmgröße. Steht die Fensterdichte auf „Automatisch“, wechselt Firefox in den Kompaktmodus, wenn die Tableiste mehr als fünf Prozent der Fensterhöhe oder die eingeklappte Seitenleiste mehr als fünf Prozent der Fensterbreite einnimmt. Weil die Entscheidung auf Proportionen beruht, passt sich das Verhalten an unterschiedliche Themes, Schriftarten, Betriebssysteme und Anzeigeskalierungen an.
Nutzer können die Automatik unter „Einstellungen > Erscheinungsbild > Fensterdichte“ außer Kraft setzen. Wer dort „Standard“, „Kompakt“ oder „Touch“ auswählt, deaktiviert den automatischen Wechsel; Firefox verwendet dann die gewählte Darstellung.
Wie viel Individualisierung der Browseroberfläche will Mozilla künftig offiziell unterstützen? Welche Wünsche sollen über Einstellungen lösbar sein, statt nur über about:config oder eigene CSS-Anpassungen?
Wir möchten, dass Menschen Firefox mit integrierten Optionen anpassen können, ohne technisches Vorwissen zu benötigen. Diese Version zeigt, dass wir weiter in diesen Ansatz investieren. Während unsere Pläne Gestalt annehmen, prüfen wir zusätzliche Möglichkeiten.
about:config und eigenes CSS bieten weitergehende Eingriffsmöglichkeiten, setzen aber technische Kenntnisse voraus und können beeinflussen, wie der Browser funktioniert. about:config ist in erster Linie für interne Konfiguration und Tests gedacht. Unser Ziel ist es, sinnvolle Anpassungen direkt im Browser zugänglich zu machen.
Seitenleiste, Barrierefreiheit und Umstellung
Die alte Seitenleiste lässt sich vorerst zurückholen, doch damit entfallen auch die vertikalen Tabs. Warum sind beide Entscheidungen technisch gekoppelt? Können Nutzer langfristig zwischen alter Seitenleiste und vertikalen Tabs wählen?
Vertikale Tabs wurden als Teil der überarbeiteten Seitenleiste entwickelt und waren nie mit der älteren Version kompatibel. Wer die alte Seitenleiste wiederherstellt, verliert deshalb auch die vertikalen Tabs.
Die überarbeitete Seitenleiste gibt uns mehr Spielraum dafür, wie Tabs, Panels und Webinhalte zusammenwirken. Nutzer können beispielsweise ihre Lesezeichen sichtbar lassen, während sie auf einer Webseite arbeiten. Die neue Architektur erleichtert es uns außerdem, Probleme zu beheben und zusätzliche Funktionen zu entwickeln. Auf die Verbesserung dieser Version konzentrieren wir uns.
Die Rückfalloption für die Seitenleiste soll bis Ende 2027 bestehen. Was passiert danach – und anhand welcher Kriterien entscheidet Mozilla, ob sie länger bleibt?
Wir übertragen weiterhin Funktionen, die Menschen an der älteren Seitenleiste schätzten, in die überarbeitete Version. Dazu gehört auch die Möglichkeit, weiter in der Chronik zurückzublättern.
Bei Entscheidungen über die weitere Unterstützung berücksichtigen wir die Nutzung und den Entwicklungsaufwand, der für die Pflege der älteren Version nötig ist. Die neue Architektur gibt uns mehr Möglichkeiten, die Seitenleiste zu verbessern und auszubauen. Darauf richten wir unsere Entwicklung aus. Auf einen konkreten Zeitpunkt haben wir uns noch nicht festgelegt. Sobald die Rückfalloption und der zugrunde liegende Code entfernt sind, wird ein Wechsel zur alten Seitenleiste nicht mehr möglich sein.
Wie haben Sie das neue Design mit Tastatur, Screenreader, Vergrößerung und hohen Kontrasten geprüft? Welche Probleme aus der Testphase sind noch offen?
Wir prüfen die Barrierefreiheit sowohl mit unserem eingebundenen QA-Team als auch in eigens dafür vorgesehenen Tests. Unsere gezielte Prüfung umfasste die Tastaturbedienung und den Tastaturfokus in der Seitenleiste, ihren Panels und der Tab-Liste; die Unterstützung von Screenreadern, darunter NVDA unter Windows sowie Screenreader unter Linux; den Modus für hohen Kontrast unter Windows; und das Layout sowie die Sichtbarkeit der Tabs bei vergrößerter Anzeigeskalierung.
Die meisten dabei gefundenen Probleme sind behoben. Offen sind noch Probleme mit dem Tastaturfokus und der Navigation in einigen Panels, mit Beschriftungen und Ansagen für Screenreader, mit dem Kontrast mancher Bedienelemente sowie mit der Sichtbarkeit von Tabs bei sehr starker Anzeigeskalierung. Diese Probleme sind in Bugzilla erfasst, und wir arbeiten weiter daran.
Nachprüfbarkeit und Ausblick
Was ist vom Start auf Desktop und Mobilgeräten tatsächlich identisch, und wo endet die gemeinsame Designsprache? Welche Unterschiede sind Absicht?
Desktop, iOS und Android teilen eine visuelle Grundsprache: dieselbe violette Akzentfarbe, aufeinander abgestimmte Grautöne und überarbeitete Icons. Auf Mobilgeräten fallen die Änderungen dezenter aus als auf dem Desktop und bauen auf früheren Aktualisierungen unserer mobilen Apps auf.
Navigation, Bedienelemente und Layout orientieren sich bewusst an den Konventionen des jeweiligen Betriebssystems. Firefox soll über Geräte hinweg wiedererkennbar und auf jeder Plattform vertraut zu bedienen sein.
Welche Rückmeldungen nach der Veröffentlichung könnten Mozilla noch zu einer Kurskorrektur bewegen? Gibt es dafür einen öffentlichen Prozess oder messbare Kriterien?
Rückmeldungen haben das Design bereits geprägt, darunter Änderungen an den Abständen in der Oberfläche und die Einführung einer Theme-Auswahl. Während der Entwicklung haben wir solche Rückmeldungen durch Tests, Umfragen unter Menschen, die das Design in Nightly ausprobierten, sowie durch Diskussionen auf Mozilla Connect und Reddit gesammelt.
Diese Arbeit geht nach der Veröffentlichung weiter. Wir werden weiterhin Umfragen, Fehlermeldungen und Rückmeldungen aus der Community verfolgen und Firefox anhand dessen verbessern, was wir dabei lernen.
Schlussfrage: Wenn Sie in einem Jahr nur einen Beleg dafür nennen dürften, dass Nova für die Menschen, die Firefox täglich nutzen, ein Erfolg war: Welcher wäre das?
Unser Ziel war ein moderneres, unverwechselbares Design, bei dem die Bedienung zugleich vertraut bleibt. Das deutlichste Zeichen für einen Erfolg wäre in einem Jahr, dass Menschen Firefox weiterhin als ihren Browser für den Alltag wählen.
Vielen Dank an das Mozilla-Team für die Antworten! Das Interview wurde auf Englisch geführt und anschließend übersetzt.
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