Ägäis: Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei nehmen zu
Griechisch-türkische Spannungen Die Zeit der "ruhigen Gewässer" in der Ägäis ist vorbei
Stand: 25.09.2026 • 04:48 Uhr
Griechenland und die Türkei beschuldigen sich gegenseitig, für zunehmende Spannungen zwischen beiden Ländern verantwortlich zu sein. Es geht um Hoheitsgewässer, Besitzansprüche und Einfluss im Mittelmeerraum.
Von Jasper Riemann, ARD-Studio Athen
Es ist ein sich aufschaukelndes Hin und Her: Da beschwert sich Griechenland über türkische Luftraumverletzungen, über aus seiner Sicht illegale türkische Meeresnationalparks, über türkische Truppenverlegungen an die Küste.
Auf der anderen Seite ist da ein türkischer Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Griechenland aufruft, die "Militarisierung" seiner Inseln zu beenden. Und sein Außenminister Hakan Fidan, der deswegen von einer Sicherheitsbedrohung für die Türkei spricht.
Griechenland rüstet auf
Meri Bossi ist emeritierte Professorin für Internationale Sicherheit an der Universität Piräus. Sie warnt vor einer neuen Ära: "Wir sehen eine zunehmende Eskalation und eine bedrohliche Rhetorik seitens der Türkei und seitens Griechenlands. All das, und natürlich das unsichere regionale und internationale Umfeld, trägt dazu bei, dass diese Spannungen vielleicht einen extremeren Punkt erreichen könnten."
Die griechische Regierung setzt jetzt auf Abschreckung. Das Prinzip: Wer Frieden will, bereite sich besser auf Krieg vor. Ende August hat Griechenland mit Israel einen milliardenschweren Rüstungsvertrag abgeschlossen. Name: Schild des Achilles. Griechenland erhält ein umfassendes Luftverteidigungssystem - und investiert zugleich in seine eigene Rüstungsindustrie.
Destabilisierte Region
Aus Sicht des griechischen Analysten und Journalisten John Psaropoulos geht es dabei nur um Selbstverteidigung: "Aus griechischer Sicht ist die Destabilisierung in der Region rund um die Ukraine und nun auch am Golf und am Roten Meer eine schlechte Nachricht für die Eindämmung dieses Konflikts mit der Türkei." Durch diese Konflikte sei "eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit" entstanden, "in der Krieg normalisiert wurde".
Der Journalist Psaropoulos beklagt, der Konflikt mit der Türkei bekomme in Europa und in Deutschland nur geringe Aufmerksamkeit. Doch je länger man Konflikte ungelöst lasse, desto größer die Wahrscheinlichkeit, langfristig ernsthafte Probleme zu bekommen. "Griechenland betrachtet die Türkei als ein potenzielles Russland. Die Bedrohungswahrnehmung, die Europa jetzt von Russland hat, die hat Griechenland seit Längerem gegenüber der Türkei", sagt er.
Forscher: "Man ist sich nicht einig, was eigentlich umstritten ist"
Diese Wahrnehmung hat eine lange Geschichte, die bis in die Zeiten des Osmanischen Reichs zurückreicht. In den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere seit der türkischen Invasion Zyperns 1974, gerieten Griechenland und die Türkei immer wieder wegen unterschiedlicher Fragen in der Ägäis aneinander.
Ronald Meinardus hat über das Thema promoviert, seit Langem lebt er in Griechenland. Jetzt arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Athener Think-Tank ELIAMEP. "Man ist sich nicht einig, was eigentlich umstritten ist, und man ist sich nicht einig, wie man diese Streitpunkte lösen soll", sagt er. Der Konflikt trete auf der Stelle.
Türkei will am Status quo rütteln
So ist für die griechische Regierung zum Beispiel die Frage geklärt, ob man das Recht habe, die Hoheitsgewässer um die Ägäis-Inseln auf zwölf Seemeilen auszuweiten. Das erlaube ja schließlich das UN-Seerechtsübereinkommen.
Doch das türkische Parlament hat schon 1995 beschlossen: Setzt Griechenland das wirklich um, würde das als Kriegsgrund gesehen werden. Die türkische Befürchtung: Wegen der vielen griechischen Inseln könnten die internationalen Gewässer in der Ägäis erheblich schrumpfen, der türkische Schiffsverkehr wäre drastisch eingeschränkt.
Doch es gibt noch viel mehr Streitfragen: So spricht die Türkei etwa von bestimmten "Grauzonen", in denen die Souveränität bestimmter Inseln und unbewohnter Felsen nicht geklärt sei - aus griechischer Sicht ist ihr Status sehr wohl geregelt.
Der Beobachter Meinardus sieht eine bewusste Strategie der Türkei, die Menge der Streitthemen zu vergrößern: "Je kleiner der Streitkorb ist, desto geringer ist die Chance, dass du da was rausholst. Aber je mehr du reinwirfst, desto größer ist die Chance, dass du da was wegnehmen kannst", beschreibt er die türkische Strategie.
Der Status quo sei eigentlich im Sinne Griechenlands. "Und diesen Status quo will die Türkei revidieren. Und die Türkei ist eine revisionistische Macht", so Meinardus.
Türkischer Politikwissenschaftler sieht "Familienkonflikt"
Griechische Beobachter verweisen zum Beispiel auf die türkische Doktrin der "Blauen Heimat", die demnächst im Parlament diskutiert werden soll. Sie sieht vor, die türkischen Einflusszonen im Mittelmeer deutlich zu erweitern - Kritiker sprechen von neo-osmanischen Expansionsplänen.
Der Politikwissenschaftler Hüseyin Bağcı aus Ankara beschwichtigt allerdings: "Zwischen der Türkei und Griechenland könnte es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kommen, weil beide Seiten Mitglieder der NATO sind und das können sie nicht tun. Das ist ein Familienkonflikt und das sollte man innerhalb der NATO, aber auch innerhalb der Europäischen Union lösen."
Innenpolitische Motive?
Dass die Türkei nun gut 2.000 Soldaten in die Küstenregion südlich von Izmir geschickt hat, sei zwar ein Zeichen dafür, dass die Türkei bereit sei zu kämpfen. Aber Präsident Erdoğan sei ohnehin nicht an einem Krieg interessiert, meint Bagci.
Vieles ist, da sind sich die Experten einig, innenpolitisch motiviert. So sind im Frühjahr Wahlen in Griechenland - und Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis will nicht schwach wirken. Sicher ist: Die Zeit der "ruhigen Gewässer", wie die Entspannungsphase seit einem Besuch Erdoğans 2023 in Athen genannt wird, diese Zeit ist vorbei.
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