Triumphzug der Demokraten: Sechs Lehren aus dem Trump-Debakel bei den Midterms

Triumphzug der DemokratenSechs Lehren aus dem Trump-Debakel bei den Midterms
04.11.2026, 12:25 Uhr
Von Lukas Märkle und Volker Petersen
Die Demokraten fahren bei den US-Zwischenwahlen einen haushohen Sieg gegen die Republikaner ein. Die Partei erobert die Mehrheit in beiden Kongresskammern. Dagegen wird Donald Trump für seinen Iran-Krieg und die hohen Lebenshaltungskosten abgestraft. Der US-Präsident wird bei der Wahl Opfer seiner eigenen Fehler.
1. Trump hat zu viele Fehler gemacht
Nach seinem Wahlsieg 2024 wirkte Trump wie der "Terminator" im gleichnamigen Film. Man dachte, er sei längst geschlagen, doch er kam immer wieder zurück. Trotz des Sturms aufs Kapitol, trotz einer Verurteilung als Straftäter, trotz leerer Versprechungen. Damals gewann er alle Swing States und erstmals nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner, sondern auch der abgegebenen Stimmen ("popular vote").
Doch bei diesen Kongresswahlen lief er voll vor die Wand. Er machte sich zum wichtigsten Thema, indem er die Wähler aufforderte, sich vorzustellen, er stehe auf dem Wahlzettel. Er hatte keine überzeugende Botschaften an die Wähler, verzettelte sich in seinen Bauprojekten in Washington, schmiss sich mit dem Diesel-Deal an Putin heran und hatte keine Antwort auf die steigenden Lebenshaltungskosten.
Vor allem aber war wohl jedem klar, dass Trump diese mit seiner Politik weiter in die Höhe trieb. Seine Zölle machten Waren teurer, sein Krieg gegen den Iran Benzin, Diesel und vieles andere. Nicht einmal der Meister-Hochstapler Trump kam gegen diese hereinbrechende Realität noch an.
2. Hohe Lebenshaltungskosten brechen den Republikanern das Genick
Trump war angetreten mit dem Versprechen, die US-Bürger zu entlasten. Stattdessen bewirkte er das Gegenteil. Zollpolitik und Iran-Krieg verteuerten das Leben der Menschen in den Vereinigten Staaten. Die hohen Lebenshaltungskosten waren der Mühlstein, der die Republikaner bei den Midterms nach unten zog.
Der Spritpreis lag an einem Wahltag in der Geschichte niemals höher als am Dienstag. Unter Trump stiegen die Benzinpreise um ein Drittel, der Diesel ist 70 Prozent teurer als vor seinem Amtsantritt. Die hohen Preise an der Zapfsäule setzen sich in der Lieferkette bis in den Supermarkt fort.
Die US-Bürger spüren Trumps Politik ganz direkt in ihrem eigenen Geldbeutel. In einer Nachwahlbefragung erklärten 44 Prozent der Personen, dass ihre wirtschaftliche Lage schlechter sei als noch vor zwei Jahren. Nur 18 Prozent der Befragten sprachen von einer Verbesserung. Die Quittung für die Lebenshaltungskosten reichten die Wähler nun an die Republikaner weiter.
3. Latinos entscheiden die Wahl mit
Bei der Präsidentschaftswahl 2024 gelang Trump etwas Unerhörtes: Wähler mit Wurzeln in Lateinamerika, die Latinos, stimmten mehrheitlich für ihn. Das war verwirrend. Als Menschen mit Einwanderungsgeschichte stimmten sie für den Mann, der die Grenze dichtmachen wollte. Außerdem galten sie bislang als liberal, wählten überwiegend demokratisch.
Doch auch viele Einwanderer oder deren Nachfahren sahen die fortgesetzte Zuwanderung aus dem Süden als Problem an. Das Gefühl, sich selbst an die Regeln zu halten, während andere an der Warteschlage einfach vorbeilaufen, brachte das auf den Punkt. Zugleich sind viele Latinos in gesellschaftlichen Fragen durchaus konservativ und skeptisch bei Themen wie Transgender oder Abtreibung. Vor allem Letzteres stellten die Demokraten in den Vordergrund.
Doch nun kehrten die Latinos in Massen zu den Demokraten zurück. Das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE dürfte dabei, neben den hohen Lebenshaltungskosten, eine wichtige Rolle gespielt haben. So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Auch hier hat Trump einen Fehler gemacht. Er nahm keine Rücksicht auf die neu gewonnene Wählergruppe.
4. Trumps handverlesene Kandidaten gehen unter
Der US-Präsident weist selbst alle Schuld an der Midterm-Niederlage von sich. "Ich stand nicht auf dem Wahlzettel", sagte Trump nach der verheerenden Niederlage. "Ich glaube wirklich, dass die Tatsache, dass ich nicht auf dem Wahlzettel stand, das größte Problem war". Dagegen standen etliche vom Mann im Weißen Haus persönlich ausgewählte Kandidaten zur Wahl.
Trump setzte auf Loyalität statt Kompetenz. Seine Personalentscheidungen brachten die Republikaner in Staaten, in denen sie favorisiert waren, in die Defensive. In North Carolina und Texas drückte er etablierte Senatoren wie Thom Tillis und John Cornyn aus dem Rennen.
Stattdessen hob er Texas den in etliche Skandale verwickelten Ken Paxton auf den Schild. In South Carolina unterstützte Trump die politisch völlig unerfahrene Schwester des verstorbenen Senators Lindsey Graham. In Ohio stellte er sich in der Gouverneurswahl hinter Vivek Ramaswamy, der mit einer Schmutzkampagne gegen die Demokratin auffiel.
Die Demokraten wählten dagegen passende Kandidaten für konservative Bundesstaaten aus. Der frühere Lehrer James Talarico ging in Texas erfolgreich mit christlichen Botschaften und Wirtschaftspopulismus auf Stimmenfang. In Kansas setzten die Demokraten bei ihrem Jahrhundertcoup mit Adam Hamilton auf einen methodistischen Pastor.
5. Geld ist nicht alles
Dieser Wahlkampf geht auch in die Geschichte ein als der teuerste aller Zeiten. Wie die "New York Times" bereits vor zwei Wochen berichtete, gaben Republikaner und Demokraten knapp 2,2 Milliarden Dollar für die Wahlen zum Senat und Repräsentantenhaus aus. Das Schwergewicht lag dabei klar auf dem Senat - und bei den Republikanern, die einen deutlichen Finanzvorteil hatten.
Laut einer Recherche der Nachrichtenagentur AFP flossen aber weitere Milliardenbeträge von sogenannten "Political Action Comitees" (PACs) in Wahlwerbung. Diese Organisationen unterstützen republikanische oder demokratische Kandidaten. Demnach steckten allein fünf Gruppierungen mehr als eine Milliarde Dollar in den Wahlkampf, drei dieser fünf PACs stehen den Republikanern nahe. Elon Musk allein steuerte fast 450 Millionen Dollar bei.
Doch Geld allein reiche nicht aus, sagte die New Yorker Soziologin Jen Heerwig der Agentur. "Es ist unklar, ob die Super PACs, selbst wenn sie Hunderte Millionen Dollar ausgeben, sich das Ergebnis erkaufen können, wenn es keine Begeisterung und Unterstützung an der Basis im Wahlkreis für den Kandidaten gibt", sagte Heerwig, die an der Stony Brook Universität forscht. Genau das dürfte der Fall gewesen sein.
6. Trump-Debakel ist nicht automatisch ein Segen für Nato und Ukraine
Die Demokraten erobern bei den Midterms deutliche Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat. Trump ist bei Gesetzesvorhaben fortan immer auf deren Zustimmung angewiesen. Innenpolitisch könnte der Präsident für die nächsten zwei Jahre zur "lame duck" werden. Doch Trump bleibt außenpolitisch tonangebend. Wird er nun berechenbarer - oder sogar noch unberechenbarer?
Trump schielt noch immer auf den Friedensnobelpreis. Dafür könnte er den Druck auf die Ukraine weiter erhöhen, sich auf ein Abkommen mit Russland einzulassen. Friedensnobelpreis könnte der Präsident den Druck auf die Ukraine erhöhen, sich auf ein Abkommen mit dem Aggressor Russland einzulassen. Der ukrainische Präsidentschaft Wolodymyr Selenskyj warnte bereits vor der Wahl angesichts eines Zusammentreffens Trumps mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping vor einer neuen "Jalta-Konferenz", bei der die Großmächte die Welt in Einflusssphären aufteilen.
Europa und die Nato dürfen sicherheitspolitisch keine Erleichterung erwarten. Ob die USA im Ernstfall schnell und mit den notwendigen militärischen Fähigkeiten helfen, hängt weiter von den Entscheidungen der Trump-Regierung ab. Einen möglichen Rückzug aus der Nato könnte der Kongress aber zumindest erschweren.
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