Regisseur Werner Herzog: „Die Welt eröffnet sich für die, die zu Fuß sind“

Regisseur Werner Herzog wird beim Filmfestival von San Sebastián für sein Lebenswerk geehrt. Er spricht über seinen neuen Film „Bucking Fastard“ und KI.
Das Filmfestival von San Sebastián ehrt Werner Herzog mit dem Donostia Award für sein Lebenswerk. Doch der 84-jährige Filmemacher denkt lieber über das nach, was noch vor ihm liegt. Im Gespräch redet er über seinen neuen Spielfilm „Bucking Fastard“, Kaspar Hauser, künstliche Intelligenz und warum sich die Welt denjenigen zeigt, die zu Fuß gehen.
taz: Herr Herzog, Sie haben am Wochenende hier den Donostia Award für Ihr Lebenswerk erhalten. Aber Zurückblicken liegt Ihnen offenbar nicht besonders.
Werner Herzog: Ich bin ja eigentlich ein arbeitender Mensch. Mein nächster Film ist auch bereits fast fertig. Ebenso ein großer Bildband bei Taschen und ich bin an einem neuen Schreibprojekt. Ich sitze also nicht da und schaue: Was habe ich denn damals gemacht, vor 40 Jahren oder vor 50 Jahren? Wenn ich mal zurückblicke, dann eher flüchtig. Ich habe einfach noch richtig gute Storys in mir.
Im Interview: Werner Herzog
wurde 1942 in München geboren. Als Student gründete er 1963 in München seine Produktionsfirma „Werner Herzog Filmproduktion“ und drehte mit 24 Jahren seinen ersten abendfüllenden Film „Lebenszeichen“. Seine bekanntesten Spielfilme sind „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) und „Fitzcarraldo“ (1982), beide mit Klaus Kinski. Zu seinen zahlreichen Dokumentarfilmen zählen „Fata Morgana“ (1971) und „Die Höhle der vergessenen Träume“ (2022).
taz: Woher wissen Sie, welche davon Sie als Nächstes machen?
Herzog: Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens um vier auf, weil es in Ihrer Küche Geräusche gibt. Sie schalten das Licht an, und da stehen vier Einbrecher. Einer geht mit einer Axt auf Sie los. Dann kümmern Sie sich zuerst um den, der mit der größten Vehemenz auf Sie zukommt. Mit meinen Filmen ist es genauso.
taz: Im vergangenen Jahr sind Sie sogar zu Instagram gestoßen. Was hat Sie dazu gebracht?
Herzog: Mein jüngerer Sohn. Der hat gesagt, ich darf da nicht so altmodisch sein. Ich benutze ja kein Handy. Er sagte: Heute gibt es ein völlig anderes Publikum. Für die ist es eigentlich gut, wenn sie in so kleinen Vignetten sehen, was ich so treibe, auch außerhalb von Dreharbeiten, was mich bewegt oder was mir gerade durch den Kopf geht. Mein Sohn weiß, wie man das ins Netz stellt. Einige Videos dreht er, andere meine Frau. Ich selbst weiß nicht, wie die Reaktionen sind. Ich folge auch niemandem. Null. Niemandem.
taz: Eine dieser Geschichten ist „Bucking Fastard“, Ihr neuer Spielfilm, der hier ebenfalls gezeigt wird. Darin leben zwei Schwestern in beinahe symbiotischer Einheit und beginnen, einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Sie wehren sich dagegen, die beiden als Außenseiterinnen zu sehen. Gleichzeitig werden sie von ihrer Umwelt als anormal wahrgenommen. Wer sind denn eigentlich die Außenseiter?
Herzog: Das ist immer die Frage: Von wo sehen Sie Normalität? Kaspar Hauser ist für mich auch nicht der Außerirdische, der hier auf der Erde gelandet ist und noch nie Menschen gesehen oder menschliche Sprache gehört hat. Obwohl er so extrem ungewöhnlich erscheint, ist er für mich das Zentrum, weil er völlig unverbogen von gesellschaftlichen Normen auftaucht. Alle anderen sind bizarre, deformierte Außenseiter. Die beiden Schwestern sehe ich ähnlich. Wie ist es möglich, dass zwei Schwestern eine Seele, eine Identität haben? Für uns ist es selbstverständlich, dass es uns nur individuell gibt. Das wird hier auf einmal infrage gestellt.
taz: Bei der Pressekonferenz haben Sie gesagt, wir müssten unsere Seele verteidigen. Gegen was?
Herzog: Das war eigentlich ein bisschen ein Blick auf künstliche Intelligenz. Denn da ist ja infrage gestellt: Wie viel sind wir bereit, selbstständig zu denken? Und wie viel sind wir bereit, von unseren Träumen an künstliche Intelligenz abzugeben? Deswegen sage ich immer den jungen Leuten, die irgendeinen Rat haben wollen: Seht zu, dass ihr euer Denken, eure Träume nicht irgendwelchen Algorithmen überliefert. Warum grabt ihr nicht ein Loch in die Erde? Warum baut ihr nicht ein kleines Haus in einen Baum?
taz: Auch „Bucking Fastard“ folgt einer gewissen Traumlogik. Wie entsteht so eine Geschichte bei Ihnen?
Herzog: Ich entwickle da gar nichts. Ich sehe einen Film, so wie Sie einen Film im Kino sehen, und schreibe dann eigentlich nur ab, was ich sehe. Deshalb habe ich nie Figurenentwicklung oder Entwicklung der Geschichte oder drei Akte oder all so etwas. „Bucking Fastard“ habe ich in fünf Tagen geschrieben, ganz entspannt. Zwischendurch habe ich meine Steuererklärung gemacht und für Freunde gekocht.
taz: Woher wissen Sie dann, dass etwas filmisch funktioniert, auch wenn es nicht offensichtlich plausibel ist?
Herzog: Das weiß ich, weil das mein Beruf ist. Ich war immer schon Geschichtenerzähler, und als Geschichtenerzähler war ich immer gut. Andere sind besser mit digitalen Tricks und Special Effects. Deswegen interessiert sich ein Teil von Hollywood für mich, weil es da ein spürbares Defizit an guten Stoffen gibt.
taz: Sie haben hier auch gesagt, abstrakte Ideen seien der Feind des Kinos. Gleichzeitig werden Ihre Filme von Kritikern und Zuschauern immer wieder philosophisch interpretiert.
Herzog: Das können sie gerne. So ist das mit der Literatur ja auch. Aber es erklärt natürlich nicht alles. Die Logik der Geschichte ist eher wie die Logik in Gedichten oder die Logik in Träumen. Trotzdem ergibt sich ein klares Weltbild. Das ist spürbar. Das hat eine innere Logik, die so einen Film völlig normal erscheinen lässt.
taz: Gibt es Interpretationen, die Sie ärgern oder die Sie ablehnen? Wem gehört ein Film, wenn er fertig ist?
Herzog: Schauen Sie, der Film lief Anfang September in Venedig auf dem Festival. Da ist er anders aufgenommen worden als hier. Und wenn Sie den Film in einer Strafvollzugsanstalt zeigen – das haben wir in Venedig getan –, dann sehen die Menschen ihn wegen ihrer besonderen Situation wieder ganz anders. In 30, 40 Jahren hat sich das Publikum gewandelt, die Sehgewohnheiten haben sich verändert. Dann werden Sie vermutlich eine ganz eigene Interpretation sehen. Das ist auch völlig in Ordnung so.
taz: In Ihrer Dankesrede haben Sie die Basken als „Volk der Poesie, ein Volk der Dichter“ bezeichnet. Woher kommt diese Faszination für die baskische Kultur?
Herzog: Weil sie wirklich einzigartig ist. Schon die Sprache ist mit keiner anderen verwandt. Zum Beispiel manifestiert sich deren Kultur jährlich in einem riesigen Wettbewerb improvisierender Dichter, Bertsolari genannt. Zehntausende Leute sind da und jubeln. Ich schaue mir das jedes Jahr auf YouTube an. Ich spreche kein einziges Wort ihrer Sprache, aber wenn ich sehe, wie die Dichter miteinander wetteifern, sich gegenseitig überbieten und immer weitergehen, ohne genau zu wissen, worüber sie sprechen, spüre ich eine Gemeinschaft. Ich habe das Gefühl, als gehörte ich dorthin. Vor vielen Jahren bin ich einmal zu Fuß hierhergekommen, über 1.000 Kilometer, am Schluss die ganzen Pyrenäen entlang, allerdings mehr auf der französischen Seite des Baskenlands. Wenn Sie da zu Fuß sind, kommt auf einmal zum Vorschein, was sonst verschüttet ist: eine natürliche, bedingungslose Gastfreundschaft. Wer zu Fuß kommt, muss erst einmal am Herd getrocknet werden, weil er durch und durch triefend nass ist. Dann muss er gewärmt und gefüttert werden und bekommt ein Bett zum Schlafen. So war das auch bei den Bergbauern in den Pyrenäen. Immer.
taz: Das Zufußgehen ist für Sie eine besondere Art, Land und Menschen kennenzulernen?
Herzog: Die Welt eröffnet sich für die, die zu Fuß sind. Heute sind für mich nur noch kürzere Strecken möglich. Bei meinem letzten Dokumentarfilm „Ghost Elephants“ habe ich in den USA, in Namibia und in der nördlichen Kalahari gedreht. Dann gingen die Fährtenleser weiter nach Norden ins Hochland von Angola. Die letzten 150 Kilometer waren nur zu Fuß, durch Flüsse waten und jeden Tag zehn Stunden hinter scheuen Elefanten her. Da habe ich gesagt: Dafür bin ich zu alt. Der Produzent ist mit einem Kamerateam gegangen und hatte eine genaue Aufgabenliste. Der wusste, was ich brauchte. Das war dann aus der Entfernung Regie geführt, weil es für mich körperlich nicht mehr machbar war. Der Film, den ich übrigens gerade fertigstelle, ist ein Dokumentarfilm über einen Mann, der seit 29 Jahren zu Fuß unterwegs ist. „Walk of Life“. Immer weiter.
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