Q&A zur Lebenszufriedenheit – «Wie beeinflusst Social Media meine allgemeine Zufriedenheit?»

Chat-Protokoll:
Wie sehr beeinflussen materielle Dinge unser Glück?
Reto Odermatt: Materielle Dinge sind positiv mit unserem Glück verbunden. Wir gewöhnen uns aber oft auch relativ schnell an die neuen Dinge, wodurch sich das Glück wieder verringert. Die interessante Frage ist dabei auch, wie es sich relativ zu anderen Dingen verhält, die wir uns mit Geld kaufen können. So zeigt die Forschung beispielsweise, dass uns Erlebniskäufe im Durchschnitt glücklicher machen als materielle Käufe.
Was, wenn ich erkenne, dass meine Träume vom System her nicht erreichbar sind? Beispielsweise ist ein einfaches Leben mit weitgehender Selbstversorgung kaum noch möglich, da einerseits der Zugang zu Land sehr schwierig und teuer ist und andererseits Krankenkassenprämien und andere Preise so hoch sind, dass ich mit einfacher Handarbeit niemals die gefragten Beträge erreichen kann. Diese Systemzwänge sind nicht gerade erbaulich …
Reto Odermatt: Ja, wir sind oft eingeschränkt in unserem Handlungsspielraum. Dass solche Rahmenbedingungen die eigenen Lebensträume erschweren, kann verständlicherweise frustrieren. Es bleiben aber oft kleinere oder grössere Spielräume übrig. Beispielsweise die Frage, wofür ich meine Zeit einsetze, wie und mit wem ich diese verbringe. Da zeigt die Forschung, dass auch schon kleine Dinge die Zufriedenheit steigern können: ein Spaziergang in der Natur oder ein gutes Gespräch mit Freunden. An diesen Dingen kann man sich orientieren.
Ich (48) habe viele meiner Wünsche und Träume erfüllt. Jetzt fühle ich mich manchmal etwas verloren. Soll ich mir einfach neue Wünsche ausdenken? Oder mehr den Moment geniessen und kleinere Brötchen backen?
Reto Odermatt: Das ist schön zu lesen, dass Sie sich vieles schon erfüllen konnten! Das dürfen Sie sich immer wieder bewusst machen – die Forschung zeigt, dass wir die Tendenz haben, auf die Dinge zu schauen, die wir nicht haben, und dabei aus dem Blick verlieren, die Dinge zu schätzen, die wir haben. Und das ist eine spannende Frage: Was nun? Wie ich finde, «good news»: Sie brauchen nicht (mehr) den grossen Träumen nachzujagen, sondern können sich die Frage stellen: Was brauche ich, was macht mich glücklich, worauf habe ich Lust? Meine Empfehlung: genau da hinzuschauen und in diesen Prozess zu gehen, um Ihrer intrinsischen (im Gegensatz zur extrinsischen, von aussen gegebenen) Motivation auf die Spur zu kommen – gemäss der Zufriedenheitsforschung liegt darin eine wichtige Quelle für Wohlbefinden. Vielleicht nicht die grössten und sichtbarsten, aber die leckersten Brötchen, die es zu backen gibt.
Wir leben in einer Zeit, in der wir uns ständig mit anderen vergleichen. Durch Social Media sehen wir Influencer, die um die Welt reisen, scheinbar grenzenlose Freiheit geniessen und ihr Leben in vollen Zügen auskosten. Gleichzeitig sehen wir Menschen in unserem Alter, die beruflich bereits erfolgreich sind, früh heiraten, Kinder bekommen oder sich ein eigenes Zuhause aufbauen. Dadurch entsteht ein enormer Druck, ebenfalls etwas aus seinem Leben machen zu müssen, möglichst viel zu erleben und bestimmte Ziele bis zu einem gewissen Alter erreicht zu haben. Man möchte die Welt sehen, seinen Träumen nachgehen und gleichzeitig beruflich erfolgreich sein und sich eine sichere Zukunft aufbauen. Doch irgendwann stellt sich die Frage: Will ich das alles wirklich, oder glaube ich nur, dass ich es wollen sollte, weil es uns gesellschaftlich so vermittelt wird? Gerade als junger Mensch um die 20 finde ich es schwierig, herauszufinden, was einen tatsächlich glücklich macht und welche Wünsche überhaupt die eigenen sind. Man möchte keine Chancen verpassen und später nichts bereuen, setzt sich dadurch aber selbst unter Druck und wird unzufrieden mit dem eigenen Leben, obwohl es einem vielleicht gar nicht schlecht geht. Wie können junge Menschen in einer Zeit, in der uns ständig unzählige Lebensentwürfe und vermeintliche Erfolgsmodelle präsentiert werden, herausfinden, was sie wirklich glücklich macht? Wie lernen wir, zwischen unseren eigenen Wünschen und gesellschaftlich geprägten Erwartungen zu unterscheiden, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen oder im Leben hinterherzuhinken? Danke im Vorhinein.
Holger Herz: Ein Teil der Antwort liegt darin, dass wir unser Glück nicht absolut, sondern relativ bewerten. Ob wir mit unserem Leben zufrieden sind, hängt stark davon ab, womit wir es vergleichen, also von unserem Referenzpunkt. Und dieser Referenzpunkt liegt teilweise im sozialen Umfeld und wird somit durch andere Menschen geprägt. Das ist kein neues Phänomen. Früher war es das grössere Auto des Nachbarn, heute ist es die Weltreise oder das Luxusleben einer Influencerin. Dabei ist zu beachten, dass wir uns vor allem nach oben vergleichen, was uns unglücklich macht. Man sieht andere, die etwas haben, das man selbst auch gerne hätte, sich aber nicht leisten kann. Selbst Menschen, die zu den reichsten zehn Prozent gehören, vergleichen sich mit denen, die noch reicher sind, und fühlen sich dadurch weniger zufrieden, als sie es objektiv sein müssten. Social Media verstärkt diese Selektion: Wir sehen kein repräsentatives Bild der Gesellschaft, sondern eine stark gefilterte Auswahl: die erfolgreichsten Menschen, und auch von diesen nur die besten Momente. Und teilweise ist der Erfolg auch nur vorgespielt und entspricht nicht der Realität. Daher sind wir durch Social Media noch stärker Vergleichen ausgesetzt, die uns «schlecht» dastehen lassen. Was hilft, ist, sich diese Verzerrung bewusst zu machen und sich auch mal mit einer realistischen Gruppe zu vergleichen. Wer sich mit dem tatsächlichen Durchschnitt von Gleichaltrigen vergleicht, merkt meist, dass er/sie gar nicht unbedingt hinterherhinkt. Gleichzeitig gibt es auch keinen Grund, sich die individuellen Ziele und Wünsche von aussen diktieren zu lassen. Ihre Frage «Wie lernen wir, zwischen unseren eigenen Wünschen und gesellschaftlich geprägten Erwartungen zu unterscheiden» ist bereits eine gute Erkenntnis. Unsere eigenen Wünsche sind durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt und beeinflusst, aber Sie erkennen, dass es nicht dasselbe ist. Allerdings müssen sie am Ende die Abgrenzung zwischen Ihren Wünschen und der gesellschaftlichen Erwartung selbst vornehmen.
Wie beeinflusst Social Media und meine Bildschirmzeit meine allgemeine Lebenszufriedenheit?
Reto Odermatt: Das wird in der Forschung heiss debattiert! Die besten Studien, die ich zu dem Thema kenne, zeigen negative Effekte. Zum einen sind wir nicht besonders zufrieden, während wir vor dem Bildschirm oder am Smartphone sind, im Vergleich zu anderen Aktivitäten wie beispielsweise sozialer (Offline-)Interaktion. Zum anderen konnten Studien zeigen, dass, wenn wir auf Social Media oder ganz auf den Internetzugang mit unserem Smartphone verzichten, sich unsere Zufriedenheit steigert. Aber das heisst nicht, dass es immer und für alle schlecht ist. Es kann auch positive Effekte haben, zum Beispiel, wenn uns Social Media hilft, echte Kontakte zu pflegen. Meine Empfehlung: darauf achten, wie man sich nach der Nutzung fühlt und wofür einem dadurch Zeit fehlt. Und einmal ausprobieren, einen Teil der Bildschirmzeit durch etwas zu ersetzen, das einem guttut.
Oft sind Lebensträume mit enormen Kosten verbunden. So bleiben natürlich viele Träume unerfüllt, weil das Budget schlicht nicht ausreicht. Wie gehen Sie mit dieser Realität um? Ich bedanke mich.
Holger Herz: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an, der in der Sotomo-Studie auch etwas unklar bleibt. Es macht natürlich einen grossen Unterschied, ob ich mir einen Lebenstraum nicht leisten kann, oder ob ich aus psychologischen Gründen einen Lebenstraum aufschiebe. Wer sich eine Weltreise oder ein Eigenheim nicht leisten kann, verhält sich nicht irrational, sondern stösst an eine ganz klassische Budgetrestriktion, an der man nicht einfach etwas ändern kann. Somit ist nicht jedes unerfüllte Ziel als persönliches Versäumnis zu verstehen. Insofern man sich seine Träume und Ziele wählen kann, ist es daher sinnvoll, diese auch realistisch im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten zu setzen, oder sie so anzupassen (falls möglich), dass sie auch realisierbar werden.
Vielleicht absurde Frage, aber wie merke ich überhaupt, dass ich «glücklich» bin, also ein erfülltes Leben hinter mir habe?
Holger Herz: Das ist gar keine absurde Frage. Tatsächlich ist die Messung von Glück äusserst schwierig und zu einem gewissen Grad subjektiv. Es gibt in der Wissenschaft keinen objektiven «Glücksmesser», was auch Vergleiche zwischen Personen erschwert. Hinzu kommt, dass wir Glück im Moment und Glück im Rückblick auf unser Leben unterschiedlich wahrnehmen. Ein anstrengendes Leben, etwa mit kleinen Kindern, kann sich im Moment oft mühsam anfühlen, im Rückblick aber als sehr erfüllt gelten. Gleichzeitig gewöhnen wir uns schnell an Positives und nehmen es kaum mehr bewusst wahr. An Negatives hingegen gewöhnen wir uns oft schlechter, weshalb wir Unglück meist deutlicher spüren als Glück. Um Ihre Frage also direkter zu beantworten: Wenn Sie sich selbst nicht als unglücklich einschätzen und Ihr Leben nicht als unerfüllt wahrnehmen, dann stehen Sie vermutlich ganz gut da.
Wie wichtig sind Ziele im Leben? Was sind sowohl positive als auch negative Auswirkungen von langfristigen Zielen auf die Lebenszufriedenheit?
Holger Herz: Ziele wirken verhaltensökonomisch wie ein Referenzpunkt: Wer sein Ziel verfehlt, erlebt das als Verlust. Durch das Setzen von Zielen setzen wir uns also der Gefahr einer Enttäuschung aus. Dies wiederum wirkt motivierend, da wir Enttäuschungen vermeiden wollen. Somit dient die Zielsetzung der Selbstmotivation. Für die Lebenszufriedenheit können Ziele also durchaus wichtig sein, da sie Motivation, Orientierung und Sinn geben. Unrealistische und somit unerreichbare Ziele jedoch können auch das Gegenteil bewirken.
Welche Rolle spielt ein erfüllendes Sexualleben in punkto Lebenszufriedenheit? Gibt es diesbezüglich Erkenntnisse zu Unterschieden zwischen den Geschlechtern?
Reto Odermatt: Ein erfüllendes Sexualleben ist sicher positiv für die Lebenszufriedenheit, das ist wahrscheinlich nicht verwunderlich. So besteht eine positive Korrelation zwischen meiner Lebenszufriedenheit und der Zufriedenheit mit meinem Sexualleben. Zudem ist Sex die Tätigkeit, bei der wir unter den untersuchten Alltagsaktivitäten das höchste momentane Glück berichten. Eine Studie findet bei Menschen in Beziehungen oberhalb von ungefähr einmal pro Woche aber keinen zusätzlichen Zusammenhang zwischen Häufigkeit und Wohlbefinden. Die Geschlechterunterschiede scheinen dabei nicht sehr gross zu sein. Interessant ist auch, was diesen Zusammenhang erklären könnte: Der Zusammenhang zwischen Sex und Wohlbefinden wird teilweise über die damit verbundene Zuneigung erklärt, also über unser Grundbedürfnis nach Verbundenheit. Und da braucht es nicht zwingend Sex, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Ich bin Mutter von drei kleinen Kindern und habe früher erfolgreich Karriere und Familie miteinander vereinbart. Ich bin sehr gut ausgebildet und habe im mittleren Management gearbeitet. Doch am Tag nach meinem Mutterschaftsurlaub wurde ich entlassen – mit der Begründung, ich hätte jetzt mehr Zeit für meine Familie. Seit zwei Jahren suche ich eine neue Stelle. In Vorstellungsgesprächen werde ich immer wieder mit Fragen zu meinen Kindern konfrontiert. Es fühlt sich an, als würden meine Mutterschaft und die Tatsache, dass ich drei Kinder habe, meine Ausbildung, meine Erfahrung und meine beruflichen Fähigkeiten entwerten. Dabei möchte ich nicht weniger sein als früher – nur weil ich Mutter bin. Aber von einer guten Ausbildung und beruflichen Ambitionen allein kann man nicht leben. Die erfolglose Jobsuche bedeutet auch finanzielle Unsicherheit und enormen Druck. Das belastet nicht nur mich, sondern meine ganze Familie. Ich möchte meinen Kindern ein gutes Vorbild sein, ihnen Selbstvertrauen und Zuversicht vermitteln. Doch wie soll das gelingen, wenn sie erleben, wie ihre Mutter ständig kämpfen muss, weil die finanzielle Stabilität fehlt? Wie soll eine gut ausgebildete, ambitionierte Mutter ihre Lebensträume verwirklichen und ihren Kindern finanzielle Sicherheit und Zuversicht vermitteln, wenn sie nach der Mutterschaft beruflich aussortiert wird – und dabei zusehen muss, wie nicht nur ihre Karriere, sondern auch ihre Lebenszufriedenheit zerbricht?
Holger Herz: Ihre persönliche berufliche Situation tut mir sehr leid! Es ist leider ein gut dokumentierter Fakt, dass Karrieren von Frauen nach der Geburt von Kindern ins Stocken geraten. In Ihrem Fall auf besonders drastische Art und Weise mit Entlassung. Bei Neuanstellungen, gerade in Managementpositionen, zieht man als Frau mit jungen Kindern dann oftmals den Kürzeren, da aufseiten der Arbeitgeber Sorgen beispielsweise bezüglich der Flexibilität bestehen (auch wenn diese im konkreten Fall unbegründet sein können). Hinzu kommt, dass je nach Ihrer Branche, der Arbeitsmarkt momentan kein einfacher ist. Das ist eine frustrierende Situation. Den besten Rat, den ich Ihnen geben kann: Halten Sie an Ihrem Ziel fest, aber vielleicht nicht zu starr am Weg dorthin. Vielleicht lohnt es sich, den Blick zu weiten, falls Sie das nicht schon gemacht haben. Beispielsweise auf andere Branchen oder andere Berufsbilder, die weniger stark von Vorurteilen bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geprägt sind.
Ich stelle mir oft die Frage, ob das Lebensglück einerseits mit einem Vorbild von mindestens einem Elternteil abhängt, andererseits vom Status, mit dem man aufgewachsen ist? Wir sind 7 Kinder (alle schon 70 plus) und hatten beides. Von 7 sind 6 sehr lebensbejahend und positiv eingestellt, die Älteste ist extrem besorgt um Umwelt und Krieg auf der Welt und misstrauisch der Regierung gegenüber. Deshalb gehe ich bei 6:1 davon aus, dass meine unwissenschaftliche These stimmen könnte. Bin gespannt, mehr darüber zu hören.
Reto Odermatt: Sie sind da auf einer spannenden wissenschaftlichen Spur! In der wissenschaftlichen Literatur spricht man von intergenerationalen Effekten. Und diese Zusammenhänge sind tatsächlich relativ stark. Vereinfacht gesagt korrelieren das eigene Einkommen und der erreichte Status stark mit jenen der Eltern. Und sogar bei der Zufriedenheit kann man einen Zusammenhang nachweisen. Zudem habe ich in einer Studie für Grossbritannien untersucht, wovon unsere beruflichen Ziele im Leben abhängen: Die Wünsche der Eltern fürs eigene Kind hängen stärker mit den beruflichen Zielen zusammen als die eigenen kognitiven Fähigkeiten.
Hallo. Ich denke, viele Leute inkl. mir, erfahren ein sehr schönes und glückliches Leben. Leider sehen viele in vielen Situationen vor allem das Schwierige und Schlechte. Wie kann das Positive oder das eigene Glück besser gesehen werden. Danke für eine Rückmeldung und liebe Grüsse.
Holger Herz: Dass uns das Schwierige oft stärker auffällt als das Schöne, hat mit zwei Mechanismen zu tun. Zum einen gewöhnen wir uns rasch an Gutes: Was uns anfangs Freude macht, wird mit der Zeit zur Normalität und rückt in den Hintergrund. Zum anderen messen wir unser Glück nicht an einem festen Massstab, sondern im Vergleich mit anderen, und dabei schauen wir meist zu jenen, denen es scheinbar noch besser geht. Das ist kein neues Phänomen: Früher war es der Nachbar mit dem grösseren Auto, und sogar sehr wohlhabende Menschen vergleichen sich lieber mit den noch Reicheren als mit dem Durchschnitt. Social Media verstärkt diese Tendenz, weil uns dort vor allem Erfolge und Glanzmomente begegnen, kaum aber der gewöhnliche Alltag. Es hilft, sich diese Verzerrungen bewusst vor Augen zu führen. Wer sich mit einer realistischen Vergleichsgruppe misst, erkennt oft, wie gut es ihm tatsächlich geht (wie sie es ja einleitend auch festhalten).
Guten Tag Was raten Sie Personen um die 30 in einer Polykrisenzeit wie jetzt und viel Veränderungen im Leben (Karriere, Kinder, Umzüge..) um die Lebenszufriedenheit zu erhalten/fördern? Wie können wir die Hoffnung behalten und positiv in unsere Zukunft und jene unserer Kinder blicken? Einen schönen Tag!
Reto Odermatt: Ja, das sind herausfordernde Zeiten. Und Sie sprechen etwas Wichtiges an – Hoffnung und Optimismus sind wichtig, auch für unser Glück. Ein Teil der Antwort könnte sein, zu versuchen, bewusster mit unseren eigenen Ressourcen umzugehen. Das beinhaltet auch Selbstfürsorge und die Frage, was einem gerade guttun würde. Ich glaube, das geht im Trubel des Alltags oft etwas unter – zumindest bei mir als Vater von zwei kleinen Kindern. Das kann vielleicht auch einen bewussten Medienkonsum beinhalten. Eine Studie aus der Coronazeit hat gezeigt, dass Menschen unter den untersuchten Tätigkeiten beim Medienkonsum zu Corona am unglücklichsten waren. Ich sage nicht, man solle die Augen verschliessen, aber man kann versuchen, die eigene Aufmerksamkeit vielleicht etwas stärker auf jene Dinge im Leben zu richten, die das eigene Glück und die Hoffnung nähren.
Für mich hat Lebenszufriedenheit auch viel mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Ich habe viele Träume, aber wenig Spielräume, die ich selbstbestimmt gestalten kann. Ich arbeite viel, versorge mit dem Partner die Kinder, am Ende bleibt nichts übrig. Dann steht noch in Aussicht, dass wir immer länger arbeiten werden. Es frustriert mich, da man zwar jeden Tag einen grossen Beitrag leistet, die Produktivität durch technische Errungenschaften immer mehr steigt, einzelne immer reicher werden und man selbst in diesem Hamsterrad gefangen bleibt. Für mehr Lebenszufriedenheit bräuchte es für mich das Gefühl, in einer gerechteren Gesellschaft zu leben, und dass der eigene Beitrag sich auszahlt. Inwiefern steht diese ungerechte Verteilung auch der Lebenszufriedenheit vieler Mitglieder der «Arbeitnehmenden» im Weg? Müssen da nicht auch mehr Anreize und positive Perspektiven und vor allem auch Spielräume geschaffen werden?
Holger Herz: Lebenszufriedenheit hängt tatsächlich mit dem Einkommen zusammen, vor allem mit dem frei verfügbaren Teil davon. Wenn nach Miete, Krankenkasse und Kinderbetreuung kaum etwas übrig bleibt und gleichzeitig die Zeit fehlt, stösst man an eine ganz klassische Budgetrestriktion, beim Geld wie bei der Zeit. Ohne Spielraum lassen sich Träume schlicht nicht verwirklichen. Verstärkt wird das durch das Gefühl von Ungerechtigkeit. Die Verhaltensökonomie zeigt, dass Menschen nicht nur bewerten, wie viel sie haben, sondern auch, ob sie die Verteilung als fair empfinden. Wer viel leistet, ohne dass es sich auszahlt, und dabei sieht, wie einzelne sehr reich werden, empfindet die eigene Lage zusätzlich als belastend. Ob nun durch eine gerechtere Verteilung mehr Spielräume geschaffen werden sollten, oder, wie sie es formulieren, dass sich Leistung auch für «Arbeitnehmende» lohnt, ist letztlich eine politische Frage. Klar ist aber: Für die Lebenszufriedenheit zählen nicht nur Einkommen, sondern auch Fairness und frei gestaltbare Zeit. Wenn man historisch etwas weiter zurückblickt, und dieser Blick lohnt sich manchmal zur Einschätzung der derzeitigen Lage, dann stellt man fest, dass die Reallöhne in der Schweiz über lange Zeit stark gestiegen sind, während die Arbeitszeiten gesunken sind. In den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Wachstum aber in der Tat verlangsamt.
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