Porträt Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson
Dass Anne Carlson in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält, ist für Beobachter der Literaturbranche keine große Überraschung: Seit Jahren schon wurde der Name der 1950 geborenen Kanadierin hoch gehandelt, in diesem Jahr teilte sie sich mit der Chinesin Can Xue sogar Platz eins der Buchmacherlisten - und wurde nun ausgezeichnet.
Anne Carson ist Lyrikerin, Essayistin, Dramatikerin, Übersetzerin - sie lässt sich in keine literarische Schublade pressen. In Interviews gibt sie sich oft lakonisch-wortkarg. Auf die Frage des "Penn Review", ob sie in einem anderen Leben wieder eine Poetin würde, antwortete sie: "Ich glaube nicht, dass ich in diesem eine Poetin war. Ich habe Dinge gemacht; manche von ihnen haben sich ab und zu in eine poetische Form eingefügt. Warum, weiß ich nicht."
Manchmal ist es eine Lehrkraft, die den Lebenslauf eines jungen Menschen entscheidend beeinflussen kann - so war es auch bei Carson. Auf der Highschool begeisterte eine Lateinlehrerin die junge Anne für Alte Sprachen und bestimmte damit ihren akademischen Werdegang. An der University of Toronto studierte sie Latein und Griechisch und erlangte dort ihren Bachelor, ihren Master und schließlich 1981 ihren Doktor der Philosophie in Classics, also dem Studium der Klassischen Antike. Ein Aufbaustudium führte sie an die University of St. Andrews in Schottland, wo sie ab 1975 die Metrik des Griechischen untersuchte und mit einem Diplom in Altphilologie1976 abschloss.
Antike Literatur - radikal neu
Carson ist berühmt dafür, traditionelle Gattungsgrenzen einzureißen und Lyrik, Prosa, Essayistik sowie wissenschaftliche Kritik in einem einzigen Werk zu vermischen. Dabei greift sie immer wieder auf antike griechische Literatur zurück und interpretiert diese Stoffe radikal neu. Das ist intellektuell anspruchsvoll - und überaus erfolgreich.
Ihr bekanntestes Werk ist der Versroman "Autobiography of Red (dt. "Rot. Ein Roman in Versen", 1998), der von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert wurde. Er erzählt vom mythischen Außenseiter Geryon, einem antiken Monster mit roter Hautfarbe, das von Herakles getötet wird. Carson transformierte den antiken griechischen Mythos in ein modernes Gedicht über unerwiderte Liebe.
Als Grundstein für Carsons schriftstellerisches Schaffen gilt ihr 1986 erschienenes Werk "Eros, the Bittersweet: An Essay" (dt. "Der bittersüße Eros"). Darin etabliert sie das Konzept des Eros als eine bittersüße, von Mangel und Begehren geprägte Erfahrung - und stellt die These auf, dass Begehren immer drei Elemente braucht: den oder die Liebende/n, den/die Geliebte/n und den Raum des Mangels dazwischen. Bitter und süß existieren zeitgleich. In "Eros" mischte Carson Altphilologie mit moderner Literatur (z. B. Virginia Woolf) und entstaubte sie damit für eine breite Leserschaft.
Carson bringt Troja und Marilyn Monroe zusammen
Auch das Theater hat Anne Carson entscheidend geprägt: So hat sie antike Stücke wie Sophokles' "Antigone" neu und sehr modern übersetzt, schlägt aber zum Beispiel mit ihrem eigenen Werk "Norma Jeane Baker of Troy" (2019) auch eine Brücke zwischen antiken Stoffen und realen Figuren der Popkultur (Norma Jean Baker ist der Geburtsname Marylin Monroes).
Diese große Vielseitigkeit und Innovationskraft hat das Nobelkomitee jetzt gewürdigt. Die 76-Jährige bekommt die Auszeichnung für ihr "kühnes und erfinderisches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat", wie die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, bei der Verkündung sagte.
"In ihrem gesamten Schaffen erkundet Carson mit leichter Hand die Möglichkeiten des Schreibens", erklärt Anders Olsson, Vorsitzender des Nobelkomitees: "Ihre Kooperationen mit bildenden Künstlern und Choreografen sowie mit Opern- und Theaterregisseuren zeigen die Freiheit, mit der sie sich mit literarischen Erwartungen und Regelsystemen auseinandersetzt. Genau dies begründet die herausragende Bedeutung, die ihr Werk seit den 1990er-Jahren für die internationale Kunst- und Literaturszene hat."

Im Laufe ihrer Karriere wurde Carson vielfach ausgezeichnet, 2024 erhielt sie für ihren Gedichtband "Wrong Norma" den amerikanischen National Book Critics Circle Award 2024 in der Kategorie Lyrik. Sie arbeitete außerdem viele Jahre als Dozentin an mehreren Hochschulen in Kanada und den USA, u. a. in Princeton, Berkeley und an der McGill University in Montreal. "Als ich anfing, veröffentlicht zu werden, kamen die Leute auf die Idee, ich sollte 'Schreiben unterrichten', als ob das eine Fähigkeit wäre, die man wie Autoreparieren weitergeben könnte", erzählte sie dem US-amerikanischen Autor John D'Agata 1997.
Anne Carson hat sich noch nicht öffentlich zu ihrer Ehrung geäußert. Sie habe kurz mit der Preisträgerin am Telefon sprechen können, erzählte Ingrid Carlberg bei der Nobelpreis-Bekanntgabe am Mittag. "Sie war sehr überrascht. Wir hatten nicht viel Zeit zu sprechen, aber sie hat mir erzählt, dass sie gerade in Island ist, um dem Wind zuzuhören." Gut möglich, dass er ihr neue Ideen einflüstert - für den nächsten Essay, das nächste Gedicht, Theaterstück - oder gleich alles zusammen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.