EU-Kanada-Gipfel – Warum die EU und Kanada stärker zusammenrücken wollen

Zurzeit treffen sich die Europäische Union und Kanada in Montreal zu einem gemeinsamen Gipfel. In der EU spricht man bereits von einem der wichtigsten Gipfel, die man je organisiert habe. EU-Korrespondent Matthias Strasser beantwortet die wichtigsten Fragen.
Matthias Strasser
EU-Korrespondent
Matthias Strasser ist Korrespondent für die EU und die Benelux-Staaten. Der Historiker ist seit 2019 für Radio SRF tätig. Davor war er Bundeshauskorrespondent für private Radiostationen in Bern.
Weshalb interessiert sich Kanada für eine engere Zusammenarbeit mit der EU?
Kanadas Premierminister Mark Carney zeigt sich schon länger interessiert an einer engeren Zusammenarbeit mit der EU. Und im Spätsommer hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Charmeoffensive erwidert. Kanada solle «assoziertes Mitglied» der EU werden. Wirtschaftlich ist Kanada immer noch eng mit den USA verbunden. Etwa drei Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Anteil sank zwar infolge Trumps Zollkrieg auf einen Tiefststand, liegt aber immer noch bei deutlich über zwei Dritteln. Das lässt sich kaum ersetzen. Aber Kanada muss diversifizieren. In einzelnen Wirtschaftszweigen, etwa der Pharmaindustrie, hat Trump 100 Prozent Einfuhrzölle verhängt, weil sich Kanada seinem Druck nicht beugen wollte. Deshalb also assoziierte EU-Mitgliedschaft.
Was bedeutet eine assoziierte Mitgliedschaft?
Diesen Status gibt es heute noch gar nicht. Geplant ist eine Partnerschaft, die «so nahe an die EU-Mitgliedschaft heranreicht wie alles andere, was es bisher für Drittstaaten gab», erklärten EU‑Beamte im Vorfeld. Allerdings gibt es beim Etikett für die Zusammenarbeit Diskussionen. Nach deutschem Widerstand soll das Wort «Mitgliedschaft» nach dem Gipfel in Montreal nicht mehr verwendet werden. So sieht es der Entwurf der Schlusserklärung vor. Zu stark erinnert es an Mitbestimmung, was in der EU schwierig zu vermitteln wäre. Und an die Übernahme von Regeln, was in Kanada kaum mehrheitsfähig ist.
Warum ist diese Mitgliedschaft für die EU-Kommissionspräsidentin so wichtig?
Carney hatte eine Allianz der Mittelmächte vorgeschlagen. Aber die EU sieht sich nicht als Mittelmacht. Sie will in der obersten Liga mitreden und das Zentrum einer Allianz der verbleibenden Regelbasierten sein. Wirtschaftlich hat sie das Zeug dazu. Sicherheitspolitisch eher nicht. Klar ist aber unabhängig vom Label: Kanada und die EU werden füreinander spannender. Vom wichtigsten Gipfel seit Langem ist in Brüssel die Rede. Die EU möchte sich etwa beim Thema seltene Erden breiter aufstellen. Kanada ist ein grosses Land mit vielen Rohstoffen. Auch wenn die Förderung lange dauern wird.
Wie realistisch ist eine engere Zusammenarbeit?
Bei der Marktintegration, also etwa Personenfreizügigkeit, ist eine engere Zusammenarbeit eher nicht realistisch. Dafür aber bei Forschung oder Studierendenaustausch, bei der Verteidigung und Rüstung und bei der Unterstützung der Ukraine, wo die EU neue Verbündete sucht. Auch in der Arktis und bei der Lieferung von Rohstoffen ist eine Zusammenarbeit möglich. Schnelle und vor allem billige Lösungen wird es mit Kanada also kaum geben. Und politisch wohl auch keine einfachen.
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