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Saturday, October 24, 2026

Brasilien vor der Stichwahl: Die Macht der Influencer

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Ein Anhänger des brasilianischen Präsidenten Lula posiert für ein Selfie.

Stand: 24.10.2026 • 06:13 Uhr

Wer beherrscht die Sozialen Netzwerke? Diese Frage könnte in Brasilien wahlentscheidend sein. Im digitalen Wahlkampf kann Bolsonaro auf den erfolgreichsten Influencer des Landes zählen - doch auch die Linke hat dazugelernt.

Anne Herrberg

Sie sind jung, links und haben eine klare Mission - sie wollen den Rückstand Lula da Silvas gegen Flávio Bolsonaro wettmachen. Am 7. Oktober, zwei Tage nach dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaft Brasiliens, trifft sich eine Gruppe junger und digital aktiver Abgeordneter der linken Arbeiterpartei mit dem Präsidenten in Brasilia.

Am selben Tag gründet sich, unter der Leitung des Abgeordneten André Janones, das "Exercito do Lula", zu deutsch "Lulas Armee". Sie mobilisieren zu digitalen Flashmobs, setzen Hashtags und Trends, machen Unterstützer zu Multiplikatoren - ein Frontalangriff auf den Algorithmus.

"Leute! Habt ihr das gerade mitbekommen? Schreibt 'Soldat' hier in die Kommentare, sobald ihr den Link erhalten habt, tretet bei, folgt uns, die Opposition ist schon ganz verzweifelt, weil die Gruppe wächst und wächst. Wenn wir die fünf Millionen erreichen, wird sich Lula ein Handy besorgen und selbst der Gruppe beitreten."

Präsident Lula besitzt kein Handy, und sein erstes Selfie entstand erst im Wahlkampf.

Bolsonaro postet Videos - Lula besitzt nicht mal ein Handy

Bis Freitag waren es schon mehr als 9,5 Millionen. Aber dass der bald 81-jährige Lula kein persönliches Handy besitzt, war kein Scherz - und genau das veranschaulicht ein zentrales Problem der Linken im Wahlkampf.

Während Flávio Bolsonaro regelmäßig Videos postet, nahm Lula Anfang Oktober sein allererstes Selfie auf. Und im Gegensatz zur Gegenseite gibt es bei der Arbeiterpartei bisher nur wenige Figuren mit großer digitaler Reichweite.

Eine davon ist Ana Elisa, 21 Jahre, fünf Millionen Follower, gerade wurde sie zur jüngsten Abgeordneten Brasiliens gewählt. "Die Rechte hat viel schneller als die Linke verstanden, dass Wahlkampf heute gleichzeitig auf der Straße und im Netz stattfinden muss", sagt sie. "Geh mal um fünf Uhr an eine Bushaltestelle und sag mir, wer nicht auf sein Handy guckt."

In ihren Videos nimmt sie am Alltag der Wähler teil, geht in den Dialog und zeigt ihre eigene Lebensrealität - die einer schwarzen Frau, die dank Sozialprogrammen studieren konnte: "Wir müssen die Narrative für linke Ideen zurückgewinnen", erklärt sie.

Netz für viele primäre Informationsquelle

Brasilianer gehören zu den aktivsten Social-Media-Nutzern weltweit, für immer mehr Menschen werden Netzwerke zur primären Informationsquelle - und dort eben nicht die Profile der klassischen Medien, sondern Seiten, die Klatsch, Humor oder VIP-News verbreiten.

"Die Rechte hat die Logik der sozialen Netzwerke sehr viel schneller verstanden - welche Formate viral gehen, kurze Videos, hochkant, Clips, und welche Arten von Inhalten funktionieren: nämlich solche, die auf Chaos, Kontroversen, Absurdität, Negativität, Schockmomenten oder einer starken emotionalen Wirkung basieren", sagt Kommunikationswissenschaftlerin Carolina Terra von Sao Paulos staatlicher Universität. Gleichzeitig steige das Misstrauen der User, aufgrund der jahrelangen Erfahrung mit Fake-News und Polarisierung.

Genau das stärke die Rolle von Influencern. Die werden - mit ihrer direkten Ansprache, der Weiterverbreitung von Videos über Whatsapp-Gruppen - oft als vertraute Personen wahrgenommen, denen man eher Glauben schenke. "Und in letzter Zeit haben wir zudem gesehen, dass es gelingt, die eigenen Kandidaten mithilfe dieser Logik durchzusetzen."

"Wer hat die meisten Likes auf TikTok? Lula? Nein, ich"

Wer das schon früh und am besten verstanden hat, ist er: Nikolas Ferreira aus dem Bundestaat Minas Gerais:

Oh, ihr Linken, hört mal zu: Wer hat das meiste Engagement und die meisten Likes auf TikTok? Lula? Nein, ich. Wer hat das meiste Engagement auf YouTube? Lula? Nein, ich. Heißt das, dass sich Mark Zuckerberg, Xi Jinping, Trump und Elon Musk zusammengetan haben, um diesem Jungen hier zu helfen? Wisst ihr, wer mir dieses Engagement liefert, meine Freunde? Nicht Meta - es ist Brasilien!

Ferreira hat fast 25 Millionen Follower, wurde 2022 mit den meisten Stimmen aller Kandidaten zum Abgeordneten gewählt und hat sein Ergebnis in den Parlamentswahlen 2026 verdoppelt. In seinem Fahrwasser wurden weitere 21 von ihm unterstützte Kandidaten gewählt. Heute ist er das digitale Zugpferd der Kampagne von Bolsonaro und mobilisiert die "Tropa do Flávio", das digitale, zwei Millionen Follower starke Unterstützernetzwerk und die Straßenkampagne - eine Art Bolsonaro-Parade, mit Party in Brasilienfarben, mit Baile Funk gegen Links.

Lulas Gegenkandidat Bolsonaro ist regelmäßig auf Social Media aktiv - macht das bei der Stichwahl den vielleicht entscheidenden Unterschied aus?

Schlachtfeld um die Wählergunst

Soziale Netzwerke sind zum zentralen Schlachtfeld um die Wählergunst geworden, dabei setzen beide Lager auf Fake News und Künstliche Intelligenz. Brasilien, das strenge Regeln gegen Betrug und für den Einsatz von KI im Wahlkampf besitzt, wurde so auch zu einem Echtzeitlabor für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz - und der Fähigkeit der Behörden, dieser sowie dem Einfluss großer Tech-Konzerne Grenzen zu setzen.

Dabei besitzt das Land strenge Regeln gegen Betrug und für den Einsatz von KI. Sogenannte Deepfakes sind im Wahlkampf verboten, KI-generierte Videos müssen klar gekennzeichnet werden. Die Regulierungen verpflichten digitale Plattformen außerdem dazu, Beiträge von normalen Nutzern, die Wahllügen verbreiten, demokratische Institutionen angreifen oder auf andere Weise gegen brasilianisches Recht verstoßen, umgehend zu entfernen.

Wo endet legitime Wahlwerbung?

Trotzdem tobt aktuell ein Rechtsstreit über das "Exercito do Lula". Umstritten sind koordinierte politische Mobilisierung, mögliche Desinformation und die Frage, wo legitime Wahlwerbung endet. Das Bolsonaro-Lager musste ein Video zurückziehen, indem eine KI-Version von Jair Bolsonaro Werbung für seinen Sohn macht, obwohl dem echten Ex-Präsidenten solche Auftritte untersagt sind.

Und der US-Tech-Konzern Meta wurde vom Wahlgericht Brasiliens angewiesen, Lula und Bolsonaro gleich zu behandeln, nachdem Lulas Team dem Mutterkonzern von Facebook, Instagram und Whatsapp algorithmische Manipulation vorgeworfen hatte. Das Ergebnis bei den Wählern sei oft aber nicht mehr Engagement, sondern weniger Interesse und Politikmüdigkeit, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Carolina Terra: "Es löst großes Unbehagen aus - es erzeugt Beklemmung, Angst, Qual. Es geht hier nicht um eine Diskussion von politischen Vorschlägen, sondern um einen Kampf der Narrative."

Dabei geht es vor dieser Stichwahl für beide Kandidaten darum, unentschlossene und Nicht-Wähler zu mobilisieren. Ob das gelingt, wird sich am Sonntag zeigen.

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