Kunst als DNA der Freiheit: Maria Kolesnikowa sprach beim Beethovenfest
"Die äußere Freiheit kann man einem Menschen nehmen, manchmal fast vollständig. Man kann seine Bewegungsfreiheit einschränken, seine Kontakte zu anderen Menschen und seinen Zugang zu Informationen. Aber viel schwieriger ist es, das zu kontrollieren, was bereits Teil seiner Erinnerung, seiner Vorstellungskraft und seiner inneren Erfahrung geworden ist. Und genau darin liegt für mich die Erklärung, warum Kultur für eine freie Gesellschaft so wichtig ist, und warum autoritäre Systeme ihr so oft mit Misstrauen begegnen."

Maria Kolesnikowa weiß, wovon sie spricht: Fünf Jahre hat die belarussische Flötistin und Oppositionelle in Haft verbracht, davon drei in Einzelhaft. Festgenommen wurde die politische Aktivistin und Künstlerin vom Lukaschenko-Regime nach der Zerschlagung der friedlichen Revolution in ihrer Heimat im Sommer 2020. Landesweite Massenproteste und eine demokratische Bürgerbewegung flammten nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 9. August 2020 auf.
Während der Haft habe sie ihre Welt, ihre Erfahrung in sich getragen, so Kolesnikowa, deswegen sei sie frei gewesen und habe sich nie als Opfer gefühlt. Genau das sei die Kraft der Kunst. Und genau deswegen hassten alle Diktatoren dieser Welt, ob Stalin und Hitler, oder aber Putin und Lukaschenko unabhängige Kultur, auch wenn diese nicht direkt politisch ist, so Kolesnikowa.
Während einer Podiumsdiskussion formulierte Kolesnikowa ihre Botschaft noch direkter: "Oft wird die Frage gestellt: Was schützen wir in der Ukraine? Warum brauchen wir so viel Geld und immer neue Waffen? Für mich ist es komplett klar: Der Krieg, den Russland angefangen hat, ist nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine. Es ist ein Krieg gegen europäische Werte und europäische Kultur. Es ist ein Krieg gegen unsere Zivilisation." Das sei ihr sofort klar geworden, als sie im Gefängnis vom Überfall Russlands im Februar 2022 erfuhr.
Musik hat sie gerettet
Seit mittlerweile zehn Monaten ist Maria Kolesnikowa wieder frei – ein Wunder, an das sie selbst kaum glauben konnte und das einer Meisterleistung der internationalen Diplomatie zu verdanken ist. Dass sie nicht als gebrochene Gestalt, sondern als strahlende Siegerin in ihr Leben zurückkehrte, hat Maria Kolesnikowa, die in Minsk und Stuttgart als Flötistin und Fachfrau für alte und zeitgenössische Musik ausgebildet wurde, nicht zuletzt Beethoven und Bach zu verdanken: "Ich habe sehr viel Zeit in völliger Stille verbracht. Aber diese Stille war fast nie leer, weil in meinem Kopf ständig Musik klang", sagte Kolesnikowa in Bonn. "Wir Musiker kennen diesen Zustand sehr gut: Manchmal bleibt eine Melodie oder eine musikalische Phrase so hartnäckig im Kopf, dass man sie einfach nicht loswird. Im normalen Leben kann das sogar nerven. Im Gefängnis habe ich zum ersten Mal verstanden, dass genau das ein großes Glück sein kann."

Während ihres Bonn-Besuchs besuchte Kolesnikowa auch die DW und nahm an der Live-Sendung "DW Novosti" des russischen Programms teil.
Ihre große Aufgabe sieht die ehemalige politische Gefangene, die auf Einladung der Bundesregierung in Berlin lebt und sich langsam von dem durchlebten Horror erholt, darin, an die Schicksale anderer politischer Gefangenen in ihrer Heimat (es sind momentan noch immer über 800 politische Gefangene) zu erinnern, aber auch generell an die Bedeutung und Fragilität des freien Kunstausdrucks. Am 2. Oktober sprach sie in Bonn bei der vom Beethovenfest mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes organisierten Konferenz für Kulturveranstalter unter dem Titel "Kulturveranstaltungen als politische Orte?"
"Ambivalenz ertragen": Konzertsaal als Ort der Freiheit
In der frisch renovierten Beethovenhalle kamen am Abschluss-Wochenende des Beethovenfestes über 200 Vertreter der Konzert-Institutionen und Musikfestivals aus ganz Deutschland, um über innovative Formate und Formen des Musiklebens zu diskutieren, aber auch um über den Tellerrand des Musikbetriebes hinauszuschauen.

"Es ist nicht die Aufgabe von Kultur oder Kunst, bestimmte parteipolitische Positionen einzunehmen oder explizite politische Statements zu machen", sagte Steven Walter, Intendant des Beethovenfestes und Gastgeber der Konferenz, der DW. "Was die Kunst aber immer macht, ist Begegnungsräume schaffen, Orte, wo Menschen Ambivalenz auch ertragen können. Und das ist ein so wichtiger Muskel für unsere Gesellschaft, dass wir es aushalten, etwas gemeinsam zu erleben." Und es seien Menschen der Kunst und Kultur, die Räume für selbstständiges Denken, eigene Interpretationen, auch für Zweifel schafften. "Vielleicht gibt es in der Natur der Kunst tatsächlich so etwas wie eine DNA der Freiheit", so Steven Walter im DW-Gespräch am Rande der Konferenz.
Erfolgreichstes Beethovenfest seit Jahren
Nach der Konferenz ging es für zahlreiche Teilnehmer und Gäste an die gewohnte Arbeitsstätte – in den Konzertsaal. Den feierlichen Schlusspunkt des Beethovenfestes 2026 setzte am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, das Konzert mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter der Dirigentin Anja Bihlmaier. Aufgeführt wurde Johannes Brahms "Ein deutsches Requiem", ein ikonisches Werk, das Versöhnung und Vertrauen beschwört.

Nach vier Wochen verzeichnete das Beethovenfest 2026 die höchste Besucherzahl seit zehn Jahren - rund 35.000 Gäste kamen zu den mehr als 100 Konzerten und Veranstaltungen, um Kunst gemeinsam zu erleben, zu feiern und zu diskutieren.
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