Bizarre Opfergaben bei Zürcher «Stonehenge» entdeckt

- Wanderer haben am Sonntag beim Steinkreis in Affoltern am Albis Opfergaben entdeckt: einen Apfel, Salat, vier Federn und frischen Kerzenwachs.
- Historiker Richard Walker überrascht der Fund nicht – der Steinkreis ist ein bekannter Treffpunkt für die Esoterik-Szene.
- Sektenspezialist Georg Schmid von Relinfo vermutet ein schamanistisches Ritual zur Verehrung einer Gottheit.
Ein Apfel, Salat in einer Schale, vier Federn und auf drei Steinen frischer Kerzenwachs: Zwei Wanderer entdeckten am Sonntag beim «Stonehenge» in Affoltern am Albis verdächtige Spuren. «Wir gingen wandern und wollten den Steinkreis besuchen», erzählt News-Scout Melanie. «Als wir ankamen, haben wir eine Schale gesehen mit ganz frischen Sachen drin. Es hatte auch weissen Kerzenwachs an den Steinen. Mein Freund sagte, ich solle nicht weitergehen, weil wir nicht wussten, ob da eine ‹gute› oder eine ‹schlechte› Zeremonie durchgeführt wurde.»
Der Anblick sei «etwas verstörend» gewesen, erzählt Melanie. «Zudem entdeckten wir unweit davon bei einem Weiher weitere kleine Steine, die jemand absichtlich angeordnet hat – ebenso mit Kerzenwachs drauf. Wir dachten uns: ‹Was für ein komischer Wald.›» Sie seien schnell wieder gegangen.
Steht der Apfel für die Venus?
«Die drei Steine mit Kerzenwachs hatten wohl eine Bedeutung», erzählt Melanie. «Laut unseren Recherchen solle die Zahl für die Triade, die Dreifaltigkeit, das Göttliche oder die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen. Und der Apfel stehe für die Göttin Venus.» Speziell: Am Montag war ein astrologisches Ereignis. Der Mond bedeckte am 14. September die Venus.
Einer, der an der Entdeckung des Steinkreises im Bislikerhau und der Inventarisierung im Kantonsarchiv beteiligt war, ist Richard Walker aus Rifferswil ZH. Der ehemalige Bauingenieur hat ein Buch über die vielen Knonauer Megalithe – so nennt man die Steine – geschrieben. Mit Esoterik hat Walker nichts am Hut, er grenzt sich ausdrücklich davon ab. Aber er weiss: «Der Steinkreis stammt nicht wie ursprünglich angenommen aus der prähistorischen Zeit, sondern er wurde in den vergangenen Jahrzehnten so angeordnet. Und zwar von einem unterdessen verstorbenen Schweizer Esoteriker, der auch fragwürdige Produkte verkaufte und einen gewissen Anhängerkreis hatte.»
Sogar schon abgeschlagener Hühnerkopf entdeckt
Der Steinkreis sei zum Treffpunkt geworden für die Esoterik-Szene. «Deshalb wundert mich der jüngste Fund dieses Wanderer-Paares überhaupt nicht. Der Steinkreis ist ein Ort, der spezielle Menschen anzieht. Wir entdecken laufend Kerzen, Fahnen, Duftstäbchen und andere Sachen. Bei einer anderen Steinreihe habe ich sogar einmal einen abgeschlagenen Hühnerkopf entdeckt.»
Und als Richard Walker einmal beim Steinkreis war, habe er sogar «einen langhaarigen Guru» angetroffen, der einen Menhir umarmte. Die Gruppierungen, die dort ihre Riten durchführen, werden von Behördenseiten akzeptiert – solange sie nichts kaputt machen, präzisiert Walker. «Wie gesagt, der Fund des Apfels und der Salatschale ist nichts Ungewöhnliches. Der Steinkreis wurde zunehmend zu einem Treffpunkt für solche Riten – vor allem zur Sommersonnenwende.» Denn der grosse Menhir im Steinkreis befinde sich mit einem zweiten auf einer Linie, der zur Sommersonnenwende auf zwei Grad genau den Sonnenuntergang anvisiere.
Sektenspezialist: «Deutet auf Schamanismus hin»
Sektenspezialist Georg Schmid von der Fachstelle Relinfo meint zum Apfel und zum Salat: «Vermutlich handelt es sich um die Hinterlassenschaften eines Rituals aus dem Umfeld des Schamanismus, dort werden Federn, Kerzen und pflanzliche Lebensmittel sehr gerne eingesetzt.»
Schamanistische Rituale sollen oft der Verehrung einer Gottheit dienen, so Schmid. «Die Gottheit soll mit der rituellen Handlung und der Opfergabe motiviert werden, der opfernden Person bei einem bestimmten Problem beizustehen, zum Beispiel bei einem Leiden oder Schwierigkeiten im Arbeitsbereich.» Hinweise auf okkulte Bezüge wie Satanismus sieht Schmid keine. «Abgeschlagene Hühnerköpfe deuten dagegen auf Rituale in westafrikanischer Tradition hin.»
Wie viel Platz sollte Esoterik im öffentlichen Raum haben?
Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.
Daniela Bertuzzi (dbe) arbeitet seit 2026 bei 20 Minuten im Ressort Regionen-Netzwerk
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