Ceuta: Minderjährige auf sich allein gestellt
Ceutas Gewerbegebiet El Tarajal um 8 Uhr morgens: Statt ersten Lagerarbeitern und Lastwagenfahrern sieht man hier vor allem schmutzige Decken und selbst gebaute Zelte. Und in den meisten dieser provisorischen Behausungen schlafen Kinder und Jugendliche. Schätzungen gehen von 3000 bis 5000 minderjährigen Migranten aus, die sich noch in der Stadt aufhalten. Viele von ihnen leben seit mehr als zwei Wochen auf der Straße, weil sie keine Unterkunft in den überfüllten Auffanglagern der spanischen Exklave finden.
Keine Hilfe für kranke Kinder
Amina (Name von der Red. geändert) ist 14 Jahre alt. Die junge Marokkanerin und ihr Bruder waren unter den rund 80.000 Migranten, die Ende Juli illegal über die spanische Grenze kamen. Zwar haben die meisten inzwischen die Stadt wieder verlassen. Doch rund 9000 sind nach Angaben der Lokalregierung geblieben - unter ihnen viele Kinder und Jugendliche wie Amina. "Das Schlimmste ist, dass wir noch nicht einmal Toiletten haben", erzählt das Mädchen. "Wir müssen irgendwo in die Büsche gehen, ich traue mich aber nicht allein."
Direkt neben Amina hat Malika mehrere Decken für sich und ihre vier Kinder ausgebreitet. Die Marokkanerin erzählt, sie verdiene als Reinigungskraft in Marokko umgerechnet sieben Euro am Tag. "Das ist einfach nicht genug, um alle versorgen zu können. Bald geht die Schule wieder los und ich habe kein Geld für Bücher, noch nicht einmal ordentliche Kleidung für die Kinder." Darum entschloss sich die Mutter kurzfristig, an der Massenüberquerung der spanischen Grenze teilzunehmen, als sie in Sozialen Medien davon las. Doch nun weiß auch Malika nicht weiter. "Ein Kind ist krank geworden. Es hatte hohes Fieber, aber ich habe nirgends Hilfe bekommen." Schließlich versuchte es die Mutter mit Wasser und Essigwickeln.

Vergewaltigungen von Minderjährigen nehmen zu
Große Sorgen mache sie sich momentan aber besonders um ihre zwölf- und vierzehnjährigen Töchter, erzählt Malika. In der letzten Woche hat in Ceuta die Zahl sexueller Übergriffe massiv zugenommen. Die Polizei ermittelt inzwischen in mindestens 15 Fällen mutmaßlicher Vergewaltigung. Lokale Behörden gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist.
Notärztin Susana Ascaso hat in den vergangenen Tagen mehrere Vergewaltigungsopfer behandelt. "Erst gestern kam wieder ein zwölfjähriges Mädchen in die Notaufnahme. Sie erzählte, dass andere Migranten sie bedrängt und unangenehm berührt hätten. Sie kam völlig verängstigt und weinend hier an. Sie war in Begleitung einer Frau, die sie auf der Straße gefunden hat. Diese Frau hat das Mädchen gerettet."

Für sie seien die Zustände schwer erträglich, erzählt die Krankenhausärztin. "Besonders Mädchen unter 18 sind momentan besonders gefährdet. Hinzu kommt, dass es hier aktuell ein zahlenmäßig großes Ungleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Migranten gibt, das hilft natürlich nicht."
Keine Einigkeit in Spaniens Politik
In exklusiven Interviews mit der DW schlagen mehrere hochrangige Mitglieder von Ceutas Regionalregierung Alarm. Ceutas Regionalministerin für Gesundheit und Soziales, Nabila Benzina, spricht vom "schlimmsten Moment in der Geschichte Ceutas" und fordert mehr Unterstützung von der Zentralregierung in Madrid. "Wir brauchen mehr Polizeikräfte - vor allem für die jungen Frauen, aber auch zum allgemeinen Schutz der Bevölkerung."
Ihr Chef, Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas, spricht im DW-Interview von einer "Hochrisikosituation", in der öffentliche Dienstleistungen nur noch schwer aufrechtzuerhalten seien. "Was die Minderjährigen betrifft, liegen wir aktuell 5000 Prozent über unseren Kapazitäten. Das heißt: Niemand kann sich mehr angemessen um sie kümmern."

Spaniens Zentralregierung in Madrid hat inzwischen angekündigt, die Minderjährigen gemäß der Gesetzeslage auf ganz Spanien verteilen zu wollen. Allerdings gibt es bis heute keinen konkreten Zeitplan, und Regierungsvertreter warnen bereits, dass der Verteilungsmechanismus einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Mehrere Regionen Spaniens, in denen die rechtsextreme Partei VOX an der Regierung beteiligt ist, weigern sich bereits, Migranten aufzunehmen.
Rückkehr als Option?
Ceutas Regierungschef spricht sich im DW-Interview für eine andere Option aus: "Die Minderjährigen müssen mit ihren Familien wiedervereint werden, andernfalls sollten marokkanische Sozialdienste die Vormundschaft für sie übernehmen." In der aktuellen Krise sehe er dies als einzige Lösung und fordert von Madrid, "entsprechende rechtliche Verfahren" einzuleiten.
Im Familienauftrag: Omar will nach Spanien
Doch viele Minderjährige sagen, dass sie trotz der schlimmen Zustände in Ceuta nicht zurückkehren wollen. Insbesondere Migranten aus anderen afrikanischen Ländern beginnen bereits damit, am Badestrand von Trampolín provisorische Hütten zu errichten. Der siebzehnjährige Ibrahim aus dem Sudan sagt, er werde nicht aufgeben, bevor er "seinen Eltern zuhause nicht ein besseres Leben ermöglichen kann". Und auch die vierzehnjährige Amina will nicht über eine Rückkehr nach Marokko nachdenken. "Die Schulen bei uns sind sehr schlecht. Ich will eine andere Zukunft für mich. Ich möchte einmal Architektin werden."
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