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Friday, October 16, 2026

Deutschland und der Kolonialismus: Wo bleibt die Aufarbeitung?

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Er sitzt in der ersten Reihe der Gästetribüne im Bundestag, in Anzug und Hut, angereist aus Namibia: Gaob D. Timotheus Frederick. Seine Familie wartet seit fast 120 Jahren auf die Rückgabe der menschlichen Überreste ihres Vorfahren: Cornelius Frederick hatte für die Nama Widerstand geleistet gegen die deutsche Kolonialmacht. Er starb im ersten deutschen Konzentrationslager der Geschichte auf Shark Island.

Sein Urenkel ist Mitglied der Nama Traditional Leaders Association (NTLA). Er fordert eine "bedingungslose Entschuldigung" von Deutschland. Neben ihm, in Uniform und weißen Handschuhen, mit einem geschnitzen Löwen als Griff seines Gehstocks, das Oberhaupt der Ovaherero Traditional Authority: Paramount Chief Mutjinde Katjiua. Er sagt vor der Debatte: "Wir fordern den Bundestag auf, die Völkermorde an den Ovaherero und den Nama voll anzuerkennen."

Blick auf die treppenartig angelegte Besuchertribüne des deutschen Bundestags in Berlin: Nachfahren von Ovaherero und Nama, die Männer in Anzügen oder Uniformen, die Frauen im Kostüm oder Kleid mit roten Hüten verfolgen die Debatte unter ihnen im Bundestag.
Von der Besuchertribüne des Bundestags verfolgen Nachfahren der Ovaherero und Nama aus Namibia die Debatte über die Aufarbeitung des deutschen KolonialismusBild: Tina Gerhäusser/DW

Wie kann es sein, dass das deutsche Parlament das nicht längst getan hat? Dass noch keine offizielle Entschuldigung von einer deutschen Regierung ausgesprochen wurde? Es gibt nur den Entwurf einer "Gemeinsamen Erklärung" mit Namibia, in der die Bundesregierung einen "Völkermord aus heutiger Sicht" anerkennt. Ein deutsch-namibisches Versöhnungsabkommen ist noch nicht unterzeichnet.

Die Fakten sind erdrückend: Das Deutsche Reich (1871-1945) führte einen Vernichtungskrieg gegen Ovaherero (von Dritten auch Herero genannt), Nama, Damara und San (1904-1908). Mindestens 100.000 Menschen wurden getötet, ebenso viele vertrieben, es gab Zwangsarbeit und Zwangsprostitution. Landnahme und Enteignung haben bis heute Folgen für die Nachfahren.

Für Historiker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg fehlen Parlament und Regierung die Bereitschaft, sich ernsthaft der eigenen Vergangenheit zu stellen. "Es gibt Bundestagsresolutionen über den Genozid an den Armeniern, eine über den Holodomor, eine über den Genozid an Jesidinnen und Jesiden. Aber es gibt keine Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama durch den Deutschen Bundestag." Wenn man wolle, gehe das sehr schnell, sagt Zimmerer der DW.

Wiederaufbauhilfe statt Reparationen - das Wunschmodell der Bundesregierung

Die Linkspartei hat die Debatte ausgelöst. Ihren Antrag mit der Forderung nach "vollumfänglicher Anerkennung" und Entschädigung hat sie gemeinsam mit Vertretern der Nachfahren erarbeitet. Das Ziel: "wiedergutmachende Gerechtigkeit". Paramount Chief Katjiua lehnt die bisherige Vereinbarung zwischen der namibischen und der deutschen Regierung ab. "Entwicklungshilfe kann keine Reparationen ersetzen", sagt er. Die Grünen haben einen eigenen Antrag eingebracht. Sie fordern auch, dass die "Opfergruppen besser einbezogen werden müssen".

Seit 2021 verhandeln Windhoek und Berlin über eine "Gemeinsame Erklärung", die Namibia 1,1 Milliarden Euro Wiederaufbauhilfe zusichert über 30 Jahre. Wenn das Abkommen unterzeichnet ist, soll die offizielle Entschuldigung durch das deutsche Staatsoberhaupt folgen. "Rechtliche Ansprüche auf eine Entschädigung lassen sich durch die Anerkennung des Völkermords nicht herleiten", heißt es aus dem Auswärtigen Amt. "Mit den Verhandlungen, die weltweit einzigartig sind, haben Namibia und Deutschland Neuland betreten und sind Vorreiter bei der Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit."

Der Politikwissenschaftler Andreas Mehler, Direktor des Anton-Bergstraesser-Instituts für kulturwissenschaftliche Forschung, sieht das anders. Der Plan der Bundesregierung klinge nach "Checkbook-diplomacy", Diplomatie mit dem Scheckbuch.

Dahinter stecke eine finanzielle Abwägung, sagt Historiker Zimmerer. "Mir wurde schon vor vielen Jahren gesagt: Wenn wir eine Pflicht anerkennen würden, für getötete Menschen Wiedergutmachung zu leisten nach den Millionen Opfern des Zweiten Weltkriegs - den Opfern der Deutschen - das würde uns ruinieren."

Das Versprechen im Koalitionsvertag der deutschen Regierung

 "Die Bundesregierung hat dieses Thema der kolonialen Aufarbeitung viel zu wenig auf der Prioritätenliste", kritisiert die grüne Bundestagsabgeordnete Jamila Schäfer im DW-Gespräch. Bundeskanzler Merz lege viel zu wenig Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Ländern des Globalen Südens und auf die Frage, "wie wir auf der Basis von gemeinsamer Geschichte, wo es eben auch Verbrechen gab auf deutscher Seite, einen Versöhnungsprozess anstoßen können und glaubwürdige Beziehungen mit Ländern des globalen Südens, um eben auch globale Krisen partnerschaftlich zu lösen." 

Es sind vier Zeilen auf insgesamt 144 Seiten Koalitionsvertrag, die den Anspruch der Bundesregierung zusammenfassen, einer Koalition aus der konservativen Union von CDU/CSU und den Sozialdemokraten (SPD): "Die Aufarbeitung des Kolonialismus werden wir intensivieren. Dazu gehört eine länderübergreifende Erforschung von Objekten und die Rückgabe von Kulturgütern im Dialog mit den Herkunftsländern. Besonderes Augenmerk liegt auf einem würdigen Erinnerungsort und der Rückgabe menschlicher Überreste (Human Remains)."

Politikwissenschaftler Alexander Stroh-Steckelberg von der Uni Bayreuth sieht im Vergleich zum Stellenwert der kolonialen Aufarbeitung unter der Vorgängerregierung, "dass das Thema an Sichtbarkeit verloren hat".

Bitte um Verzeihung – Bundespräsident in Tansania

Jürgen Zimmerer fällt ein härteres Urteil: "Ich würde es nicht mal mehr nur Stillstand nennen. Ich glaube, diese Bundesregierung ist eine Regierung des Rollbacks des Erreichten im Hinblick auf das Bewusstsein kolonialen Unrechts."

Rückgabe von Kulturgütern und menschlichen Überresten

Allein in der Restitution ist noch viel zu tun, mehrere zehntausend menschliche Überreste sollen noch in Deutschland sein. Direkte Nachfahren der Opfer - wie auch Gaob D. Timotheus Frederick - kämpfen seit Generationen für die Heilung tiefer Wunden. 

Im März hat die Bundesregierung einen Koordinierungsrat gegründet, federführend ist das Auswärtige Amt. Von dort heißt es, man wolle den Herkunftsstaaten und -gesellschaften "nicht vorgeben, welche Kulturgüter und menschliche Überreste sie zurückfordern sollen, welche Prioritäten sie setzen oder wie Rückgaben gestaltet werden". 

In Ländern wie Tansania - so der Hinweis von Andreas Mehler - könne das allerdings bedeuten, dass es für Nachfahren der Opfer von Kolonialverbrechen schwierig wird.

Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, leitet den Koordinierungsrat. Sie verweist auf ihre Reisen: Im Mai war sie in Togo, kommende Woche will sie nach Ruanda und Burundi reisen. Sie erklärt auf Nachfrage der DW: "Überall spüre ich Anerkennung für unseren aufrichtigen und vertrauensvollen Umgang mit der Vergangenheit - ebenso wie für unseren anpackenden Einsatz für eine Zukunft in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand."

Die deutsche Kolonialgeschichte

Ein würdiger Gedenkort?

Deutschland habe sich einen "Ruf erarbeitet hat als ein Land, das kritisch zur eigenen Geschichte steht und aus Fehlern lernt", bestätigt Historiker Jürgen Zimmerer. Für ihn ist das "ein enormes kulturelles Kapital" in der Welt. Allerdings hat er Sorge, dass es gerade verspielt wird.

Im Gedenkstättenkonzept des Bundes ist der Kolonialismus nicht aufgenommen. Selbst im jüngsten Vorschlag des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, Bremen zu einem würdigen Gedenkort zu machen, vermutet der Historiker eine "Marginalisierung der deutschen Kolonialverbrechen". So seien Opfergruppen nicht einbezogen worden und die Kolonialmetropolen des Deutschen Reichs - Berlin und Hamburg, müssten auch Erinnerungsorte werden.

Blick in einen Park mit Bäumen in Bremen, in denen die Skulptur eines Elefanten aus Ziegelsteinen steht. Es ist heute ein Denkmal gegen die deutsche Kolonialgeschichte.
Erbaut 1932, sollte der Elefant in Bremen ursprünglich an deutsche Soldaten erinnern, die in den deutschen Kolonien gestorben sind. Inzwischen gilt die Skulptur im Nelson-Mandela-Park als Anti-Kolonial-DenkmalBild: Melissa Erichsen/dpa/picture alliance

Von Hamburg starteten 95 Prozent der kolonialen Truppen im Baakenhafen, darunter auch der Kommandeur Lothar von Trotha, der die Vernichtungsbefehle gegen die Ovaherero und Nama erteilte. Dass im Baakenhafen kein Gedenkort, sondern ein neuer Opernbau entstehe, so Zimmerer, sei atemberaubendes "Artwashing der Geschichte". Andreas Mehler hofft, dass doch noch eine produktive Debatte über Gedenkorte zustande kommt und sich insgesamt "viel mehr Orte mit der Kolonialgeschichte auseinandersetzen".

Am Ende ist es eine kleine Geste auf der Gästetribüne des Bundestags, die hoffen lässt. Paramount Chief Katjiua streckt den Stock mit dem Löwenkopf in die Höhe - kämpferisch. Gaob D. Timotheus Frederick wünscht sich eine gemeinsame Aufarbeitung: "Lasst die betroffenen Communities, die wir vertreten, mit an den Tisch und von jetzt an für den Rest des Weges mitreden."

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