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Saturday, September 26, 2026

Nach der Berlin-Wahl: Warum wollten die Grünen in Berlin nicht gewinnen?

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Peter Unfried

Die Grünen taten alles, um die Wahl nicht zu gewinnen. Sie schmiegten sich an die Linkspartei ran. Dabei kann die die neuen Radikalitätsgefühle besser bedienen.

D ie CDU schoss sich vor der Wahl ins Knie, die SPD hat sich schon längst in beide Knie geschossen, die AfD ist vergleichsweise schwach. Die Chance war groß wie nie für die Grünen, Berlin zu regieren, das urbane, kulturelle und politische Zentrum des Landes. Berlin steht in der Welt für Deutschland, da kann es nicht nur um ein paar Kreuzberger Schluffis und ihre Befindlichkeiten gehen. Aber wenn sich nun die „Polarisierungsunternehmer“ (Steffen Mau) auf den Wahlsieger Linkspartei stürzen können, so ist das auch eine Folge der krachenden Niederlage der Grünen.

Die Grünen taten alles, um diese Wahl nicht zu gewinnen. Sie ignorierten die Lücke und schmiegten sich an die Linkspartei an. Sie schleppen hartnäckig Folklore aus der Gründerzeit mit sich rum, angefangen beim „Spitzenduo“, quotiert nach Mann/Frau und Linker/Reala. Das Spitzenduo („Werner & Bettina“) und auch der möglichst anonym bleibende Spitzenkandidat ist traditionell ein interner Kompromiss und wird auf keinen Fall danach ausgewählt, ob man damit gewinnen kann. Die Berliner Grünen beharren darauf, dass der Köder dem Angler schmecken muss und nicht dem Fisch, sagt ein grüner Insider.

Diese Ströbele-Traditionsgrünen waren in der Vergangenheit bei Wahlen relativ erfolgreich. Verkürzt: weil es genügend Linke gab, die mit ihnen weiter den alten 68er-Traum von einer gerechteren und friedlichen Welt träumen konnten, während das richtige Leben gemütlich seinen Gang ging. Jetzt ist Folgendes passiert: Die Bundespartei musste in der Ampelregierung endgültig mit der widersprüchlichen unangenehmen Realität umgehen.

Das behält sie auch weiter bei, etwa in Fragen der Geopolitik, des Haushalts, der Sicherheit und der Verteidigung. Alles nicht sexy. Die besorgten Jungen und die illusionstreuen Alten wechseln zur Linkspartei, weil ihre Bedürfnisse da mit identitätsstiftenden Positionen bedient werden. Die politischen Emotionen liegen bei vielen Jungen nicht mehr in der fehlenden Klimapolitik, sondern bei Palästina und Enteignungssehnsucht.

Ohne Führungsanspruch

Diese neuen Radikalitätsgefühle können die Grünen nicht mehr bedienen. Gleichzeitig hat der Mix aus fehlender Konjunktur, fehlender Emotion und diffuser Perspektive dazu geführt, dass auch manche sozialökologische Pragmatiker der Generation Habeck nicht mehr sehen, was es bringen soll, die Grünen zu wählen. Außer halt, um trotz Enttäuschung über Union und SPD eine liberaldemokratische Mehrheit zu sichern.

So sind die Grünen derzeit im Wesentlichen eine Funktionspartei, die mit allen Liberaldemokraten und auch der Linkspartei koalieren können muss, aber ohne Führungsanspruch.

Jetzt könnte der Altlinke sagen: Ha, das haben die Grünen davon, dass sie ins Zentrum der Gesellschaft gerückt sind. – Nein, das war eine Notwendigkeit, die sich aus dem Zeitenbruch und dem Aufstieg der AfD ergibt. Nur so kann man eine Mehrheit anführen. Nun bin ich gerade von einem wohlmeinenden Kollegen gewarnt worden, ich solle nicht „immer“ auf Baden-Württemberg und seinen Ministerpräsidenten Cem Özdemir hinweisen.

Offenbar gibt es auch taz-Leser, die da grundsätzliche Vorbehalte haben. Gleichzeitig ist nicht zu leugnen, dass er gegen die Stimmung der Zeit einen grandiosen Wahlsieg errungen hat und nun mit dem Juniorpartner CDU die Breite der liberalen Gesellschaft abdeckt.

Wie hat er das gemacht? Nun, er wollte wirklich gewinnen, und er fand eine plausible Geschichte, die in etwa lautet: CDU und Grüne halten unter meiner Führung die Gesellschaft zusammen. Das machte seine Wahl auch für Leute möglich, die sonst nicht die Grünen wählen.

Und dann ist er natürlich auch Cem Özdemir. Und nicht Bettina & Werner.

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Peter Unfried Chefreporter der taz

Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried

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