Polen: Historische Zeugnisse von NS-Verbrechen übergeben
Polens Kulturministerin Marta Cienkowska sparte nicht mit großen Worten. "Das ist ein Ereignis von historischer Tragweite", sagte sie am Freitag (23.10.2026) in Warschau, kurz vor der feierlichen Übergabe von 289 Dokumenten - Zeugnissen der persönlichen Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus.
Ein Auktionshaus im nordrhein-westfälischen Neuss hatte im November 2025 geplant, diese und weitere historische Gegenstände zu versteigern. Insgesamt standen mehr als 600 historische Dokumente und Objekte zum Verkauf. Darunter befanden sich etwa Briefe von Häftlingen in den deutschen Konzentrationslagern, persönliche Erinnerungsstücke von Holocaust-Opfern und Gestapo-Karteikarten, aber auch ein "Judenstern mit Gebrauchsspuren".
Der Vorfall hatte in Polen und Deutschland große Empörung hervorgerufen. Das Internationale Auschwitz-Komitee forderte das Auktionshaus auf, die Versteigerung abzusagen. Das Fritz Bauer Institut warnte: "Mit solchen Unterlagen dürfen keine Geschäfte gemacht werden." Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski forderte die Übergabe der Gegenstände an die Gedenkstätte Auschwitz und mahnte auf X: "Die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ist keine Ware." Der deutsche Außenminister Johann Wadephul pflichtete seinem Amtskollegen bei und sprach von einem "ungeheuerlichen Vorgang".
Das Auktionshaus sagte die Versteigerung schließlich ab. "Hunderte historische Zeugnisse sollten in die Hände derer gelangen, die den höchsten Preis bieten", sagte Polens Kulturministerin Cienkowska am Freitag in Warschau. "Heute übergeben wir sie an Museen, Archive und Gedenkstätte. Dort werden sie geschützt, untersucht und den kommenden Generationen zur Verfügung gestellt", erklärte die Ministerin.
"Erinnerung wird zu Ware"
Sichtlich gerührt erinnerte Cienkowska an die Postkarte, die Jan Perkowski am 20.01.1940 aus dem Warschauer Gefängnis Pawiak an seine Mutter Maria schickte. Perkowski bedankte sich für Briefe, Tannenbaum und Oblaten, die er von den Eltern bekommen hatte. Er schrieb, dass er gesund sei und es ihm gut gehe und fragte, wie die Familie die schreckliche Kälte ertrage. "Es sind einige einfache Sätze. Gewöhnliche Sorge des Sohnes um seine Nächsten, festgehalten in einer Wirklichkeit, in der nichts gewöhnlich ist", sagte die Kulturministerin.

Für die Unterstützung bei den Bemühungen um die Rettung der Sammlung bedankte sich Cienkowska beim Europaminister von Nordrhein-Westfalen, Nathanael Liminski. Er saß bei der Feierlichkeit im Warschauer Kulturministerium als Ehrengast in der ersten Reihe. Der CDU-Politiker aus Nordrhein-Westfalen hatte sich als erster eingeschaltet, als die Versteigerung der persönlichen Dokumente und Gegenstände aus der NS-Zeit im November 2025 bekannt geworden war.
"Wenn Erinnerung zur Ware wird, gerät die Würde ins Wanken", sagte Limanski. "Es ist schwer zu ertragen, wenn Tagebücher von Verfolgten, Briefe aus Konzentrationslagern oder sogenannte 'Judensterne' als Devotionalien gehandelt werden", begründete er sein Engagement.
"Wir dürfen nicht zulassen, dass die Opfer der Nationalsozialisten durch die kommerzielle Verwertung ihres Nachlasses erneut zu Nummern werden, dieses Mal in den Katalogen von Auktionshäusern und in Listen von Kunsthändlern", betonte der Europaminister. "Hier geht es um historische Verantwortung, um Glaubwürdigkeit und um den respektvollen Umgang mit unseren europäischen Partnern, insbesondere mit Polen, dem Tatort der meisten dieser von Deutschen begangenen Verbrechen."
Verbot des kommerziellen Handels mit NS-Dokumenten?
Als Reaktion auf die Auktion brachte NRW einen Gesetzentwurf in den Bundesrat ein, der den kommerziellen Handel mit Gegenständen verbietet, die einen unmittelbaren Bezug zu Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ihrem Schicksal haben. Der Bundesrat beschloss den Gesetzentwurf im Juni einstimmig. Die konkrete rechtliche Ausgestaltung des Verbots wird aktuell noch vom Bundestag geprüft. Bei der Veranstaltung in Warschau sagte Liminski, er sei zuversichtlich, dass das Gesetz "zeitnah im deutschen Bundestag verabschiedet werden wird".

Laut Liminski sollte als nächster Schritt ein europaweites Verbot des Handels mit NS-Dokumenten erwogen werden. Polens Kulturministerin Cienkowska hält einen gemeinsamen polnisch-deutschen Vorstoß in dieser Frage für "gut möglich". "Diese Idee ist ganz frisch. Die Gespräche haben noch nicht begonnen. Beim EU-Treffen im November plane ich ein Treffen mit Kultur-Staatsminister Wolfram Weimer - wir werden sehen. Ich bin zuversichtlich", sagte die Ministerin gegenüber der Deutschen Welle.
Übergabe an 18 Institutionen
Die von der Versteigerung verschonten NS-Dokumente wurden im Januar von der Stiftung Auschwitz-Birkenau gekauft. Ein Teil wurde bereits im Sommer an die deutschen Gedenkstätten übergeben. Jetzt waren die polnischen und die europäischen Museen und Archive dran. 289 Dokumente und Gegenstände wurden an 18 Institutionen in Polen, Tschechien, Litauen, Dänemark, den Niederlanden und Ungarn übergeben.

Der Generaldirektor der Auschwitz-Birkenau-Stiftung, Wojciech Soczewica, hob die Spendenbereitschaft der deutschen Gesellschaft hervor, die den Kauf der Dokumente unterstützt habe. "Mehrere hundert Menschen haben uns finanziell unterstützt, mit Beiträgen zwischen 15 und 10.000 Euro. Am Ende haben wir 140.000 Euro gesammelt", sagte der Stiftungschef. "Die Spenden fließen weiter. Wir setzen unsere Suche nach NS-Dokumenten fort", kündigte er an. "Die Suche ist noch nicht beendet."
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