Friedenspreisträger Sands: "Schweigen ist keine Option"
Der französisch-britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - sehen Sie ihn hier im Interview.
09.10.2026 | 11:38 minEigentlich ist Philippe Sands Jurist. Er ist Professor für internationales Recht am University College in London und als Anwalt unter anderem am Internationalen Gerichtshof in Den Haag tätig. Dem breiten Publikum ist er vor allem als Autor bekannt. In seinen Büchern macht er abstrakte Begriffe wie Völkerrecht und Menschenrechte greifbar.
Die Idee dazu kam ihm 2003, rund um den Irak-Krieg unter Führung der USA, erzählt er im ZDF-Interview: "In London gab es eine große Demonstration. Ich ging mit meiner Frau und den Kindern hin und wir bemerkten, dass Menschen Plakate trugen, auf denen kleine Auszüge aus dem Völkerrecht standen. Ich dachte: Das ist wirklich interessant, ganz normale Menschen interessieren sich für internationale Regeln. Das brachte mich dazu, zum ersten Mal ein Buch zu schreiben, das weder wissenschaftlich noch juristisch war: Lawless World!"
Autor bekommt Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Seitdem hat der britisch-französische Jurist das Genre des "literarischen Sachbuchs" geradezu perfektioniert und erhält für seine Arbeit nun in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Es war eine herbe Schlappe: Deutschland hat den nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat nicht bekommen. Lag es auch am Umgang mit dem Völkerrecht?
07.06.2026 | 3:58 minSein wohl persönlichstes Buch "Rückkehr nach Lemberg" wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Darin verknüpft er die Geschichte seines jüdischen Großvaters aus Lemberg, heute Lwiw, mit den Lebensgeschichten zweier bedeutender Juristen: Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Noch während des Zweiten Weltkriegs entwickelten sie die Begriffe "Völkermord" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Ihre Konzepte prägten die Nürnberger Prozesse und wurden zu Grundpfeilern des modernen Völkerrechts.
Philippe Sands als mahnende Stimme
In Zeiten, in denen das Völkerrecht massiv unter Beschuss steht - in der Ukraine, in Iran und in Gaza - ist Philippe Sands eine beharrlich mahnende Stimme. "Was am 7. Oktober in Israel geschehen ist, war ein furchtbares, schockierendes Verbrechen", sagt Sands. Der Staat Israel habe das Recht, sich gegen solche abscheulichen Angriffe zu verteidigen. Aber das Recht auf Verteidigung habe Grenzen.
Und wenn Israel dabei die Grenze zur Illegalität und Kriminalität überschreitet, muss das benannt werden. Schweigen ist keine Option.
Philippe Sands, Autor
Die Vielzahl an Kriegen stellt die Ordnung des Völkerrechts immer wieder in Frage. Das Gewaltverbot wird zunehmend missachtet.
14.02.2026 | 2:05 minUnd das gelte auch für Deutschland, sagt er: "Es beunruhigt mich, wie Deutschland bisher zugeschaut hat - angesichts der aktuellen Entwicklungen zwischen Israel und Palästina."
Schwerwiegende Schädigung der Natur "muss als Verbrechen gelten"
Als Jurist sieht er sich aber nicht nur als Mahner für das Völkerrecht. Er kämpft auch dafür, den Schutz der Natur im internationalen Strafrecht zu verankern: "Es muss als Verbrechen gelten: Schwerwiegende Schädigung der Natur muss unter Strafe gestellt werden - mit dem Tatbestand Ökozid."
In seinem jüngsten Werk "Die Verschwundenen von Londres 38" erzählt er vom Verfahren gegen den früheren chilenischen Diktator Augusto Pinochet und den Verbindungen des SS-Offiziers Walther Rauff zum Pinochet-Regime. Sands war an dem historischen Prozess beteiligt und thematisiert die Frage nach der Verantwortung Einzelner in der Geschichte:
Jeder von uns trägt Verantwortung. Und wenn man vor einem Scheideweg steht, muss man die richtige Entscheidung treffen, sonst verlieren wir alle.
Philippe Sands, Autor
Der deutsche Buchpreis wurde in diesem Jahr an Shida Bazyar vergeben. In ihrem Roman "Die Lücken" geht es um jüdisches Leben im Hunsrück.
05.10.2026 | 2:49 minSands will Mut für die Zukunft machen
Auch wenn die Gegenwart für viele derzeit deprimierend erscheint: Seine Bücher machen Mut. Und auch Philippe Sands selbst findet Motivation bei den Menschen, über die er schreibt: "Manche Leute sagen: Das Völkerrecht ist am Ende. Es ist vorbei. Wozu sich noch damit beschäftigen? Ich widerspreche dem vollkommen." Völkerrecht sei ein Langzeitprojekt, es verlaufe in Wellen.
Menschen wie Lauterpacht und Lemkin, die hätten sich nach dem Holocaust in eine Ecke verkriechen und sagen können: Alles sinnlos. Aber das taten sie nicht. Stattdessen sagten sie: Wir haben Ideen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Philippe Sands, Autor
Das Interview mit Philippe Sands führte Luise Vörkel.
Über dieses Thema berichtete "aspekte" am 09.10.2026 ab 21:00 Uhr.
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