«Sie sind auch ein Menschenfreund, Sir»

Washingtons Anbiederung bei Putin
«Sie sind auch ein Menschenfreund, Sir»
Erst Schmeichelei, dann Raketen, dann Friedenssignal: In St. Petersburg nennt Trumps Gesandter Putin einen «Menschenfreund». Wenige Stunden später schlagen in Kiew 21 russische Raketen ein. Am Tag darauf spricht der Kreml-Chef von einem möglichen Ukraine-Abkommen.
Publiziert: 00:49 Uhr
Daniel KestenholzRedaktor Nachtdienst
Washington rückt näher an Moskau, und die Ukraine zahlt den Preis. Die USA kaufen russischen Diesel und der Ukraine wurde der Zugang zu Starshield beschränkt, der Militärversion von Starlink. Jetzt nannte Washingtons Sondergesandter Steve Witkoff (69) den Kreml-Herrscher einen «Menschenfreund».
«Sie sind auch ein Menschenfreund, Sir», schmeichelte Trumps Unterhändler. «Und dafür zolle ich Ihnen Respekt.» Kaum war das Lob ausgesprochen, sprach Wladimir Putin (74) von einer möglichen Einigung mit der Ukraine.
Witkoffs warme Worte waren am Mittwoch zum Auftakt der Gespräche in St. Petersburg gefallen, wie die «New York Times» berichtet. Pikant: Der Internationale Strafgerichtshof sucht Putin wegen Kriegsverbrechen mit Haftbefehl.
Putin-Signal
Anlass für das Lob war die Freilassung von Stephen Hubbard (74). Russische Soldaten hatten den US-Lehrer im April 2022 im ostukrainischen Isjum festgenommen. Ein russisches Gericht verurteilte ihn als angeblichen Söldner zu fast sieben Jahren Straflager. US-Präsident Donald Trump (80) hatte Putin persönlich um die Freilassung gebeten.
Witkoff brachte auch Papiere mit Ideen für ein Friedensabkommen mit. Die beiden sprachen rund drei Stunden miteinander.
Am Donnerstag folgte Putins Signal. Russland und die Ukraine stünden sich nahe genug, um eine Einigung zu erzielen, wie die Agentur Tass meldet. «Ich denke, wir können eine Einigung erzielen.» Russen und Ukrainer seien eigentlich ein Volk. Mit dieser Formel stellt der Kreml-Chef seit Jahren die Eigenständigkeit der Ukraine infrage. Konkrete Zugeständnisse nannte er nicht.
Trump-Kehrtwenden
Trump hat sich in den vergangenen zwei Wochen wiederholt auf Moskaus Seite gestellt. Er will neue Sanktionen gegen Russland aussetzen und fordert die Ablösung des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (48).
Kiew wirft Washington im Gegenzug vor, Geheimdienstinformationen zeitweise zurückgehalten und Lieferungen von Patriot-Abfangraketen gestoppt zu haben. Diese sind die einzige Abwehr der Ukraine gegen russische ballistische Raketen.
Selenski-Kompromiss
Selenski reagierte mit Spott auf Washingtons neuerliches Anbiedern. Nur Stunden nach dem Treffen in St. Petersburg hätten russische «Humanisten» drei Wellen ballistischer Raketen auf Kiew abgefeuert, schrieb er auf X.
Putins Gesprächsbereitschaft beurteilt Selenski skeptisch: Moskau habe schon oft Treffen zugesagt und dann wieder abgesagt.
Noch am Vortag hatte sich Selenski kompromissbereit gezeigt. Für eine Waffenruhe wäre er bereit, die gegenwärtigen Frontlinien einzufrieren. Die Ukraine würde damit rund ein Fünftel ihrer Fläche verlieren.
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