Frankreichs Linke: Mélenchon will „alles verändern“

Der Linkspolitiker will der Kandidat der sozialen Gerechtigkeit sein und den Macronismus beenden. 2027 hat er erstmals die Chance auf die Stichwahl.
Foto: Tom Nicholson/reuters
Sein Programm hat gut 200 Seiten. Doch Jean-Luc Mélenchon fasst es kurz zusammen: „Man muss alles verändern“, lautete die radikale Botschaft, die der 75-Jährige seinen jubelnden Anhängern am Samstagnachmittag verkündete. Fast anderthalb Stunden hatten ein Dutzend Politikerinnen und Politiker der Linkspartei La France insoumise (LFI) die Stimmung in der Messehalle von Le Bourget bei Paris aufgeheizt. „Mélenchon président“, rief die Menge, als der LFI-Präsidentschaftskandidat auftrat.
Der ehemalige Sozialist war sichtlich zufrieden über den Empfang. „So etwas habt ihr schon lange nicht mehr erlebt“, kommentierte er vor Journalist:innen. Vor allem junge Leute waren gekommen. Umfragen zufolge wollen ihm mehr als 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen ihre Stimme geben.
Gleich zu Beginn seiner gut einstündigen Rede legte Mélenchon eine Schweigeminute für Pengo Bossio Wangi ein. Der 26-Jährige war Ende Oktober aus rassistischen Motiven von einem Mann erschossen worden, bei dem die Polizei Propaganda des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) und eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ fand. „Wir werden den Rassismus sehr streng bekämpfen“, kündigte Mélenchon an und erntete frenetischen Applaus der knapp 20.000 Zuhörer:innen. Von denen waren viele aus den umliegenden Banlieues gekommen.
Frankreich durchlebe die Agonie der Präsidentschaft von Emmanuel Macron, die mit einer enthemmten Polizeigewalt verbunden sei, analysierte er. „Zehn Jahre Macronismus haben unser Land beschädigt.“ Er selbst will Schluss machen mit der Fünften Republik, die von Präsident Charles de Gaulle 1958 gegründet worden war. Seine Sechste Republik solle die der Souveränität des Volkes sein.
Immer wenn der Name Macron fällt, gibt es Buhrufe
Das Publikum quittierte den Namen Macron stets mit Buhrufen. Noch heftiger war die Reaktion, wenn Mélenchon den RN erwähnte. Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen und Parteichef Jordan Bardella hätten außer ihrem Rassismus keine Ideen für Frankreich. Auch die sozialen Rechte seiner Landsleute vertrete der RN nicht, kritisierte Mélenchon.
Er dagegen will der Kandidat der sozialen Gerechtigkeit sein. Im Fall seiner Wahl sollen die Preise eingefroren und ein Mindestlohn von 1.700 Euro netto eingeführt werden. Derzeit liegt der bei 1478 Euro. Das Programm führt allerdings nicht aus, wie LFI das finanzieren will. Die Zahlen sollen erst nächstes Jahr nachgereicht werden.
Ausführlich ging „Méluche“, wie er von seinen Anhänger:innen genannt wird, auf die Außenpolitik ein. Schon nach drei Minuten verkündete er seine Solidarität mit dem palästinensischen Volk. „Man muss einen Völkermord einen Völkermord nennen“, forderte er. Außerdem erneuerte er seine Ankündigung, im Fall seiner Wahl aus der Nato austreten zu wollen. „Wir haben weder in der Nato noch in den amerikanischen Kriegen etwas zu suchen.“
„Die palästinensische Sache ist extrem wichtig“, sagte Juliette, die wie viele andere ein Palästinensertuch um den Hals trug, nach Mélenchons Rede. Ihr gehe es aber nicht nur um Palästina, sondern um alle unterdrückten Völker – „vom Sudan bis zum Kongo“. Die 28-Jährige war mit ihrer Mutter Natalie gekommen, die bisher sozialistisch wählte. Doch seit ein paar Monaten sei sie wie ihre Tochter „Mélenchoniste“, berichtete die 62-Jährige.
Die Polizeigewalt gegen Demonstrierende, die seit Wochen gegen die hohen Lebenshaltungskosten protestieren, und die Verarmung der Menschen hätten sie überzeugt, so Natalie. Sie selbst sei Führungskraft und verdiene genug. Doch Geringverdiener:innen litten. „LFI ist die einzige Partei, die hier Maßnahmen vorschlägt.“
In einer Stichwahl gegen Le Pen wäre Mélenchon chancenlos
Mélenchon liegt in Umfragen für die Präsidentschaftswahl im Frühjahr bei 18 Prozent. Damit würde er sich bei seiner vierten Kandidatur erstmals für die Stichwahl qualifizieren. Dass ihm dort eine krachende Niederlage gegen Le Pen vorhergesagt wird, beeindruckt seine Anhänger:innen nicht. „Alles ist möglich“, sagte einer, als er die Messehalle in Le Bourget verließ.
Am vierten Wochenende in Folge haben zudem wieder Zehntausende Menschen protestiert. Die Beteiligung war aber schwächer als zuvor. Während die Veranstalter am Samstagabend laut afp von landesweit 250.000 Demonstrierenden „gegen das teure Leben und für die Jugend“ sprachen, gehen die Behörden von 146.000 aus. Zumeist waren die Proteste friedlich.
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