Psychische Gesundheit: Belastung erkennen und Hilfe annehmen
Psychologe Leon Windscheid ist zu Gast bei "Volle Kanne". Mit Moderator Florian Weiss spricht er über Themen, die viele Menschen bewegen, wie Ängste, Depressionen und darüber, wie man Krisen bewältigen kann.
16.10.2026 | 78:53 minLeon Windscheid: Das Gemeine bei psychischen Problemen ist, dass ganz viel von dem, was man als Symptom haben kann - bei Depressionen beispielsweise eine Niedergeschlagenheit oder bei Angststörungen eine Hoffnungslosigkeit - für alle erst mal zum Leben dazugehört. Jeder ist mal traurig und jeder hat mal Angst. Das bedeutet, man muss eigentlich versuchen zu verstehen, wo die Angst zu viel wird, sodass sie nicht mehr normal ist. Das lässt sich nicht so trennscharf sagen. Wenn das Gefühl da ist, dass die Angst über mehrere Monate den Alltag bestimmt, dann ist das etwas, das abgeklärt werden sollte.
… ist Psychologe, Autor und Unternehmer. Seit 2023 geht er als Host bei Terra Xplore verschiedensten psychologischen Fragstellungen nach. Sein Interesse für die Psychologie teilt er außerdem in einem Podcast und auf der Bühne.
Wann wird aus Angst eine Angststörung? Leon Windscheid trifft Nane, die lange unter Panikattacken litt. Forschende erklären, was bei Angst im Gehirn geschieht und warum frühe Hilfe wichtig ist.
19.10.2026 | 43:24 minZDFheute: Wie kann eine Psychotherapie helfen?
Windscheid: Der erste Schritt ist zu sagen: 'Mach es nicht mit dir allein aus, öffne dich'. Ob das erst eine gute Freundin ist oder die Hausärztin. In dem Moment, in dem man sich öffnet, kann man Hilfe bekommen, da möchte ich immer Hoffnung machen. Man sitzt oft mit den psychischen Problemen da und denkt, man werde es nicht schaffen, weil alles düster ist und die Kraft fehlt. Aber das Gute ist: Psychotherapie funktioniert. Wir wissen aus wissenschaftlicher Sicht nicht immer warum und wie genau, aber sie hilft.
In unserem Land hat man das Recht, sich Hilfe zu holen, auch wenn es einem schwer gemacht wird. Aber es lohnt sich, dranzubleiben.
Leon Windscheid, Psychologe
ZDFheute: Inwiefern wird es Menschen schwer gemacht?
Windscheid: Menschen, denen geholfen wird, finden ihren Weg raus. Ich habe das Gefühl, es heißt die ganze Zeit: 'Wir müssen sparen'. Aber alles, was wir in der Psychotherapie sparen, zahlen wir hinten raus doppelt und dreifach drauf, weil Angststörungen, die nicht behandelt werden, chronisch werden können. Einem jungen Menschen geht es im Zweifel nach zehn Sitzungen besser, er hat sein restliches Leben die Angst im Griff und die Angststörung ist vielleicht sogar weg.
Wenn man Betroffenen hingegen sagt: 'Stell dich nicht so an' und wir lassen Menschen 20 Wochen oder noch länger am Stück auf einen Therapieplatz warten - da muss uns klar sein, dass es uns viel mehr kostet. Wenn man Menschen überhaupt als Kostenfaktor betrachten möchte. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft verstehen, dass psychische Gesundheit nicht 'nice to have', sondern unverzichtbar ist.
Geplante Einsparungen bei Psychotherapien sorgen für Kritik. Fachleute warnen vor weniger Therapieplätzen und längeren Wartezeiten. Die Versorgungslage sei schon jetzt angespannt.
29.07.2026 | 1:40 minZDFheute: Was kann man tun, wenn man Angst davor hat, sich psychologische Hilfe zu suchen?
Windscheid: Inzwischen reden Promis offen über ihre Diagnosen und trotzdem gibt es ganz viele Leute, die sich schämen.
Ich möchte uns alle mit in die Pflicht nehmen: Seid das offene Ohr, seid die Schulter, die da ist.
Leon Windscheid, Psychologe
Ich möchte diejenigen, die betroffen sind, ermutigen sich ihrem Umfeld anzuvertrauen. Das wäre ein wichtiger Schritt und das würde ich mir wirklich für uns als Gesellschaft wünschen.
ZDFheute: Auch früher gab es bereits Krisen. Warum trifft es vor allem junge Menschen?
Windscheid: Es ist auf keinen Fall die Lösung, alles zum psychischen Problem zu machen und jede Angst oder schlechte Stimmung zu pathologisieren. Wir sollten trotzdem anerkennen, dass wahrscheinlich viele junge Menschen heute mit einer Belastung konfrontiert sind, die anders ist, als sie früher war. Selbst wenn das nicht der Fall ist, hat die Generation vor uns noch nach dem Motto gelebt: 'Ich brauche keine Therapie, ich trinke ein paar Flaschen Bier'. Das ist auch keine Lösung. Deswegen glaube ich, es ist eine Gratwanderung, nicht alles zum psychischen Problem zu machen, aber anzuerkennen, dass Millionen betroffen sind.
Depressionen veränderten Simones Leben. Sie sucht sich Hilfe, doch der Weg zurück braucht Zeit.
04.10.2026 | 1:24 minZDFheute: Was macht es mit uns, ständig der Perfektion hinterher zu hecheln und wie können wir gegensteuern?
Windscheid: Je mehr ich versucht habe, noch mehr aus mir rauszuholen, desto schlechter ging es mir eigentlich. In der Psychologie geht es nicht um 180-Grad-Wenden, sondern um Nuancen, dass du etwas anders auf dich guckst. Ich finde Selbstmitgefühl schön. Oft sind wir zu harsch zu uns, so wie wir zu keinem anderen wären. Durch Selbstmitgefühl versuche ich, mir ein Stück weit zu begegnen wie einem Freund.
Das Interview führte ZDF-Moderator Florian Weiss. Zusammengefasst wurde es von Sophie Petersen.
Weltberühmt und depressiv: Leon Windscheid spricht mit der Psychoanalytikerin Erika Freeman, die Stars wie Marilyn Monroe, Woody Allen oder Marlon Brando behandelte.
21.10.2025 | 43:45 minÜber dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "Volle Kanne" am 16.10.26 ab 09:05 Uhr.
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