Investition in Brandschutz: August-Rekorde vor Schicksals-September

Ein Waldbrand nach dem anderen. Langsam sind die Seen und Flüsse leer. Wieso ist Waldbrandschutz angesichts der Klimakrise kein Wahlkampfthema?
Foto: Maximilien Lamy/afp
V or einem Monat hatten wir an dieser Stelle den deutschen Juli als äußerst schwierigen Patienten unter den Julis der Weltgeschichte verhandelt – wenn andere ihre Nationswerdung feiern, feiern Deutsche ihre Niederlagen der Demokratie. Deutschland, einig Sonderweg.
Nun sind wir inzwischen richtig im August angekommen, und bis auf die Bayern sind nun alle wieder am Start: die Talkshows im Fernsehen (außer Caren Miosga), die Bundesregierung (außer der Bundeskanzler), die Wale (außer Timmy), der Herbst (außer im Südwesten) und natürlich die Waldbrände (außer Brandenburg, da brannte es schon Anfang Mai).
Mitte August ist traditionell Saisonhöhepunkt für Feuerwetter. In diesem August aber reißt Europa alle Rekorde, wobei das wie immer avantgardistische Frankreich damit schon im Juli begann: Sein geschicktes Marketing der Tour de France – spektakuläres Sportevent als Rahmen für spektakulären Tourismuswerbung – wurde erneut geschickt genutzt, in dem man die Tour erstmalig verkürzte: erst wegen extremer Hitze und dann um das Sicherheitspersonal zur Unterstützung der Brandbekämpfung nach Bordeaux schicken zu können.
Dem Weltuntergang zuschauen
Frankreich sorgte auch für das spektakulärste Foto dieses Brandsommers: Ein Pärchen sitzt auf zwei Klappstühlen am Sandstrand von Moutchic unter einem Sonnenschirm und guckt auf den großen Lacanau-See – er leger das eine Bein über das andere geschlagen, sie den Anblick mit dem Tablet filmend. Der Himmel ist dunkelorange, dicke Wolkenballen ziehen über den Horizont – ein Gemälde, das ohne Kenntnis der Umstände auch für die Darstellung eines romantischen Sonnenuntergangs gehalten werden könnte.
In der Tat schaut das Pärchen einem Untergang entgegen, seinem eigenen.
Das Bild des Fotografen Maximilien Lamy wurde zur Ikone des angesichts der Klimakatastrophe zur monströsen Absurdität gewordenen Strandurlaubs in Europa.
Wie gemalt
Mich erinnerte dieses Foto an die Stimmung in den Werken des berühmtesten Malers deutscher Stimmungen, Caspar David Friedrich. Schauen Sie sich noch mal seine bekannten Bilder mit den Rückenfiguren aus dem Jahr 1818 an („Wanderer über dem Nebelmeer“, „Frau vor untergehender Sonne“) und dann sein „Das brennende Neubrandenburg“ (ca. 1835).
Der geometrische Bildaufbau und die ästhetische Wirkung, die er durch die Überlagerung von Sonnenuntergang und Brandwolken erzielt, sind wie die Blaupause des – nach allem, was wir wissen – ohne KI generierten Fotos von Lamy aus dem Jahre 2026. Man sollte es caspardavidfriedrichhaft „Urlauber am brennenden Lacanau“ nennen.
Friedrichs Neubrandenburger Gemälde geht mutmaßlich auf die apokalyptische Realität des 17. Jahrhunderts zurück: Erdbeben smasht Lissabon, und die Stadtbrände legen selbst Metropolen wie London oder Aachen in Schutt und Asche. Diese Stadtbrandkatastrophen führten zu strengeren Bauordnungen, hohen Investitionen in die Feuerlöschstruktur und deren Neuorganisation.
Die brennenden Themen
Seit Jahren fordern Experten europäischer Kommunen die Investitionen in den Brandschutz zu erhöhen, an die existenzielle Notwendigkeit anzupassen. Angesichts der leer gelaufenen Seen und Flüsse wird es irgendwann auch eng mit dem Löschwasser, oder? Die europäischen August-Brände haben die Dimension der Stadtbrände aus dem Mittelalter mindestens erreicht.
Sämtliche Wahlkämpfer in Deutschland nutzen den anstehenden Schicksals-September, um sich über die Themen Flüchtlinge und Mieten zu profilieren. Warum nicht Waldbrandschutz?
Selbst schuld, wenn man die wirklich brennenden Themen liegen lässt und damit der AfD nur weiteres Material für ihren „Die etablierte Politik versagt“-Populismus liefert.
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Doris Akrap Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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