Boykottdebatte vor Eishockey-WM: Wie die Russen vom Eis holen?

Bei der WM in Deutschland soll Russland mitspielen dürfen. Das Sportgerichtsurteil führt zu immensen Verwerfungen in der Sportwelt und darüber hinaus.
Gleich mehrfach hat sich der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha in dieser Woche auf seinem X-Account zur Eishockey-WM in Deutschland geäußert. Und auch Russlands Präsident Wladimir Putin hat zu den Entwicklungen Stellung genommen. Das Urteil vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS), WM-Gastgeber Deutschland müsse im Mai 2027 die russischen Kufensportler aufs Eis lassen, berührt natürlich bei weitem nicht nur die Sportwelt.
Eine besondere Pointe könnte sein, dass Russland den WM-Startplatz der Ukraine erhält, um den Spielplan nicht völlig durcheinanderzubringen. Denn diese konnten erst jüngst durch ihre Erfolge bei der B-WM in den Elitekreis des internationalen Eishockeys vorstoßen.
In einem seiner Posts schrieb der ukrainische Minister Sybiha: „Russland hat nichts getan, um seine Rückkehr zum internationalen Eishockey zu verdienen. Moskau führt seinen brutalen Angriffskrieg weiter, mordet ukrainische Zivilisten, terrorisiert unsere Städte und begeht täglich neue Verbrechen.“ Sybiha hätte gar eine direkte Verbindung zum Eissport ziehen können. In der Nacht auf den 19. Oktober wurde erst eine Eissporthalle in Kyjiw bei russischen Luftangriffen getroffen. Der ukrainische Eiskunstlaufverband verbreitete via Instagram Fotos von den Zerstörungen.
Bei den WM-Teilnehmern Tschechien, Dänemark, Finnland, Lettland, Norwegen und Schweden bedankte sich Sybiha dafür, dass sie angekündigt haben, mögliche WM-Spiele gegen Russland zu boykottieren. Und rief die großen Eishockeynationen dazu auf, deren Beispiel zu folgen. Putin hielt der Boykottbewegung wiederum einen groben Verstoß gegen das Recht vor. Derweil denkt man beim gastgebenden Deutschen Eishockey-Bund (DEB) über die Rückgabe des Turniers nach, wie DEB-Vorstandschef Frank H. Lutz bekannte. Gerade im Sicherheitsbereich könnten unvorhergesehene Mehrkosten entstehen.
Möglicherweise fallen auch etliche Geldgeber weg. Der tschechische Autobauer Škoda hat bereits angekündigt, man werde sein Sponsoring für die WM überdenken. Für den Lebensmitteldiscounter Penny erklärte der Pressesprecher gegenüber der taz, man stehe für Werte wie Fairness, Respekt und ein friedliches Miteinander. „Je nach Entwicklung werden wir unser Engagement als Sponsor vor dem Hintergrund der skizzierten Werte hinterfragen.“ Und auch die Würth Group behält sich auf Nachfrage vor, die Sponsorenschaft je nach Entwicklung zu prüfen.
DEB-Funktionär Lutz kündigte Gespräche mit politischen Verantwortungsträgern an, um unter anderem die Frage auszuloten, wie groß die Bereitschaft in der Bundesregierung ist, russischen Sportlern die Visa für die Einreise zu verweigern.
Eine Frage, die aus deutscher Sicht ein weiteres Problem heraufbeschwören könnte. Beim Internationalen Olympischen Komitee hat man spätestens nach dem Beschluss Anfang Juli, Russland wieder in den olympischen Sport einzugliedern und deren Athleten für die Qualifikationswettbewerbe zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles zuzulassen, wenig Verständnis für verweigerte Sportlervisa. Deutschland könnte auf diese Weise seine Ambitionen verspielen, Olympiagastgeber für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 zu werden.
Mitte Oktober wurde eine Eissporthalle in Kyjiw bei russischen Luftangriffen getroffen
Die Verwerfungen im Weltsport könnten fast fünf Jahre nach Beginn des Angriffskriegs von Russland auf die Ukraine kaum größer sein. Auch der internationale Eishockeyweltverband IIHF hat am Mittwoch erneut seinen Unmut über das Cas-Urteil in einem Statement zum Ausdruck gebracht: „Wie dem Cas dargelegt, bringt die sofortige Wiedereingliederung russischer Mannschaften erhebliche praktische und sportliche Herausforderungen mit sich, darunter Visums- und Einreisebestimmungen, Sicherheitsvorkehrungen, logistische Einschränkungen und Konsequenzen für die Wettkampfformate – all dies verschärft durch die begrenzte verbleibende Zeit, da einige Veranstaltungen bereits in wenigen Wochen stattfinden.“
Gegenangriff vom Cas
Dies war eine Anspielung auf die U20-WM in Kanada, die bereits am 26. Dezember startet. Kanadas Premierminister Mark Carney hat schon klargestellt, dass sein Land die Einreise eines russischen Teams nicht zulassen wird.
Der Cas will sich aber nicht die Schuld zuschieben lassen und reagierte auf die IIHF-Positionierung am Donnerstag mit einem Gegenangriff. In einer Presseerklärung betonte der Cas, man könne seine Entscheidungen nur anhand der von den Parteien vorgelegten Argumente und Beweise treffen. Diese seien nicht ausreichend gewesen, um das russische Team auszuschließen. Primär hatte die IIHF eben nur Sicherheitsbedenken vorgebracht.
Nach der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 hatte das IOC den Ausschluss russischer Sportlerinnen und Sportler noch mit dem Bruch des olympischen Friedens rund um die Winterspiele in Peking begründet und mit der Verletzung der Integrität des Wettbewerbs. Während etwa russische Sportlerinnen ungehindert reisen und sich auf Wettkämpfe vorbereiten könnten, wäre das ukrainischen Athletinnen nicht möglich. Weil das IOC seine eigenen Begründungen trotz unveränderter Kriegslage nicht mehr gelten lässt, scheint die Argumentationsnot bei den Fachverbänden größer denn je zu sein.
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