Das Erbe von Walter Rodney: Als Afrikas Geschichte neu erzählt wurde

Vor über 50 Jahren erschien das Buch „Wie Europa Afrika unterentwickelte“. Ein Werk, das bis heute Relevanz hat, um Entwicklungspolitik zu verstehen.
Foto: imago
V or fast 70 Jahren begann die Dekolonialisierung afrikanischer Staaten nach jahrzehntelanger europäischer Fremdherrschaft. Doch die formale Unabhängigkeit führte damals kaum zu wirtschaftlichen Verbesserungen in den Staaten, und noch heute existiert das rassistische Narrativ einer selbst verschuldeten Rückständigkeit.
Inmitten dieser Entwicklungen stellte sich der Historiker Walter Rodney die Frage: Warum ist Afrika so arm, trotz der Vielfalt an Ressourcen? Seine Antwort formulierte er 1972 in seinem Buch „How Europe Underdeveloped Africa“, also wie Europa Afrika unterentwickelte. Ein Buch, das bis heute wirkt.
Geboren 1942 in Guyana, zu dem Zeitpunkt eine britische Kolonie, wächst Rodney in einer politisierten Arbeiterfamilie auf, die für die Unabhängigkeit des südamerikanischen Landes kämpfte. Nach dem Geschichtsstudium in Jamaika und England geht er nach Tansania, wo unter Präsident Julius Nyerere der Aufbau eines afrikanischen Sozialismus, der sogenannten Ujamaa, vorangetrieben wird.
In Daressalam, dem damaligen Zentrum afrikanischer Befreiung, beteiligt sich Rodney an der Gestaltung einer dekolonialisierten Gesellschaft, die sich von europäischer Abhängigkeit lösen soll.
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Gegen die Kontinuitäten des Kolonialismus
Inspiriert von diesem Umfeld und getrieben vom Widerstand gegen die Kontinuitäten des Kolonialismus formulierte er seine Gedanken. In seinem Buch erzählt er die Geschichte Afrikas als die einer Ausbeutung durch Europa. Es war die erste Gesamtdarstellung der afrikanischen Entwicklung aus nichteuropäischer Sicht. Rodney unterteilte die Entwicklung Afrikas in eine Zeit vor der Ankunft europäischer Kolonialherren, eine währenddessen und eine danach.
Mit dem Beginn des Sklavenhandels und der Kolonialisierung habe auch die aktive Unterentwicklung Afrikas durch das imperialistische Europa begonnen. Seine grundlegende These: Wohlstand in Europa und Armut in Afrika hängen zusammen und sind zwei Seiten einer Medaille. Afrikanische Arbeitskraft und lokale Ressourcen – sowohl materielle als auch ideelle – wurden aus dem Kontinent geplündert, zum Vorteil des europäischen Wohlstands.
Mit seiner Ausarbeitung bot Rodney eine radikale Gegengeschichte Afrikas an, die er, wie er selbst sagt, besonders an ein afrikanisches Publikum richtet. Geschrieben in verständlicher Sprache schrieb Rodney eine „Geschichte von unten“, sagt Anil Shah, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Uni Kassel. Und auch heute ist seine Botschaft aktuell, sagt Chinedu Chukwudinma, Autor des Buches „A Rebel’s Guide to Walter Rodney“.
Dass die ungleichen Abhängigkeiten zwischen Europa und Afrika noch lange nicht vorbei sind, zeigt sich beispielsweise im Umgang mit kolonialen Verbrechen und dem Hebel der Entwicklungshilfe. Erst 2021 stufte die Bundesregierung die Kolonialverbrechen in Namibia offiziell als Völkermord ein und bot als Entschädigung Entwicklungshilfen an.
Das herrschende Narrativ dieser Hilfen – Versöhnung und Großzügigkeit – verfestigt neokoloniale Abhängigkeitsstrukturen. Sie verdrängen die Frage nach den Strukturen und Ursachen dieser ungleichen und ungerechten Verhältnisse. Bis heute bietet das Werk Orientierung, diese zu durchdringen.
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