Fortschritt im Alltag: Zu schwer, zu smart und leicht zu vergessen

Beide nerven gleichermaßen: Fahrradschlösser und Passwörter. Beim Wettrennen darum, was zuerst obsolet wird, steht es Kopf an Kopf.
Foto: Zacharie Scheurer/dpa-tmn/picture alliance
F ahrradschlösser sind die Passwörter der analogen Welt. Man nutzt sie mangels besserer Alternativen eher gezwungenermaßen als mit Begeisterung, die richtig guten sind eigentlich viel zu schwer – und dementsprechend häufig werden sie vergessen. Wenn das passiert und man das Rad trotzdem nur mal kurz vor dem Bäcker stehen lässt, ist es weg. Genauso wie der Zugang zum Social-Media-, E-Mail- oder Bankkonto ohne Passwort.
Was Passwörter angeht, verspricht die Tech-Industrie schon seit Jahren, sie überflüssig zu machen. Wahlweise durch biometrische Daten wie Fingerabdruck, Iris-Scan oder – ganz fancy – das Herzschlagmuster. Oder durch Geräte, die USB-Sticks nicht unähnlich sind und Einmalpasswörter generieren sollen. Durchgesetzt hat sich beides bislang nicht, aus guten wie aus weniger guten Gründen. Stattdessen gibt es Passwortgeneratoren, Passwortmanager – und wenn man Berliner Verwaltung ist und zeigen will, wie man es vielleicht besser nicht machen sollte, eben eine Datei namens Passwort.docx.
Auch die Fahrradindustrie versucht seit Jahren, eine Alternative zu kiloschweren Metallungetümen zu finden. Durch dezente Schlösser beispielsweise, die sich per App entsperren lassen, und durch eingebaute Tracker. Bei E-Bikes hat beides eine gewisse Verbreitung. Aber wer ohne Motor fährt, bleibt meist doch beim Metallmonstrum, und wer das E-Bike nicht gerade verlässlich in einem abschließbaren Keller parken kann, in der Regel auch.
Kolumne „Digitalozän“
Zum Aufwachen piept das Smartphone, beim Frühstück streikt der Kaffeeautomat und abends will das smarte Thermostat mal wieder vor uns schlafen gehen. Svenja Bergt fragt in ihrer Kolumne: Was machen die ganzen digitalen Tools mit uns und mit dem Leben?
Das Sortiment der Schlösser hat sich dafür bis zum Maximum differenziert: Bügel-, Ketten-, Kabel- oder Spiralschloss, Panzer-, Falt- oder Rahmenschloss? Klein, mittel, groß, welches Gewicht darf es sein und wo am Rad ist Platz für eine Halterung? Und wer sich endlich entschieden hat, darf bloß nicht den Fehler machen, nur mal kurz bei der Stiftung Warentest nachzuschauen, wie der Favorit bei der Schadstoffanalyse abgeschnitten hat. Sonst kann es ganz schnell wieder auf „Los“ gehen.
Das Schloss ohne Schloss
Ein Fahrradhersteller will es nun aber wirklich geschafft haben. Sein E-Bike hat eine Dreifach-Diebstahl-Hinderung, ganz ohne Schloss: Bewegungsmelder plus Alarmanlage mit Jaulton und menschlicher Stimme plus blockierbare Vorderradnabe sollen ein Wegschieben oder -tragen verhindern. Und wenn doch, macht das festgestellte Vorderrad das Fahrrad unfahrbar. Klingt als Prinzip irgendwie vertraut, wenn auch ohne Stimme? Genau, die elektronische Wegfahrsperre bei Autos lässt grüßen. Die ist da übrigens seit 30 Jahren Standard.
Der Haken ist natürlich, dass dieses Sicherheitssystem auf Elektronik beruht, also Strom braucht. Vielleicht entwickelt ja noch jemand einen Akku, der sich beim Treten langsam auflädt und dessen Kapazität dann für das elektronische Schloss genutzt werden kann, sodass sich auch Nicht-E-Bikes damit schützen lassen. Voraussetzung wäre dann vermutlich, dass man spätestens alle paar Tage ein paar Aufladerunden fährt. Was sicher gut wäre für die Fitness, aber wahrscheinlich nicht so gut für die breite Akzeptanz bei den Radfahrer:innen. Vielleicht gibt es doch noch schneller eine Alternative zum guten, alten Passwort.
Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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