«Wollte keine Zeit verlieren»: Für Baby ging Kristina ins Ausland

- Lange Wartezeiten, günstigere Preise und fehlende rechtliche Möglichkeiten treiben Schweizerinnen für IVF-Behandlungen ins Ausland.
- Allein 2025 liessen sich über 700 Patientinnen aus der Schweiz in spanischen IVI-Kliniken behandeln – die Zahl stieg in fünf Jahren um acht Prozent.
- Eine der Betroffenen wurde in der Türkei schwanger, noch bevor das Schweizer Spital zum vereinbarten Erstgespräch aufbot.
Rund drei Prozent aller Babys in der Schweiz werden nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) geboren. 2024 wurden hierzulande 12’573 IVF-Behandlungszyklen durchgeführt. Doch diese Zahl zeigt nur einen Teil der Realität: Viele Frauen und Paare lassen sich im Ausland behandeln. Das zeigen auch Zahlen der spanischen IVI-Kliniken. 2025 führten sie bei Patientinnen aus der Schweiz mehr als 700 Kinderwunschbehandlungen, darunter IVF, durch.
Schweizerinnen machten damit sieben Prozent aller internationalen Behandlungen aus. Und der Trend zeigt nach oben. Laut IVI stieg die Zahl Schweizer Patientinnen in den letzten fünf Jahren um acht Prozent. Auch in der Gynem Fertility Clinic in Prag hat die Zahl der behandelten Schweizer Patientinnen in den letzten fünf Jahren um rund 193 Prozent zugenommen. Mit rund 56 Prozent aller Behandlungen sei IVF mit eigenen Eizellen mit Abstand am häufigsten gewesen. 19 Prozent waren Eizellenspenden.
Behandelte Schweizer Personen/Paare in Prag
- 2020: 45
- 2021: 77
- 2022: 94
- 2023: 78
- 2024: 78
- 2025: 132
Die Gründe, weshalb Schweizer Frauen eine Behandlung in Prag wählen, seien vielfältig, sagt eine Sprecherin. «Kinderwunschbehandlungen sind in Tschechien meist günstiger als in der Schweiz, besonders wenn zusätzliche Labormethoden oder mehrere Behandlungszyklen nötig sind.» In der Gynem-Klinik koste eine IVF höchstens 4200 Franken, wobei die Stimulationsmedikamente zusätzlich verrechnet würden. Daneben würden auch altersbedingte Möglichkeiten und kürzere Wartezeiten eine Rolle spielen.
«Ich wollte nicht noch etwas ausprobieren»
Auch die Rückmeldungen aus der 20-Minuten-Community deuten darauf hin, dass Auslandsbehandlungen kein Randphänomen sind. Innert 24 Stunden meldeten sich mehr als 35 Frauen und Paare, die für eine IVF nach Österreich, Deutschland, Spanien, Kroatien, Dänemark, Tschechien, Georgien oder in die Türkei reisten. Eine von ihnen ist Kristina.
Für Kristina und ihren Ehemann dauerte der unerfüllte Kinderwunsch bereits fünf Jahre. Nach einer Fehlgeburt im Jahr 2021 wollte es trotz weiterer Versuche nicht mehr klappen, sagt die 35-Jährige. «Irgendwann hatte ich das Gefühl: Die Zeit läuft mir davon.» Über eine Kollegin wandte sich das Paar an eine Kinderwunschklinik in der Zentralschweiz, habe sich dort jedoch nicht gut aufgehoben gefühlt.
Zunächst habe man Kristina mehrere Inseminationen vorgeschlagen, bei denen Samenzellen des Partners in die Gebärmutter eingebracht werden. Nach Jahren des Wartens sah sie darin keine Perspektive. «Ich wollte nicht noch etwas ausprobieren.»
Auf Empfehlung einer Kollegin wandte sich das Paar dann an eine Klinik in Österreich. Dort wurden bei Kristina ein Polyzystisches Ovarsyndrom (Hormon- und Stoffwechselstörung), auffällige Schilddrüsenwerte und ein zu tiefer Progesteronwert festgestellt. Die Empfehlung lautete: IVF. Nach zwei erfolglosen Versuchen klappte es beim dritten Embryotransfer. Voruntersuchungen und Ultraschallkontrollen habe Kristina in der Schweiz durchführen lassen, für die zentralen Behandlungsschritte sei sie nach Österreich gereist.
Seit September 2024 ist sie Mutter. Für Behandlung, Medikamente, Reisen und Unterkunft bezahlte das Paar nach eigener Schätzung zwischen 8000 und 10’000 Franken.
«Ich wollte keine Zeit verlieren»
E. (40) ist inzwischen zum zweiten Mal in einer IVF-Behandlung in der Türkei. Beim ersten Versuch war für sie vor allem die Zeit entscheidend. «Jedes Mal, wenn ich meine Tage bekommen habe, musste ich weinen», sagt sie. «Ich hatte einen riesigen Kinderwunsch, der auf natürlichem Weg einfach nicht klappen wollte.» Für ein erstes Gespräch in einem Schweizer Spital hätte das Paar drei Monate warten müssen. «Ich war 38. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren.»
Weil E. Türkisch spricht, suchte sie eine Klinik in der Türkei. Dort habe sie mit der nächsten Periode direkt mit der Hormonbehandlung und Eizellentnahme beginnen können. Der erste Embryotransfer scheiterte, beim zweiten klappte es. «Als mich das Schweizer Spital anrief, um mich an unseren Termin zu erinnern, war ich schon schwanger.»
Ihre Tochter kam im Dezember 2024 zur Welt. Für die erste Behandlung, inklusive Reise und Unterkunft, habe das Paar laut E. rund 8000 Franken bezahlt. Auch die tieferen Kosten seien für sie ein Vorteil gewesen: «Es war viel günstiger als in der Schweiz. Hier hätte ich locker 10’000 Franken bezahlt – allein für die Behandlung.»
«Wollte meinen Kinderwunsch nicht vom passenden Partner abhängig machen»
Für L. war der Weg zur Solomutterschaft nicht Plan A. «Doch ich wollte meinen Kinderwunsch nicht davon abhängig machen, ob ich zur richtigen Zeit den passenden Partner finde», sagt die heute 38-Jährige. Nach längerem Abwägen entschied sie sich für eine IVF-Behandlung mit Samenspende. Weil Samenspenden für Single-Frauen in der Schweiz nicht erlaubt sind, liess sie sich in einer Klinik im süddeutschen Raum behandeln. Kosten seien für sie dabei nicht ausschlaggebend gewesen. «Wäre es möglich gewesen, hätte ich es in der Schweiz gemacht», sagt sie.
Der Aufwand habe sich dank der geografischen Nähe dennoch in Grenzen gehalten. Bluttests, Vor- und Ultraschalluntersuchungen habe L. bei ihrer Gynäkologin in der Schweiz machen lassen. Die Ergebnisse seien an die Klinik in Deutschland übermittelt worden. «Sie waren sehr bemüht, dass sich mein Aufwand für die Wege auf ein Minimum reduziert», sagt sie.
Den Samenspender konnte L. selbst auswählen. Besonders wichtig sei ihr dabei eine Open-ID-Spende gewesen: Ihr Kind soll später die Möglichkeit haben, die Identität des Spenders zu erfahren. Auch äusserliche Ähnlichkeiten zu ihrer Familie und das Gesamtbild hätten für sie stimmen müssen. «Ich erhielt Kinderbilder, eine Skizze des Spenders als Erwachsener sowie eine Beschreibung.»
Der erste Embryotransfer war erfolgreich. Die Tochter von L. ist heute fast ein Jahr alt. Weitere Embryonen sind noch in Deutschland eingefroren. Ob sie diese für ein zweites Kind nutzen wird, lässt L. offen. Klar ist: Sie wünscht sich, dass Samenspenden künftig allen Frauen offenstehen, unabhängig von Zivilstand oder Partnerschaft. «Ich finde, das sollte in einer modernen Schweiz möglich sein.»
Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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