Tour de France in Ostdeutschland?: Abgefahrene Straßen

Die Tour de France soll 2029 in Ostdeutschland starten. Doch der „Grand Depart“ passt nicht so ganz zur Situation des Breitensports und zur Infrastruktur.
Tour-de-France-Chef Christian Prudhomme verlegt den Grand Départ, den Tourauftakt, gern in Länder, wo er gute Geschichten erzählen kann“, weiß Isabell Gall, im ADFC Sachsen für Radverkehr in ländlichen Räumen zuständig. Seit 1954 wird die Tour de France immer häufiger in anderen europäischen Ländern gestartet, 1998 sogar in Dublin auf der irischen Insel. 1987 beispielsweise startete die erste Etappe nahe dem Reichstag auf Westberliner Seite, unmittelbar an der Mauer.
An deren Fall im Jahr 1989 soll die Tour in drei Jahren, 2029, nun wieder erinnern, wenn es nach dem Bund und den drei mitteldeutschen Ländern geht. Das würde „Gäste aus aller Welt zusammenbringen und zugleich an die mutigen Menschen erinnern, die 1989 für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen sind“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Ende Juli. Er, seine Amtskollegen aus Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt und der federführende Verband German Cycling, der vormalige Bund Deutscher Radfahrer, übergaben Ende Juli die ostdeutsche Bewerbung um den Tourauftakt 2029 an den Tourveranstalter Amaury Sport Organisation A.S.O. Direktor Prudhomme schwärmte daraufhin von einer „außergewöhnlichen historischen und symbolischen Bedeutung.
Solche politische Aufladung von Sportereignisse wird sonst stets der verflossenen DDR vorgeworfen. „Natürlich ist das auch ein politisches Thema, das kann man nicht ausblenden“, räumt Thomas Hofmann als Präsident des Sächsischen Radfahrerbunds (SRB) ein. Seitens der interessierten Radsportverbände habe man aber zunächst nicht auf den 40 Jahre zurückliegenden Aufbruch in der DDR gezielt, sondern das Jahr 2030 für einen Tourstart angestrebt.
Heute böten Etappen auf „Revolutionsgebiet“ auch nach Auffassung der sächsischen Bündnisgrünen Gelegenheit zu zeigen, „was sich seit 1989 in Sachsen und Ostdeutschland entwickelt hat“. Isabell Gall vom Fahrradclub ADFC kann der Pflege des europäischen Gedankens viel abgewinnen und denkt dabei an europafeindlich tendierende Landtagswahlen. Solche kann man auch für 2029 vorhersagen, wenn die Tour durch die dann ähnlich aufgeheizten Wahlkampfgebiete Sachsen und Thüringen führen sollte.
Problematische Straßen
Über welche Straßen Mitteldeutschlands will man die Weltelite eigentlich schicken, ohne sich zu blamieren? Welche Abfahrt in den Dresdner Talkessel beispielsweise sollte einem Peloton zumutbar sein? Als Freizeitsportler sollte man tunlichst immer beide Hände am Rennlenker belassen und die Zähne fest zusammenbeißen. Als vor einigen Jahren die populäre Heidenau-Rundfahrt aufgeben musste, wurden auch Haftungsfragen bei Unfällen als ein Grund genannt. Dagegen kann man sich aber beim Radfahrerbund über eine günstige Tretradversicherung selber schützen, wie Präsident Thomas Hofmann anbietet. SRB-Projektleiter Lukas Kraft verweist darauf, dass es auch bei der Tour – und keineswegs nur bei dem Klassiker Paris–Roubaix – bewusst gewählte Kopfsteinpflasterstrecken gibt. „Die Strecke wählt die ASO vorrangig nach Bildern und Dramaturgie, nicht nach Belagsklassen“, weiß der Planer.
Den Fahrradklub ADFC stört mehr das Missverhältnis zwischen den Ausgaben für Straßen und denen für Radwege im Freistaat Sachsen. Im Entwurf des Krisenhaushalts 2027/28 wird der Straßenbau nicht gekürzt, die Gelder für Radwege aber um 85 Prozent. Und mit den 450 Millionen Euro für die Erweiterung und Sanierung des Landtags könne man mehr als tausend Kilometer Radwege bauen, rechnet ADFC-Geschäftsführer Konrad Krause vor.
Das Sächsische Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung kann sich noch nicht zur Eignung von Straßen und zu eventuell nötigen Baumaßnahmen äußern. Eine allgemeine Einstufung als „tourtauglich“ gebe es nicht. Zunächst müsse der Veranstalter einen konkreten Streckenvorschlag unterbreiten, ehe eine Fülle verkehrlicher und sicherheitstechnischer Prüfungen einsetzen kann.
Der SRB setzt sich begeistert für den Grand Départ, die „große Abfahrt“ ein. Aber wie der ADFC sieht auch er ein Missverhältnis zwischen einer solchen Schaufensterveranstaltung und den Defiziten bei Breitensport und Talentförderung. „Wenn in ein solches Großereignis viel Geld investiert wird, muss auch etwas für den Breitensport und die Vereine abfallen“, fordert Isabell Gall. Sie hat vor allem die von ihr betreuten ländlichen Räume im Blick. Wo können Kinder noch lernen, sicher mit dem Rad zur Schule zu fahren, fragt sie, wo bei Sportvereinen andocken?
Nicht nur Sachsen schimpfen
ADFC und SRB bestätigen die subjektive Erfahrung, dass von Mitgliedsvereinen des Bunds Deutscher Radfahrer organisierte Radtouristikfahrten und Jedermann-Rennen immer seltener werden. In Sachsen hat sich deren Zahl etwa halbiert. Lange konnte man sich beispielsweise für 30 Euro Startgeld per Transponder beim „Race Day“ in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge mit der Amateurkonkurrenz messen. Übriggeblieben ist der Velorace, wo man für 90 Euro über jene Dresdner Straßen kurbeln kann, auf die man ohnehin schon das ganze Jahr schimpft.
Es schimpfen nicht nur die Sachsen und nicht nur die Liebhaber. Im vorigen Jahr musste in Thüringen das einzige Profi-Etappenrennen für Frauen in Deutschland ausfallen, die Lotto Thüringen Ladies Tour. Der Fahrradpodcast „Antritt“ fragte die langjährige Organisatorin Vera Hohlfeld nach Gründen. Sie nannte allgemein mangelnde Wertschätzung und fehlenden politischen Willen. Konkret fehlen ganze 200.000 Euro, die das Land Thüringen bisher beisteuerte, seit der „Brombeer“-Regierung unter Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) aber nicht mehr übrig hat. Zum Vergleich: Die Kosten für das große Tourauftakt-Spektakel 2029 werden in der Größenordnung von 30 Millionen Euro veranschlagt. Bislang sind dafür nur private Mittel geflossen, Entscheidungen zu Kostenbeteiligungen der Länder stehen noch aus.
Den Rückgang im Breitensport findet SRB-Präsident Hofmann sogar „furchtbar“. Es liege nicht an Vereinen und ihrem großen ehrenamtlichen Engagement, sondern vor allem an zunehmender Bürokratie und den steigenden Kosten. Die Defizite wirkten sich auf Nachwuchs und Talenteentwicklung aus. „Wenn wir keine Rennen durchführen können, werden wir auch keine Spitzensportler haben!“ Die Trainerbezahlung hinke ebenfalls hinterher. Immerhin, die Sektionen Mountainbike und Gravel würden zwar zunehmend nachgefragt, stießen aber an Grenzen, weil ihre Ausübung beispielsweise im Wald mit zahlreichen Verboten belegt ist.
An sich aber ist Rennradfahren beliebter denn je, wie man im Straßenbild unschwer erkennt. Gemeinschaftsbildende Radtouristikfahren werden aber nicht nur seltener veranstaltet, sondern von jungen Leuten auch weniger nachgefragt. Soziale sportliche Begegnungen werden zunehmend in privaten Gruppen über Social Media oder von Fahrradläden organisiert. „Es liegt im allgemeinen Trend, dass immer weniger in Vereinen gemacht wird“, konstatiert Thomas Hofmann. „Es ist wie überall, zerstückelter, kleinteiliger, weniger verbindlich“, stimmt Isabell Gall zu.
Empfundene Zweitklassigkeit
Und doch verbinden beide den Grand Départ in den ostdeutschen Ländern mit großen Hoffnungen. Der ADFC-Vertreterin ist der ideelle Aspekt wichtig. „Es bleibt für alle gut, wenn Sachsen als Raddestination promoted wird!“ SRB-Präsident Thomas Hofmann spricht ebenfalls von einer „Riesenbegeisterung“, die dem Radnachwuchs Impulse verleihen werde. Projektleiter Lukas Kraft untersetzt das mit Zahlen hoher Mobilisierung beispielsweise in Utrecht 2015. Auch in Sachsen und seinen Nachbarländern meldeten sich schon jetzt mehrere Hundert ehrenamtliche Mitwirkende.
Der Radfahrerbund ist zwar Hauptmotor der Bewerbung, aber auch für den Präsidenten „ist das, was rundherum um das Profisportereignis passiert, eigentlich das Entscheidende“. Solche erhofften Sekundäreffekte zielen letztlich auf Kompensation der auch nach 40 Jahren immer noch empfundenen ostdeutschen Zweitklassigkeit. Hofmann spricht von einer „Gelegenheit, mitteldeutsche Länder vier Tage lang in die Weltöffentlichkeit zu senden“. Der Tourstart wird in 190 Länder übertragen, nach ASO-Angaben sehen die gesamte Tour weltweit 3,5 Milliarden TV-Zuschauer. Alle Aufwendungen würden vielfach wieder hereinkommen, ein Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro infolge des Grand Départ wird erwartet.
Noch einmal kommt Politik ins Spiel. Das Interesse an der Tour de France steigt zwar. Auch manche sächsische Familien richten ihre Sommerferienplanung an deren Etappenplan aus. Für eine Feier der Friedlichen Revolution 1989 aber müsse die Tour nicht unbedingt zu Hause vorbeikommen. Eine wachsende Mehrheit beurteilt die Folgen des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses inzwischen skeptisch. Der Faszination der mit mehr als 50 Stundenkilometern vorüberjagenden „Giganten der Landstraße“, wie sie zu Zeiten der Friedensfahrt in der DDR und den Nachbarstaaten genannt wurden, würden sie vermutlich dennoch erliegen.
Bis zur Anfang kommenden Jahres erwarteten Entscheidung der ASO über die konkurrierenden Startregionen 2029, zu denen auch Tschechien gehören soll, bleibt nicht viel Zeit für Geldbeschaffung und Vertragsverhandlungen. Schwierige Regierungsbildungen erleichtern diese nicht gerade.
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