Strasse von Hormus – «Wird das Öl verschluckt, ist es für die Tiere akut toxisch»

Aus mehreren beschädigten Tankern ist in der Strasse von Hormus und vor der Südküste Omans Öl ausgelaufen. Hintergrund ist der Iran-Krieg. Manche der Schiffe sind mit Seeminen kollidiert, andere wurden mit Raketen beschossen. Greenpeace spricht von fünf Ölteppichen, von denen mindestens einer die Fläche des Genfersees habe. Cornelia Kienle vom Ökotoxzentrum des Wasserforschungsinstituts Eawag erklärt, welche Folgen für die Umwelt drohen.
Cornelia Kienle
Ökotoxikologin
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Kienle arbeitet am Oekotoxzentrum des Wasserforschungsinstituts Eawag. Die Ökotoxikologin befasst sich mit Süsswasser- und Meeresökosystemen sowie den Auswirkungen verschiedener Stressfaktoren auf Wasserorganismen. Zudem entwickelt und evaluiert sie Testverfahren zur Überwachung und zum Schutz aquatischer Ökosysteme.
SRF News: Wie schlimm ist die Situation?
Cornelia Kienle: Das lässt sich derzeit nur schwer abschätzen, weil Angaben zur ausgelaufenen Ölmenge fehlen. Das Öl tritt in einem aktiven Kriegsgebiet aus, ein Ende ist also nicht absehbar. Es könnte noch deutlich mehr werden. Deshalb ist die Situation sehr bedenklich.
Welche Ökosysteme sind von den Ölteppichen bedroht?
Ein grosser Teil der Küste an der Strasse von Hormus besteht aus Schutzgebieten mit empfindlichen Arten. Dort leben Grüne Meeresschildkröten, Echte Karettschildkröten, vom Aussterben bedrohte Arabische Buckelwale, Seekühe und Delfine. Walhaie ziehen durch die Meerenge, Zugvögel rasten derzeit in der Region. Auch die Mangrovenwälder sind bedroht. Sie bilden ein empfindliches Ökosystem und schützen zugleich die Küste.
Erreicht das Öl die Küste, kann es das Gefieder von Seevögeln und das Fell von Säugetieren verkleben.
Welche konkreten Schäden drohen Tieren und Pflanzen?
Erreicht das Öl die Küste, kann es das Gefieder von Seevögeln und das Fell von Säugetieren verkleben. Die Tiere können dadurch ertrinken oder erfrieren. Öl kann zudem Korallen, Blätter und Wurzeln bedecken, die Fotosynthese hemmen und die Kiemen von Fischen verkleben, sodass diese ersticken. Auch Muscheln und Garnelen können das Öl beim Filtern des Wassers aufnehmen. Wird es verschluckt oder eingeatmet, ist es für die Tiere akut toxisch.
Wie gross ist die Katastrophe im historischen Vergleich?
Eine Aussage ist schwierig, weil es kaum verlässliche Informationen gibt. Es gibt Angaben zur Fläche der Ölteppiche, aber nicht zur ausgelaufenen Menge. Die bisher grösste dokumentierte maritime Ölkatastrophe ereignete sich 1991 am Persischen Golf. Damals traten mehr als eine Milliarde Liter Rohöl aus. Die Küsten und Ökosysteme wurden über Jahrzehnte beeinträchtigt, rund 30’000 Seevögel starben.
In einem aktiven Kriegsgebiet sind solche Einsätze sehr schwierig.
Wie liessen sich die Ölteppiche eindämmen?
Ölbarrieren können verhindern, dass das Öl die Küste erreicht, sofern der Wellengang nicht zu hoch ist. Dispersionsmittel können den Ölteppich in kleine Tröpfchen auflösen, die von Bakterien schneller abgebaut werden. Dadurch wird das Öl allerdings auch leichter von Organismen aufgenommen, zudem sind die verwendeten Chemikalien nicht unbedenklich. Es gibt auch Absorptionsmittel mit einer grossen Oberfläche, die das Öl binden, wodurch es aus dem Wasser entfernt werden kann. Weiter gibt es Skimmer. Das sind wie Schiffe, die über die Meeresoberfläche fahren und dadurch den Ölfilm abnehmen.
Was wird derzeit konkret unternommen?
Gegenwärtig gibt es auch dazu kaum Angaben. Der Oman sagt, man versuche, den Ölteppich einzudämmen. Angaben zu den konkreten Massnahmen fehlen jedoch. In einem aktiven Kriegsgebiet sind solche Einsätze sehr schwierig, zudem sind die Zuständigkeiten unklar. Um wirklich effektiv was gegen die Ölteppiche ausrichten zu können, wäre eine Waffenruhe nötig. Und die aufräumenden Crews bräuchten freies Geleit.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.