Überlebende polnische NS-Opfer appellieren an die deutsche Zivilgesellschaft: Wiedergutmachung überfällig, "humanitäre Geste" dringend nötig.
"Wir können nicht länger warten", schreiben die polnischen Opferverbände in einem dramatischen Appell an die deutsche Zivilgesellschaft, der am Donnerstag (5.11.2026) auf der Internetseite der "Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung" veröffentlicht wurde.
"In Polen leben heute nur noch weniger als 50.000 Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzung 1939-1945 schweres Unrecht erlitten haben, darunter ehemalige Konzentrationslager- und Gefängnishäftlinge sowie ehemalige Zwangsarbeiter", betonen die Unterzeichner des Aufrufs.
"Heute sind diese Menschen hochbetagt, viele von ihnen über 90 Jahre alt. Sie leiden unter Krankheiten und Einsamkeit, sind im Alltag zunehmend auf Hilfe angewiesen und müssen steigende Kosten für medizinische Versorgung und Pflege tragen. Ihre Zahl nimmt von Monat zu Monat ab. Sie können nicht länger warten. Für viele von ihnen könnte jede weitere Verzögerung bedeuten, dass die Hilfe zu spät kommt", heißt es in dem auf Deutsch, Polnisch und Englisch verbreiteten Appell.

"Deutschland ist sich seiner moralischen Verantwortung gegenüber den noch lebenden NS-Verfolgten bewusst", betonen die Unterzeichner, um kritisch festzustellen, dass "eine entsprechende Entscheidung der deutschen Bundesregierung bis heute aussteht".
"Wir wenden uns daher heute vor allem an die Zivilgesellschaft in Deutschland und bitten um finanzielle Unterstützung für die noch lebenden NS-Verfolgten in Polen. Unser Aufruf richtet sich an Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen, Vereine und Initiativen sowie an alle Menschen guten Willens", schreiben die Opferverbände. "Jede Spende zählt", heißt es zum Schluss.
Freiwillige Geste nach der demokratischen Wende
Die ungelöste Frage der Wiedergutmachung belastet seit Jahrzehnten die deutsch-polnischen Beziehungen. Nach der demokratischen Wende in Mittel- und Osteuropa 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands übergab die Bundesregierung als freiwillige Geste 500 Millionen DM an die NS-Opfer in Polen. Mehr als eine Million Menschen konnten mit diesem Geld unterstützt werden. Ehemalige Zwangsarbeiter bekamen zudem Leistungen von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Doch angesichts des Ausmaßes der deutschen Verbrechen wird die bisher geleistete Wiedergutmachung in weiten Teilen der polnischen Gesellschaft als unzureichend empfunden. Die deutsche Besatzungspolitik in Polen war von systematischen Verbrechen gegen die polnische Bevölkerung geprägt. Schätzungsweise sechs Millionen polnische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger verloren während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben, darunter etwa drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden.
Im Rahmen des "Generalplans Ost" sollte ein großer Teil der Bevölkerung verdrängt, versklavt oder ermordet werden. Bereits 1939 richtete sich die "Intelligenzaktion" gezielt gegen die polnischen Eliten, darunter Lehrer, Geistliche, Beamte und Intellektuelle. Zudem wurden rund 2,5 Millionen Polen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich deportiert und dort unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzt.
Die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) stellte das Thema der Kriegsreparationen seit ihrem Regierungsantritt 2015 in den Vordergrund der polnischen Deutschland-Politik. Die PiS-Regierung hat die polnischen Kriegsverluste auf 6,2 Billionen Zloty (ca. 1,3 Billionen Euro) beziffert und forderte diese Summe im Oktober 2022 offiziell von Berlin ein.
Tusk lehnt 200 Millionen Euro als zu wenig ab
Die Mitte-Links-Regierung von Donald Tusk distanzierte sich zwar nach dessen Wahlsieg im Dezember 2023 von diesen Forderungen, machte allerdings auch keinen Hehl daraus, dass sie vom deutschen Partner eine "kreative Lösung" erwartet, so Außenminister Radoslaw Sikorski. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz hatte vor seinem Polen-Besuch im Sommer 2024 200 Millionen Euro angeboten - was Tusk als unzureichend ablehnte. Die Gespräche, die seitdem zwischen Berlin und Warschau geführt wurden, brachten keine Lösung.
In der Abschlusserklärung nach den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen im Dezember 2025 versprach die Bundesregierung, "Möglichkeiten einer zusätzlichen Förderung für polnische Opfer der NS-Aggression und der deutschen Besatzung Polens zu analysieren". "Aktuell gibt es keine Entscheidung zu einer humanitären Geste, und diesen Stand reflektiert der Haushaltsentwurf", teilte der stellvertretende Sprecher des Auswärtigen Amts, Josef Hinterseher, am 23. September 2026 in der Bundespressekonferenz mit.
Die Grünen sehen noch eine Chance
Die Partei Bündnis90/Die Grünen gibt die Hoffnung auf eine Wende in den Bemühungen um die "humanitäre Geste" nicht auf. "Unsere Fraktion hat im Haushaltsausschuss einen Antrag gestellt, um die Finanzierung der 'humanitären Geste' zu bekommen. Leider wurde der Antrag abgelehnt", sagte die Bundesvorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, am Donnerstag der Deutschen Welle in Warschau.
"Die Hoffnung stirbt zuletzt, deshalb werden wir alles daransetzen, damit die Koalition diese Änderung doch noch vornimmt", betonte Brantner. Als "letzte Chance" sieht die Grünen-Politikerin die "Bereinigungssitzung" des Haushaltsausschusses, die in der nächsten Woche stattfindet. "Die Bundesregierung muss jetzt diese humanitäre Geste durchsetzen", forderte die Grünen-Politikerin, die sich zurzeit in Warschau aufhält.
Das Thema der Wiedergutmachung spielt auch 81 Jahre nach Kriegsende immer noch eine wichtige Rolle in der polnischen Gesellschaft. Es gibt kaum eine Familie, die im Krieg nicht gelitten hat. Im neuesten Deutsch-Polnischen Barometer, einer repräsentativen Umfrage, die seit 25 Jahren durchgeführt wird, gaben 53 Prozent der Befragten an, das Leid der Polen finde in Deutschland nicht genug Anerkennung. Nur 18 Prozent waren der Meinung, die Deutschen hätten genug getan.
Deutsche Privatspender unterstützen den Opferfonds
Jakub Deka, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" glaubt, dass der Appell der Opferverbände die deutsche Zivilgesellschaft mobilisiert. Nach einem ersten Aufruf im Mai 2026, der an die Bundesregierung gerichtet war, meldeten sich mehrere hundert Deutsche mit Spenden zwischen 50 und mehrere hundert Euro. Insgesamt sind bisher mehr als 35.000 Euro auf das Konto der Stiftung eingegangen. Aus diesem Topf haben bereits mehrere Hilfsbedürftige eine einmalige Unterstützung bekommen. "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber auch das hilft", sagt Deka der DW.
Der Stiftungschef zitiert als Mahnung Jerzy Tarasiewicz, der jahrelang den Opferverband in Danzig leitete. Der sagte im Januar 2026 in einem Interview für die Tageszeitung Gazeta Wyborcza: "Sie [die Deutschen; And.d.Red.] warten darauf, dass wir sterben." Ende September ist er tatsächlich gestorben, ohne die "humanitäre Geste" zu erleben. Deka sagt dazu: "Es ist eine schmerzliche Bestätigung dessen, dass die Opfer nicht länger warten können."
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