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Wednesday, October 7, 2026

Jüdischer Alltag in Deutschland: Leben mit Sicherheitsvorkehrungen

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Gäste haben sich zur Wiedereröffnung der Dresdner Synagoge zusammengefunden.

Stand: 07.10.2026 • 10:17 Uhr

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 hat sich Bedrohungslage für Jüdinnen und Juden in Deutschland weiter verschärft. Hinter Anschlagsplänen hierzulande stecken mutmaßlich auch iranische Netzwerke.

Von Joseph Röhmel und Sabina Wolf, BR

Ein Anruf verändert das Leben von Robby Rajber. Der ehemalige Präsident des jüdischen Sportvereins Makkabi München erfährt 2024 von der Polizei, dass er unter Schutz gestellt wird. Ermittler befürchten einen Anschlag auf ihn. Monatelang wird er von bewaffneten Personenschützern begleitet. "Ich habe nichts gemacht, außer dass ich Jude bin", sagt Rajber im BR-Interview.

Der Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Jüdinnen und Juden in Deutschland seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 erleben.

Das Leben für Jüdinnen und Juden nach dem 7. Oktober

Terroristen der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen töteten heute vor drei Jahren rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 als Geiseln in den Gazastreifen. Zwar standen Synagogen, Schulen und Kindergärten in Deutschland schon zuvor unter Polizeischutz. Doch seit dem Terrorangriff hat sich die Bedrohungslage weiter verschärft. Gefahren gehen unter anderem von islamistischen und rechtsextremistischen Akteuren sowie Teilen des links-antiimperialistischen Spektrums aus. Hinzu kommen mutmaßlich vom Iran gesteuerte Anschlagsplanungen gegen jüdische und pro-israelische Einrichtungen und Personen.

Antisemitische Vorfälle haben deutlich zugenommen, prominente Jüdinnen und Juden erhalten Drohungen, Sicherheitsmaßnahmen werden ausgeweitet. Allein 2025 dokumentierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle.

Vom Einzelfall zum Muster

Der Mann, vor dem Rajber geschützt wurde, heißt Abdelkrim S. Er soll jüdische Einrichtungen und Privatpersonen in München und Berlin ausgespäht haben. Nach BR-Informationen vermuten deutsche Sicherheitsbehörden Verbindungen zu einer Terrorzelle mit Iran-Bezug. Rajber äußert sich erstmals ausführlich öffentlich zu seinem Fall - nach BR-Recherchen als erster Betroffener aus der jüdischen Community in Deutschland, der mutmaßlich von einem Netzwerk mit Iran-Verbindungen ins Visier genommen wurde.

Abdelkrim S. befindet sich in Frankreich. Dort wird gegen ihn wegen des Verdachts ermittelt, an Anschlagsplanungen gegen jüdische und israelische Ziele in Frankreich und Deutschland beteiligt gewesen zu sein, die im Auftrag des Iran erfolgt sein sollen. Laut der Nachrichtenagentur AFP und dem französischen Online-Medium Mediapart weist S. die Vorwürfe zurück. Bis zu einer möglichen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Einsatz von Low-Level-Agenten

Für Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik folgt das einem bekannten Muster. Seit Jahren setzten die iranischen Revolutionsgarden bei Anschlagsplanungen zunehmend auf Kriminelle statt auf eigene Agenten. Das senke das Risiko für die Auftraggeber. Die Rekrutierung von Kriminellen, die oft nur gegen Bezahlung handeln, ermögliche Anschlagsplanungen mit größerer Distanz zu den eigentlichen Auftraggebern, diese Vorgehensweise werde seit Jahren professionalisiert.

Experte Steinberg: Iran sucht Vergeltung

Hinter vielen aktuellen Bedrohungen stecke ein strategisches Motiv, so Steinberg: Iran wolle Vergeltung für israelische Angriffe auf Iraner und die Terrororganisation Hisbollah im Libanon üben. Weil hochrangige israelische Ziele schwer zu erreichen seien, gerieten stattdessen jüdische Einrichtungen und bekannte jüdische Persönlichkeiten weltweit verstärkt ins Visier.

Auch in Deutschland gibt es dafür konkrete Anhaltspunkte. Nach dem Sprengstoffanschlag auf das israelische Restaurant "Eclipse" in München verdichteten sich die Hinweise auf einen Zusammenhang mit einer europaweiten Anschlagsserie pro-iranischer Extremisten. Im Fokus stehen dabei auch Vertreter deutsch-israelischer Organisationen: Nach Angaben des Generalbundesanwalts soll es 2025 Anschlagsplanungen gegen den Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, und weitere Ziele in Berlin gegeben haben.

Bedrohung zeigt sich auf unterschiedliche Weise

Wie unterschiedlich sich die Bedrohung jüdischen Lebens inzwischen zeigt, lässt sich auch abseits mutmaßlich iranisch gesteuerter Anschlagsplanungen beobachten. Gerade erst erhielt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, eine Todesdrohung. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen.

Auch im Netz werden Jüdinnen und Juden offen bedroht. In Foren und Netzwerken aus dem Umfeld der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) finden sich antisemitische Gewaltaufrufe. Auf einem Bild, das nach BR-Recherchen auf einer Website des IS dort verbreitet wurde, ist ein Messer zu sehen. Daneben steht auf Englisch: "Kill the Jews" - "Tötet die Juden".

Vorsicht wird zum Alltag

Die Bedrohung durch Extremisten hat dazu geführt, dass erhöhte Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen vielerorts zum Alltag gehören. Zugleich sind auch viele Jüdinnen und Juden in Deutschland und anderen Teilen Europas persönlich vorsichtiger geworden.

Gady Gronich, Geschäftsführer der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) mit Sitz in München, kontrolliert inzwischen regelmäßig sein Auto, bevor er einsteigt, obgleich es in Bayern im Vergleich zu anderen Orten in Deutschland oder Europa noch vergleichsweise sicher sei, sagt Gronich. So wurden etwa im Sommer 2025 in Brüssel Fotos und Namen von jüdischen Bürgern öffentlich plakatiert. Auch physische Angriffe auf Juden verzeichnen Strafverfolgungsbehörden in Europa.

Und Robby Rajber? Er steht inzwischen nicht mehr unter Personenschutz, doch seit der massiven Bedrohung schaut er sich über die Schulter, wenn er unterwegs ist. Verstecken will er sich dennoch nicht. Er trägt weiter Kippa, zeigt seine jüdische Identität offen und geht mit einer Lederhose aufs Oktoberfest, auf der die bayerische und die israelische Fahne zu sehen sind. Wenn er als Jude, Münchner und Bayer nicht mehr frei leben könne, dann gehe er.

Auch Gady Gronich warnt: "Antisemitismus ist nicht nur eine Gefahr für Jüdinnen und Juden, sondern für uns alle und unsere Demokratie." Vielleicht, sagt der Geschäftsführer der Europäischen Rabbinerkonferenz, könne der gemeinsame Einsatz dagegen die Gesellschaft ein Stück näher zusammenbringen.

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