Retter finden nach Zugunglück in Spanien weiteres Opfer
Nach dem schweren Zugunglück in Spanien dauern die Bergungsarbeiten an. Mit Hilfe dreier großer Kräne suchten Rettungsteams auch in der Nacht zu Donnerstag nach möglichen Opfern in den zerstörten Waggons. Dabei sei ein Leichnam gefunden worden, teilte der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, mit. Die Einsatzkräfte schlossen nicht aus, dass sich weitere Menschen in den Wracks befinden. Die Zahl der Toten wird inzwischen mit 69 angegeben. Es gab mehr als 100 Verletzte.
Eine Schule im Dorf Urda nahe dem Unfallort diente als Anlaufstelle für Menschen, die nach Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen suchten. Mitarbeiter des Roten Kreuzes boten Unterstützung an. In der Hauptstadt Madrid sowie in Toledo, Córdoba und Sevilla richtete die Polizei Anlaufstellen ein, wo Familienmitglieder DNA-Proben abgeben können, um bei der Identifizierung der Toten zu helfen.
Dreitägige Staatstrauer
Ministerpräsident Pedro Sánchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus und versprach umfassende Aufklärung. "Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen", sagte er an der Unglücksstelle in der Provinz Toledo, rund 130 Kilometer südlich von Madrid.

"Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei schwere Unglücke mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleben", betonte der Regierungschef mit Blick auf den schweren Zugunfall von Adamuz in Andalusien, bei dem im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Sollten sich Fehler im Sicherungssystem zeigen, werde man mit aller Konsequenz reagieren.
Sánchez steht auch deshalb unter Druck, weil er einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl von der konservativen und rechtspopulistischen Opposition für das Unglück verantwortlich gemacht wird. "Korruption tötet", die linke Regierung sei kriminell, sagte etwa der Chef der aufstrebenden rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal.
Ausfall des Sicherungssystems
Laut Verkehrsminister Óscar Puente ist der verheerende Zusammenstoß auf eine "unerklärliche" und "falsche" Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Nach bisherigen Erkenntnissen war in dem betroffenen Gebiet der Region Kastilien-La Mancha das automatische Sicherungssystem ausgefallen. Mehrere Hochgeschwindigkeitszüge auf dem betroffenen 63 Kilometer langen Streckenabschnitt wurden gestoppt, bis das manuelle Kontrollsystem aktiviert wurde.

Danach habe ein Mitarbeiter des Schienennetzbetreibers Adif in der Leitstelle in Madrid einem Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe die Weiterfahrt gestattet, obwohl ein Zug des privaten Anbieters Iryo noch auf der Strecke gestanden habe, so Puente. In der fahrenden Bahn saßen 397 Passagiere, im wartenden Zug 147.
17 Minuten bis zum Aufprall
Warum der Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen. In jenem Augenblick betrug der Abstand zwischen beiden Hochgeschwindigkeitszügen rund 25 Kilometer - eine Strecke, die die Renfe-Bahn in 17 Minuten zurücklegte. Beamte der Polizei und der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) befragten bereits den Mitarbeiter.
Die AITAT hält es nach eigenen Angaben für "viel zu früh", Hypothesen zu den Ursachen des Zusammenstoßes aufzustellen. Ob tatsächlich menschliches Versagen vorlag, müssten die Experten klären, sagte auch Verkehrsminister Puente. Laut übereinstimmenden Berichten spanischer Medien legt der mitgeschnittene Funkverkehr zwischen der Leitstelle in Madrid und den beiden Lokführern zumindest Fehlentscheidungen der Betriebszentrale nahe.

Das auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte Zugsicherungssystem kommt aus Deutschland. Es trägt den Namen LZB (für: linienförmige Zugbeeinflussung), überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Bahnen und übermittelt dem Lokführer Fahranweisungen direkt ins Führerhaus. Überschreitet ein Zug die zulässige Geschwindigkeit oder missachtet er andere Vorgaben, kann das System automatisch bremsen. Bei einer größeren Störung übernimmt jedoch die Leitstelle weitgehend die Kontrolle.
Die spanische Eisenbahngewerkschaft Sindicato Ferroviario kritisiert den Zustand des Bahnnetzes schon seit längerem. Die Lokführergewerkschaft SEMAF hält an einem für heute angekündigten Streik fest. Auch sie fordert Verbesserungen bei der Sicherheit. Der Ausstand war bereits Mitte Oktober, also vor dem Unfall, angekündigt worden.
Ausschreitungen bei Protest
Während viele Menschen am Mittwochabend landesweit mit einer Schweigeminute der Opfer gedachten, gab es in Madrid Ausschreitungen am Rande einer Protestkundgebung, zu der rechtsextreme Gruppen aufgerufen hatten. Demonstranten und Polizisten hätten sich eine Auseinandersetzung geliefert, berichtet der Fernsehsender TVE.

An der Katastrophe im Januar bei Adamuz in Andalusien - also auf derselben Trasse - war ebenfalls je ein Zug der Gesellschaften Renfe und Iryo beteiligt. Der Iryo-Zug entgleiste und stieß mit der entgegenkommenden Renfe-Bahn zusammen. Ministerpräsident Sánchez hatte den Gewerkschaften damals zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Maßnahmen im Bahnnetz zugesagt, darunter Mittel für die Wartung im Zeitraum 2026 bis 2030.
Zwar hat Spanien in den vergangenen Jahren massiv in den Ausbau seines Hochgeschwindigkeitsnetzes investiert. Zahlen der EU-Kommission belegen indes, dass die Ausgaben für Instandhaltung hinter denen anderer großer europäischer Länder zurückbleiben. Von den durchschnittlich 1,5 Milliarden Euro, die jährlich zwischen 2018 und 2022 investiert wurden, flossen nur etwa 16 Prozent in Wartung, Erneuerung und Modernisierung. Mit rund 4000 Kilometern Strecke hat Spanien nach China das zweitgrößte Hochgeschwindigkeits-Bahnnetz der Welt.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.