Afrobeat-Compilation „Nigeria 80“: Rhythmusgetriebene Tiefenbohrung

Wie vielfältig klang westafrikanische Musik im Disco- und Rapzeitalter? Das ergründet die hervorragend zusammengestellte Compilation „Nigeria 80“.
Afrobeat ist inzwischen ein Sound, der weltweit auf den Bühnen und in den Clubs zu Hause ist. Ursprünglich entstand der Stil Ende der 1960er Jahre in Nigeria und wurde maßgeblich geprägt von Stars wie Fela Kuti. Gegenwärtig gibt es Afrobeat-Bands etwa in den USA, Großbritannien, Brasilien, Japan und Deutschland, wobei man diese nicht mit dem um elektronische Elemente erweiterten westafrikanischen Pop-Phänomen Afrobeats von etwa Burna Boy verwechseln sollte.
Die Grundlagen für die Popularisierung des schlagzeuggetriebenen Genres Afrobeat lieferte 2001 die bahnbrechende Compilation „Nigeria 70 (The Definitive Story of 1970’s Funky Lagos)“, veröffentlicht vom britischen Label Strut. Nun, ein Vierteljahrhundert später, ist an gleicher Stelle „Nigeria 80“ erschienen, ein würdiger Nachfolger!
Weil sich das Tripplealbum „Nigeria 70“ damals nicht allein auf die Werke von Fela Kuti konzentrierte, sondern die Perspektive auf ProtagonistInnen wie Segun Bucknor, Joni Haalstrup und die Lijadu Sisters erweiterte, stellte die Compilation die künstlerische Vielfalt von Rhythmen und Grooves im Nigeria des goldenen Afrobeat-Zeitalters dar.
Nigeria 80
Verschiedene: „Nigeria 80“ (Strut/K7!/Indigo)
Die Mutation der Beats
Weitere Anthologien, zusammengestellt von Strut, aber auch von britischen Reissue-Spezialisten wie Soul Jazz und vor allem Soundway haben das reiche musikalische Erbe des westafrikanischen Landes inzwischen weiter erschlossen. Mit der hervorragenden Sammlung „Doin it in Lagos“ (2016) liegt ein erster Überblick über die Mutation von Afrobeat in den 1980er Jahren Richtung Disco und Boogie schon seit einiger Zeit vor.
Neuland betritt Strut mit „Nigeria 80“ diesmal also nicht. Ein flüchtiger Blick auf die Titelliste zeigt, dass wesentliche Namen für die Internationalisierung nigerianischer Musik fehlen. Ebenezer Obey und King Sunny Ade veröffentlichten damals bereits Werke in Europa und den USA und trugen regionale Stile wie Juju in die Welt. Nach Bob Marleys Tod wollte sein britisches Label Island King Sunny Ade zum neuen Weltstar aus dem Trikont aufbauen. Im Rahmen der ARD-TV-Sendung „Rockpalast“ trat der Künstler 1983 in Essen auf. Das dynamische zweistündige Konzert findet sich zum Glück auf Youtube.
Da Strut Expertise bei musikalischen Tiefenbohrungen hat, enthält auch „Nigeria 80“ wieder jede Menge hochkarätige Beat-Nuggets. Musikarchäologe Duncan Brooker hat elf Stücke hervorgeholt, die sich nicht so sehr auf einen Stil konzentrieren, sondern ausschnitthaft die musikalische Bandbreite der 1980er Jahre deutlich werden lassen.
Da gibt es Highlife und Disco-Funk. Die Bedeutung von politischem Rootsreggae spiegelt sich in „The World“ (1988) der Sängerin und Produzentin Evi-Edna Ogholi wider, deren Biografie beispielhaft auch für den steigenden Einfluss von Frauen im Musikgeschäft steht.
Wo Rap auf fruchtbaren Boden fiel
Mit „Yo-Pop Music“ schuf Segun Adewale 1983 einen eigenen Musikstil aus der Vermischung von Juju, Reggae und Jazz. Das Stück „Advice / Oge Chi Kamna“ (1985) von I. C. Rock zeigt, dass bereits Mitte der 1980er Rap in Nigeria auf fruchtbaren Boden fiel. Und das Gewicht von Fela Kutis majestätischem Afrobeat manifestiert sich in dem Lied „Se Rere“ von Lekan Animashaun, dem langjährigen Baritonsaxofonisten von Kuti.
Ursprünglich um 1980 aufgenommen, kam es erst 1995 auf dem Label Kalakuta seines Bandleaders heraus. Informative Linernotes des britischen Autors Francis Gooding (The Wire) ordnen die Musik vor dem politischen und wirtschaftlichen Hintergrund der Zeit ein. Alles in allem ist „Nigeria 80“ eine Zusammenstellung mit interessanter Musik, die einen guten Überblick verschafft, wenngleich nicht so grundlegend wie sein Vorgänger.
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