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Sunday, October 4, 2026

«Ich verzockte 30’000 Franken beim Daytrading an der Börse»

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  • Beim Daytrading versuchen Menschen, ihr Geld an der Börse mit kurzfristigen Trades zu vermehren.
  • Es winken grosse Gewinne und ebenso grosse Verluste, weshalb Experten das Daytrading teils mit dem Spielen im Casino vergleichen.
  • Drei Männer erzählen 20 Minuten von ihren Erfahrungen.

Der Traum vom schnellen Geld fasziniert. Auf Social Media gibt es unzählige Accounts, die teils seriös, teils mit fragwürdigen Methoden Menschen davon überzeugen wollen, dass ihr Weg zur finanziellen Freiheit im Trading liegt. 20 Minuten hat mit drei Männern gesprochen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Börsengeschäften gemacht haben.

Mike: Erst hohe Gewinne, dann zweimal alles verloren

Während der Corona-Pandemie stiess Mike (26) auf Insta auf Menschen, die mit schnellem Erfolg beim Trading warben. «Ich wusste, dass viele Modelle darauf beruhen, neue Mitglieder anzuwerben, klassische Schneeballsysteme. Doch die Börse reizte mich, also investierte ich 590 Franken in einen Trading-Kurs.»

Erst setzte Mike auf Forex-Trading, setzte also auf Währungskurse. Schnell wandte er sich Gold zu.

Erst setzte Mike auf Forex-Trading, setzte also auf Währungskurse. Schnell wandte er sich Gold zu.privat

Nach rund zwei Monaten setzte Mike sein erstes Geld ein, 200 Franken. «Ich war noch in der Lehre und wollte nicht gleich tausende Franken reinbuttern.» Er begann damit, auf Währungskurse zu setzen, wechselte aber schnell zu Gold. «Ich hatte mich zuvor viel mit Chartanalyse, Indikatoren, Fibonacci und vielem mehr auseinandergesetzt. Am Anfang lief es gut, also zahlte ich noch einmal 5000 Franken ein.» Teilweise handelte Mike mit einem Hebel von 1:500 (Begriffserklärungen siehe unten). Seine Positionen hielt er meist nur 20 bis 30 Sekunden, platzierte dafür bis zu zehn Trades pro Tag.

Trading: die wichtigsten Begriffe

Zunächst war Mike erfolgreich. «Ich hatte ein klares Risikomanagement und tradete diszipliniert.» In seinem besten Monat realisierte er nach eigenen Angaben rund 20’000 Franken Gewinn. «Das war aber die Ausnahme. Es ging immer rauf und runter. Einen Monat machst du richtig viel Profit – und dann ist in einer Nacht alles weg.»

30’000 Franken weg in einem Trade

Genau das passierte Mike mit einer Goldposition, die er an einem Freitagabend nicht mehr rechtzeitig schloss. Am Montagmorgen schoss der Goldpreis infolge des Ausbruchs des Ukrainekriegs direkt in die Höhe. Mike hatte auf einen fallenden Goldpreis gesetzt und verlor so rund 30’000 Franken – alles, was er auf dem Tradingkonto hatte, darunter auch alle bisherigen Gewinne. «Dann sitzt du da, starrst auf deinen Bildschirm und fällst in ein Loch. Du hinterfragst dich, ärgerst dich, sagst dir, hätte ich doch nur wieder den Stop-Loss angepasst, hätte ich die Position doch rechtzeitig geschlossen, dann wäre das alles nicht passiert.»

Dann folgte der schwierige Teil: aufzuhören. «Die Verlockung, genau dann weiterzumachen, ist riesig. Du willst das Geld wieder reinholen, willst mehr investieren, mehr Risiko eingehen.» Mike beherrschte sich aber, hörte für ein Jahr ganz mit Trading auf. «Bis dahin hatte ich nur Geld investiert, das ich nicht unbedingt brauchte, und vor allem all meine Gewinne wieder verspielt. Aber ich wusste: Wenn ich mich jetzt von Emotionen leiten lasse und weitermache, verliere ich womöglich noch viel mehr.»

«Vernachlässigte Sport und mein soziales Umfeld»

Ein Jahr später trieb ihn erneut die Langeweile ins Trading: «In vier Monaten investierte ich etwa 20’000 Franken.» Dieses Mal war es ein Entscheid der US-Notenbank, der Mike erwischte: «Nach ähnlichem Muster verlor ich innerhalb weniger Augenblicke alles.»

Am Ende verlor Mike insgesamt rund 30’000 Franken seines Gelds sowie all seine zeitweisen Gewinne. «Ganz genau kann ich es nicht mehr sagen, man verliert irgendwann den Überblick.» Deshalb sei nun endgültig Schluss, sagt Mike. «Mir geht es finanziell immer noch gut. Trotzdem will ich die Finger davon lassen. Und wenn ich meinem jüngeren Ich einen Tipp geben könnte, wäre der: Lass die Finger davon, gehe arbeiten und verdiene ehrliches Geld.»

Denn rückblickend habe er nicht nur Geld verloren, das Trading habe ihn zeitweise auch verändert: «Ich bin sehr sportlich und habe ein grosses soziales Umfeld. Beides habe ich zeitweise vernachlässigt, weil ich dauernd auf Kurse starrte.»

Roman (31): «Bin profitabel, werde damit aber nicht reich»

Roman (31) begann vor rund sieben Jahren gemeinsam mit Freunden zu traden. «Einer erzählte davon, und wir fanden: Komm, probieren wir es.» Sie luden eine Trading-App herunter und zahlten je 500 Franken ein. Ohne grosse Kenntnisse kauften sie gehebelte Kryptowährungen. «Das Konto stieg schnell auf 800 Franken und fiel dann genauso schnell wieder auf 200. Wir sagten uns: Eigentlich hätten wir auch ins Casino gehen können. Es ging mehr ums Gamblen.»

Roman begann, sich mit Youtube-Videos zu informieren und auf einem Demokonto mit fiktivem Geld zu üben. Weil ihm Kryptowährungen zu unberechenbar erschienen, wechselte er weitgehend zu Aktien und Devisen. «Krypto kann extrem schwanken. Wenn Elon Musk etwas sagt, springt der Kurs. Das Risiko war mir zu gross.»

«Kaufe nicht mehr einfach, damit ich etwas gemacht habe»

Heute arbeitet Roman Vollzeit im Hochbau und betreibt das Trading nebenbei. Er schaut zwar täglich auf die Kurse, handelt aber nicht jeden Tag. Meist verbringt er ungefähr eine Stunde pro Tag auf der Plattform und macht drei bis zehn Trades. An freien Tagen können es deutlich mehr sein.

«Das Geld, das du einzahlst, muss für dich bereits abgeschrieben sein. Wenn es weg ist, darf dein Leben dadurch nicht eingeschränkt werden.»

Roman (31), Daytrader

Roman setzt nach eigenen Angaben nur kleine Beträge ein und empfiehlt höchstens einen Hebel von 1 zu 5. «Das Geld, das du einzahlst, muss für dich bereits abgeschrieben sein. Wenn es weg ist, darf dein normales Leben dadurch nicht eingeschränkt werden.» Gewinne lässt er sich regelmässig auszahlen. Dennoch verlor er einmal innerhalb einer Nacht rund 4000 Franken, als der Bitcoin-Kurs stark einbrach. «Natürlich hat mich das geärgert. Das wären schöne Ferien gewesen. Aber es war Spielgeld.»

Seine Bilanz kennt Roman nicht auf den Franken genau. Mit kurzfristigen Kryptogeschäften habe er ungefähr 4500 Franken verloren, mit Aktien und Devisen dagegen rund 10’000 Franken gewonnen. «Es gibt einen Monat mit 1000 Franken Plus und danach wieder einen mit 800 Franken Minus. Ich werde damit auf keinen Fall reich und jeder, der behauptet, nie Verlust zu machen, lügt.»

Wichtig sei, nicht in einen Tunnel zu geraten und offen über Gewinne und Verluste zu sprechen. «Sobald es emotional wird, stoppen meine Freunde und ich uns gegenseitig. Dann schläfst du eine Nacht darüber.» Trotz der Risiken würde Roman wieder mit dem Trading beginnen: «Früher suchten wir den Kick im Casino. Später haben wir getradet und uns darüber ausgetauscht. So hat es auch etwas Soziales und ich bin mit meinem Trading-Verhalten derzeit zufrieden.»

Markus* (41): «Ich verspielte meinen Lehrlingslohn an der Börse»

Markus entdeckte das Trading während seiner Banklehre. Bei einem Börsenspiel mit fiktivem Geld für die Lernenden erreichte er einen Podestplatz – und fühlte sich bestätigt. «Danach war ich angefressen. Dabei ist das Traden mit Spielgeld etwas ganz anderes, weil die Emotionen fehlen.»

«Am 25. kam der Lohn, dann habe ich Vollgas gehandelt. Mal ging es auf, mal nicht.»

Markus (41), Daytrader

Mit echtem Geld folgte die Ernüchterung. Markus setzte auf riskante Knock-out-Produkte und verlor teilweise seinen gesamten Lehrlingslohn. «Am 25. kam der Lohn, dann habe ich Vollgas gehandelt. Manchmal ging es auf, manchmal nicht», sagt er rückblickend. Mit der Zeit setzte er kleinere Beträge ein und begann, konsequent bei kleinen Verlusten auszusteigen und kleine Gewinne mitzunehmen.

Seit rund sieben Jahren handelt Markus wieder intensiv, ausschliesslich an den US-Märkten. Am Morgen legt er Kursalarme fest und beobachtet, wo sich Stärke oder Schwäche zeigt. Kurz vor der amerikanischen Börseneröffnung um 15.30 Uhr setzt er sich an den Computer und tradet: «Dann beginnt mein Arbeitstag.»

Das Trading verschaffe ihm ein Gefühl, das er sonst nie erlebt habe. «Wenn ich einen Trade nach meinen Regeln eröffne und er aufgeht, komme ich in einen unglaublichen Flow.» Die Kehrseite sei hart: «Wenn es nicht läuft und ich Geld verliere, fühlt es sich fast wie der Trennungsschmerz nach einer Partnerschaft an.»

Markus feierte laut eigenen Angaben grosse Erfolge. 2024 habe ihm ein Trade innerhalb einer Stunde eine Rendite von mehr als 2000 Prozent gebracht. Hin und wieder gelinge es ihm, mit einem einzigen Trade eine mittlere fünfstellige Summe zu verdienen. Er warnt aber davor, solche Ausreisser mit dauerhaftem Erfolg zu verwechseln. «Nur weil das einmal passiert, hast du es nicht geschafft.» Auf der anderen Seite habe es auch Trades gegeben, bei denen er viel Geld verloren habe.

«Hätte als Angestellter bei einer Investmentbank mehr verdient. Doch Trading gibt mir ein Gefühl, das ich sonst nirgends erlebt habe.»

Markus (41), Daytrader

Über die gesamte Zeit hätte er als Angestellter bei einer Investmentbank nach eigener Einschätzung mehr verdient. «Die Löhne da sind schliesslich sehr gut.» Dazu kamen lange Durststrecken und zeitweise soziale Isolation. «Beim Trading fängst du jeden Monat wieder bei null an. Es ist pickelhart.»

Aufhören will der 41-Jährige trotzdem nicht: «Ich möchte bis ans Lebensende an den Finanzmärkten teilnehmen.» Seinem jüngeren Ich würde er allerdings nicht zum Daytrading raten: «Kauf einfach Aktien.» Heute schätzt er am Daytrading, dass am Abend alle Positionen geschlossen sind. «So kann ich ruhiger schlafen oder auch einmal an einen Anlass am Abend im Wissen darum, dass ich nichts gewinnen oder verlieren kann. Wenn du ständig aufs Handy schauen musst, macht dich das über Jahre fertig.»

Was hältst du von Daytrading?

Daniel Graf

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

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