Doppelmord mit Beil: Warum weibliche Täterinnen so faszinieren

- Die neue, vierte Staffel von Netflix' «Monster» rückt erstmals eine Frau ins Zentrum: den bis heute ungeklärten Fall Lizzie Borden.
- Forensische Experten erklären, weshalb weibliche Gewalt das gesellschaftliche Weltbild besonders erschüttert.
- Täterinnen werden laut Kriminologin Ineke Pruin teils milder beurteilt – bei besonders verstörenden Taten kann dieser «Frauenbonus» aber ins Gegenteil kippen.
Sie soll ihren Vater und ihre Stiefmutter mit einer Axt getötet haben, ein Gericht sprach sie frei: Der Fall Lizzie Borden fasziniert seit 134 Jahren. Nach Jeffrey Dahmer, den Menendez-Brüdern und Ed Gein rückt die neue Staffel von Ryan Murphys Erfolgsserie «Monster» zum ersten Mal eine Frau ins Zentrum. Auch diese Staffel nimmt sich grosse Freiheiten: Sie vermischt historische Figuren mit Fiktion und setzt auf blutige Gewaltszenen und Schockmomente.
Der Fall Lizzie Borden
Auch zwei weitere berühmt-berüchtigte Frauen treten in der Serie auf: die ungarische Adlige Elisabeth Báthory, der im 16. Jahrhundert vorgeworfen wurde, junge Frauen gefoltert und getötet zu haben, sowie die US-amerikanische Sexarbeiterin Aileen Wuornos. Sie erschoss zwischen 1989 und 1990 in Florida sieben Männer, wurde für sechs Morde verurteilt und 2002 hingerichtet. Die Serie verknüpft die drei Frauen über erlittenes Unrecht wie Misshandlung, Vernachlässigung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Ob Borden die Tat tatsächlich beging, ist bis heute ungeklärt. Die Serie lässt daran hingegen kaum Zweifel und zeigt die Morde als Ausdruck von «female rage», also weiblicher Wut. Doch warum faszinieren weibliche Täterinnen so sehr? Und begegnen wir ihnen tatsächlich mit mehr Verständnis und Wohlwollen als männlichen Tätern?
Milder beurteilt – oder besonders hart verurteilt?
Frauen werde grundsätzlich weniger zugetraut, das gelte auch für Kriminalität, sagt der forensische Psychologe Jérôme Endrass. Bei schweren Delikten könne das dazu führen, dass Gewalt von Frauen weniger ernst genommen oder seltener angezeigt werde, etwa bei sexualisierten Übergriffen. Doch die unterschiedliche Wahrnehmung beruhe nicht nur auf Klischees: «Studien zeigen, dass Täterinnen im Vergleich zu Tätern häufiger selbst Opfer von Straftaten geworden und davon meist stärker belastet sind. Zudem werden sie seltener rückfällig.» Das könne die Wahrnehmung tatsächlich beeinflussen, sagt Endrass.
Die Kriminologin Ineke Pruin spricht von einem möglichen «Frauenbonus». In vergleichbaren Fällen werde Frauen seltener Vorsatz oder schwere Gewalt zugeschrieben. Entsprechend fielen die Strafen teilweise milder aus. «Wenn Frauen Gewalt ausüben, denkt man zuerst eher an einen Unfall. Sie werden auch deutlich öfter wegen fahrlässiger statt vorsätzlicher Delikte verurteilt», sagt Pruin. Auch im Prozess gegen Lizzie Borden spielten solche Vorstellungen eine Rolle: Dass eine Frau zu einer derart brutalen Tat fähig sein könnte, galt vielen Zeitgenossen als kaum vorstellbar.
Der «Bonus» könne jedoch schnell in einen «Frauenmalus» kippen: Breche eine Täterin besonders deutlich mit dem Bild der fürsorglichen, gewaltlosen Frau, insbesondere bei Kindstötungen, sei die Reaktion oft umso härter. «Dann wird sie schnell als Teufel dargestellt», sagt Pruin. Gewalt von Frauen widerspreche dem vertrauten Weltbild. «Was selten ist, zieht Aufmerksamkeit auf sich», sagt Pruin. Gerade deshalb fasziniere weibliche Gewalt so sehr. Geschehe sie dann auch noch im engsten Umfeld, gegen Partner, Kinder oder pflegebedürftige Angehörige, werde sie als besonders verstörend wahrgenommen.
True-Crime-Formate können Gewaltfantasien verstärken
True-Crime-Formate, aber auch Filme oder Serien wie «Monster» verstärkten eine verzerrte Wahrnehmung von Kriminalität, sagen beide Fachleute. Sie zeigten fast ausschliesslich spektakuläre Einzelfälle und zeichneten Täterinnen damit vor allem als Monster oder als Opfer. «Bei vorbelasteten Menschen können solche Formate Gewaltfantasien verstärken», sagt Endrass.
Dabei sehe weibliche Kriminalität meist ganz anders aus, sagt Pruin: Delikte wie Betrug, Ladendiebstahl oder Beschimpfungen seien wesentlich typischer als die dramatischen Gewalttaten, die in True-Crime-Formaten erzählt würden. Auch die Forschung trage zu den Wissenslücken bei: Die Kriminologie sei noch immer stark auf männliche Täter ausgerichtet, über weibliche Kriminalität wisse man deshalb deutlich weniger.
Pruin warnt ausserdem davor, aus einer belastenden Biografie eine Entschuldigung zu machen: «Täterinnen haben oft selbst massive Gewalt erlebt, sie können aber dennoch bewusst handeln. Verstehen und Einordnen heisst nicht, Verantwortung aufzuheben.»
Welche Art von True-Crime-Fall zieht dich am ehesten an?
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
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