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Sunday, October 11, 2026

Comic über fragile Männlichkeit: Harte Kerle - und solche, die es sein wollen

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Comic über fragile MännlichkeitHarte Kerle - und solche, die es sein wollen

11.10.2026, 12:11 Uhr MarkusVon Markus Lippold

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Starke Männer? Politiker setzen immer wieder auf die Darstellung von Männlichkeit statt auf Inhalte. (Foto: Meikel Mathias / Avant-Verlag 2026)

Von Alexander dem Großen bis Donald Trump: Bilder von Männlichkeit gab es in der Geschichte viele. Oft genug sind sie mehr Schein als Sein. Fakt aber ist, dass autoritäres Verhalten derzeit ein Comeback erlebt. "Strong Men" von Meikel Mathias sucht nach den Gründen.

"Wann ist ein Mann ein Mann?", sang einst Herbert Grönemeyer. Mehr als 40 Jahre später ist die Frage weiterhin aktuell. Vielleicht ist sie sogar aktueller denn je. Doch schon Grönemeyer verweigerte eine klare Antwort. Er ging vielmehr mehrdeutig und ironisch mit den Eigenheiten seines eigenen Geschlechts um: "Außen hart und innen ganz weich". Es wurde sein erster großer Hit.

Heute erlebt Männlichkeit - oder besser: das, was einige dafür halten - ein Comeback. Mal sind es autoritäre Politiker, mal reaktionäre Influencer, mal selbsternannte harte Kerle, die ihren Lebensstil zelebrieren und damit zahlreiche Anhänger finden. Oder betonen sie ihre Geschlechterrolle nur, weil sie mit neuen gesellschaftlichen Realitäten nicht klarkommen? Weil sie verunsichert sind?

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Donald Trump und seine Berater erkannten im Wahlkampf 2016 das Potenzial von verunsicherten Männern - und nutzten es. (Foto: Meikel Mathias / Avant-Verlag 2026)

Meikel Mathias geht dieser Frage in seinem Comic "Strong Men" (Avant, Leseprobe) nach. Er mischt historische Entwicklungen mit popkulturellen Phänomenen, analytische Betrachtungen mit Alltagsbeobachtungen - und illustriert das überaus gekonnt mit anspielungsreichen, ironisch zugespitzten Zeichnungen.

"Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit" steht als Untertitel auf dem Buchcover. Darunter ist eine Figur zu sehen, die unschwer als Donald Trump identifiziert werden kann. Menschen wie der US-Präsident stehen prototypisch für die Zurschaustellung von Dominanz und Härte, für alte Rollenbilder und reaktionäre Denkweisen. Berühmt wurde sein frauenfeindlicher Spruch "Grab 'em by the pussy" im Wahlkampf 2016. Geschadet haben ihm solche Fehltritte nicht. Vielmehr werden bei Trump und Co. politische Inhalte durch die Performance von Männlichkeit ersetzt.

Gegen Feminismus und Gleichberechtigung

Mathias zeigt, wie es Trump und seine Berater verstanden, verunsicherte Männlichkeit zur Mobilisierung einzusetzen. "Gesellschaftlicher Wandel wurde als Verfall inszeniert und Männlichkeit als Mittel zur natürlichen Ordnung erklärt", heißt es im Buch. Trump zog eine Wählerschicht an, die ihm bis heute vielfach die Treue hält. Dazu zählt die sogenannte Manosphere, die aus Blogs, Podcasts und Kanälen in sozialen Netzwerken besteht, in denen gegen Feminismus und Gleichberechtigung gehetzt wird, männliche Stereotype gefeiert und nicht selten Frauen als untergeordnete Objekte betrachtet werden.

"Ich habe schon vor über zehn Jahren beobachtet, wie vor allem auf YouTube und in Foren frauenfeindlicher Content florierte", sagt Mathias im Gespräch mit ntv.de. Danach sammelte er über Jahre O-Töne und Studien zum Thema, aus denen schließlich der Comic entstand. Den Erfolg solcher Inhalte sieht Mathias als Reaktion, "weil in unserer Zeit die Gegenkonzepte von Männlichkeit stärker geworden sind". Ziemlich viele konservative Kräfte würden sich dagegen wehren. "Das Männlichkeitsideal vom stoischen Mann, der keine Schwäche zeigt, ist immer noch sehr stark ausgeprägt", sagt er.

Sein Buch beginnt mit einem historischen Abriss, in dem es um die sogenannte hegemoniale Männlichkeit geht - das Männlichkeitsideal, das innerhalb einer Gesellschaft vorherrscht. "Mir ging es darum, das Prinzip zu zeigen, dass wir Männlichkeit meist als etwas definieren, das kontrolliert, dominiert und erobert. Das gesamte Konzept, was wir als männlich erachten, hat sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende wenig verändert", sagt Mathias im Gespräch. Darum steht auch Alexander der Große im Mittelpunkt, der schon in der Antike ein Männlichkeitsideal schlechthin war und es bis heute ist.

Der große Unterschied zum weiblichen Idealbild sei, dass sich Männlichkeit sehr stark als anti-weiblich definiere, so Mathias. "Alles, was in die Sphäre von Weiblichkeit gehört, wird abgelehnt - zum Beispiel fürsorgliches Verhalten oder das Zeigen von Gefühlen. Andersherum glaube ich, dass sich das Weibliche weniger stark als anti-männlich definiert."

Der Erfolg von Andrew Tate

Wo sich Männer vor allem als anti-weiblich definieren, ist die Verachtung von Frauen nicht weit - und die ist keine Randerscheinung, sondern im Mainstream angekommen. Ausführlich widmet sich Mathias im Buch dem Influencer Andrew Tate, der mit frauenverachtenden und rechtsextremen Sprüchen bekannt wurde, zuletzt aber vor allem mit Festnahmen und Anklagen unter anderem wegen Vergewaltigung und Menschenhandel in den Schlagzeilen war. Mathias zeigt, wie er nicht trotz, sondern wegen seiner Radikalität so viele Anhänger gewinnen konnte und daraus ein Geschäftsfeld machte.

Doch wo liegt die Gemeinsamkeit einer mythisch verklärten Figur wie Alexander dem Großen und einem Mann wie Tate? Für Mathias geht es in beiden Fällen um Männlichkeit, die ständig bestätigt werden müsse. Alexander der Große habe schon als Kind davon geträumt, selbst Eroberer zu sein, wie in den fiktiven Geschichten von Homer. "Diese Orientierung an männlichen Idealen, die gar nicht real sind, zieht sich durch die Geschichte und spielt immer noch eine große Rolle", sagt der Autor und Zeichner, der im Buch viele Beispiele aufzeigt.

Heute bieten die sozialen Netzwerke reichlich Gelegenheit, sich zu präsentieren. Sie haben entscheidenden Anteil am Erfolg der sogenannten Manosphäre. "Männlichkeit ist als Herrschaftsinstrument enorm wichtig", sagt Mathias mit Blick auf Trump. "Dass Leute, die vorher in Randbereichen des Internets gelebt haben, jetzt ins Zentrum der Macht gerückt sind, das wäre ohne soziale Medien nicht möglich gewesen." Er sieht darin ein systematisches Problem, das von der Gesellschaft angegangen werden sollte. Denn Algorithmen bevorzugen ihm zufolge Beiträge, die polarisieren. "Die extremen Stimmen von jeglicher Seite werden nach oben gespült."

Mit Humor gegen den Hass

"Strong Men" zeigt, wie solche extremen Stimmen funktionieren, von welchen Strukturen sie profitieren und was sie anrichten, bis hinein in die Mitte der Gesellschaft. Mathias geht es dabei keinesfalls um Vorwürfe gegen alle Männer oder die Diskreditierung von Männlichkeit. "Man sollte sich nicht jedes Mal persönlich angegriffen fühlen, wenn strukturelle Probleme angesprochen werden", sagt er. Gewalt sei aber weitgehend ein Männerproblem. Damit müssten sich alle Männer auseinandersetzen.

Sein Comic bietet dafür viele Ansätze und sehr viele Beispiele. Leser und Leserinnen müssen dabei nicht jeder Theorie oder jedem Gedankengang folgen, denn ab und zu schweift der Comic mit seinen historischen Diskursen ab. Und klar ist auch, dass nicht jeder Internettrend Auswirkungen auf die Realität von Familienvätern hat. Und doch schafft es Mathias, Strukturen offenzulegen, die heutige Gesellschaften prägen. Denn fragile Männlichkeit ist ein Einfallstor zur Mobilisierung, sei es, um etwas zu verkaufen - oder um politische Macht zu erringen. Zusammengehalten werden diese vielfältigen Aspekte des Buchs von den Zeichnungen, die als zweite Ebene dienen, wenn sie die Darstellungen konterkarieren oder ironisch auf die Spitze treiben. Das ist manchmal sehr schwarzhumorig, aber auch ein gutes Mittel, um mit fragiler Männlichkeit umzugehen.

Übrigens: Mit der Rolle von Frauen in der Geschichte beschäftigt sich ausführlich Ulli Lust in ihrer Sachcomic-Reihe "Die Frau als Mensch", von der mittlerweile zwei Bände bei Reprodukt vorliegen. Angefangen mit der Frühzeit der Menschheit zeigt die österreichische Comiczeichnerin, dass Frauen einen wesentlichen Anteil am Überleben der Spezies Mensch hatten.

Als Heilerinnen, Hebammen oder Schamaninnen nahmen Frauen zentrale Rollen in ihren Gemeinschaften ein. Dieses Bild, dass Lust durch aktuelle Forschungen untermauert, widerspricht eklatant lange vorherrschenden Darstellungen in Kunst, Literatur und Wissenschaft, die einseitig die Rolle von Männern betonten. Der erste Teil der Reihe wurde als erster Comic überhaupt mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Der zweite Band wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert.

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