"Für das Vaterland sterben": Propaganda an Russlands Schulen
Mehrere Schulen in Nowosibirsk, einer Stadt mit 1,6 Millionen Einwohnern im Süden Sibiriens, haben von den Behörden ein Lehrbuch zum Thema Patriotismus erhalten. Dies berichten Schüler aus der Stadt, mit denen die DW unter Wahrung ihrer Anonymität sprechen konnte. Die Autoren des Lehrbuchs rufen die Kinder dazu auf, bereit zu sein, für das Vaterland zu sterben. Sie stellen Homosexualität auf eine Stufe mit Pädophilie und setzen Disney-Zeichentrickfilme mit Pornografie gleich, belehren Frauen darüber, wie sie mit ihren "Reizen" umgehen sollen und bezeichnen Europäer als "Diebe, Mörder und Lügner".
"Für das Volk und das Land sterben"
Das Buch, schreiben seine Autoren, sei als Grundlage für die "Gespräche über Wichtiges" gedacht. Dabei handelt es sich um eine im Jahr 2022 in den Lehrplan aufgenommene Reihe patriotischer Lektionen. Es hat den Titel "Horizont. Grundlagen des nationalen Selbstbewusstseins" und steht nicht auf der offiziellen Liste der für Schulen vorgesehenen Literatur. An den örtlichen Schulen wurde es auf Initiative der Behörden von Nowosibirsk eingeführt. Sein Inhalt spiegelt aber die Politik des Kremls wider, der Propaganda in Bildungseinrichtungen verbreiten will.

Eines der Hauptthemen des Lehrbuchs ist Russlands Krieg gegen die Ukraine. Mehrfach wird darin behauptet, es sei ein Segen, für das Vaterland zu sterben. "Liebe bedeutet immer Aufopferung. Das Opfer eines Vaterlandsverteidigers ist sein Leben", schreibt einer der Autoren. Ein anderer behauptet, einen gewissenhaften Menschen mache die Bereitschaft aus, sein Leben "für Volk und Vaterland" zu geben.
Die umfassende russische Invasion in der Ukraine 2022 wird in dem Buch als "Befreiungskrieg" bezeichnet. Er sei für Russland eine "Strafe für die Zerstückelung" der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre: "Damals wollten wir unser starkes und mächtiges Land nicht verteidigen. Jetzt zahlen wir für unsere feige Unterwürfigkeit mit dem Leben von Männern, Frauen und Kindern."
Russland wird dem Westen entgegengestellt
Die Autoren des Buchs äußern sich zu allen Lebensbereichen und meinen, dass Kinder durch "Computerspiele, Hollywood-Actionstreifen, Pornografie und Disney-Zeichentrickfilme geistig verstümmelt" würden. Sie behaupten durchweg, Russland sei besser als die westlichen Länder. Sogar "russische Volkshelden" würden "das Böse besiegen und dem Nächsten helfen" wollen. Die europäischen Ritter hingegen "sehnen sich nach Heldentaten nur um des Ruhmes willen".

Europäischen Staaten, die in der Vergangenheit Kolonialreiche waren, hätten durch die Eroberung und Unterwerfung neuer Territorien "Mord, Lüge und Raub" zum Gesetz erhoben, so das Buch. Russland hingegen habe angeblich "seine zahlreichen Völker niemals ausgebeutet", sondern lediglich deren Lebensbedingungen verbessert. Dabei wird weder auf die Kultur der indigenen Völker Russlands noch auf irgendwelche Religionen außer dem Christentum und dem "slawischen Heidentum" eingegangen.
Wie nehmen die Schüler das Lehrbuch wahr?
Die Vorstellung, "für das Vaterland zu sterben", ist dem 16-jährigen Ilja (Name geändert) aus einer Schule in Nowosibirsk fremd. Er hat das Buch gelesen. "Es ist ein Beweis dafür, dass das Land mehr Kanonenfutter will", betont er gegenüber der DW und fügt hinzu, dieser Aufruf bedeute in Wirklichkeit, nicht "für das Vaterland", sondern "für die Interessen und Ambitionen des Präsidenten zu sterben".
Vor einigen Jahren begann Ilja, wie er selbst sagt, Videos des 2024 verstorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalny anzusehen - "eher zum Vergnügen als aus irgendeinem anderen Grund". Ilja war durch die Veröffentlichung von Nawalnys Nachforschungen über "Wladimir Putins Palast" auf den Oppositionellen aufmerksam geworden. Als der Krieg gegen die Ukraine losging, dachte Ilja, "dass alles nur vorübergehend ist und alles bald vorbeigeht".

Ilja begann die staatliche Politik entschieden abzulehnen, als die Internetsperren der russischen Behörden gegen die Portale YouTube und Discord kamen, auf denen er häufig unterwegs war. "Aus Trotz" richtete er ein VPN ein, informierte sich über Oppositionelle und las unabhängige Medien. Danach erkannte Ilja nach eigenen Angaben die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges und begann, das Vorgehen der Regierung scharf zu verurteilen.
In den letzten vier Jahren sei staatliche Propaganda zu einem festen Bestandteil des Unterrichts geworden, berichtet der Schüler. "Gespräche über Wichtiges" finden in den Schulen montags in der ersten Stunde statt. Darüber hinaus sind in den Schulen weitere ähnliche Fächer eingeführt worden: "Grundlagen von Sicherheit und Heimatschutz" sowie Unterrichtseinheiten mit dem Titel "Russland - meine Horizonte", wo es um die künftige Berufswahl geht, gleichzeitig aber auch die "Errungenschaften des Landes" propagiert werden. Dazu würden jetzt auch Teilnehmer des Krieges gegen die Ukraine eingeladen, sagt Ilja.
Doch die "patriotische Erziehung" in den Schulen geht über den Unterricht hinaus. Ilja erzählt, wie die Schulleiterin einen Schüler wegen eines Pullovers mit einer englischsprachigen Aufschrift zurechtwies. "Junger Mann, ist Ihnen klar, dass auf Ihrem Pullover Wörter in der Sprache von Ländern stehen, die uns nicht freundschaftlich gesinnt sind? Ein Anruf beim Föderalen Sicherheitsdienst wird das regeln!", habe sie dem Schüler gesagt.
Ferner ist Ilja eine Schulversammlung in Erinnerung geblieben, die anlässlich des 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, in der Schule abgehalten wurde. Dort verglichen die Schulleiterin und ihr Stellvertreter den "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Krieg der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland in Russland genannt wird, mit dem Krieg gegen die Ukraine und sagten, dass Russland auch jetzt standhalten und siegen werde.
Sind sich Schüler der Propaganda bewusst?
Auch der 16-jährige Alexej (Name geändert) geht in eine Schule in Nowosibirsk. Er berichtet der DW, dass viele seiner Mitschüler "patriotische Veranstaltungen" meiden würden. Die Sperrung von YouTube, die 2024 mit der Drosselung der Verbindungsgeschwindigkeit zu diesem Portal begann, hat Alexejs Haltung geprägt. "Ich habe nachgeforscht, warum YouTube gesperrt wurde. Denn nichts passiert zufällig. So entstand mein Interesse für Politik", erinnert sich der Schüler. Ihm sei damals klar geworden, dass die Behörden unliebsame Bürger loswerden und die freie Meinungsäußerung unterbinden wollen. "Ich liebe die Freiheit und habe das deshalb als sehr hart empfunden", sagt er.

Die meisten Schüler würden die Propaganda nicht ernst nehmen, glaubt Ilja. "Einerseits wird im Unterricht darüber gelacht, zumindest tun das meine Freunde. Andererseits ist es uns egal. Manche hören einfach nicht hin, sie leben ihr eigenes Leben. Wir sind sehr gut darin, zu schweigen und nicht viel darüber zu sprechen", gibt Ilja zu. Nur einer seiner Klassenkameraden würde die Staatspropaganda unterstützen und bei der "Bewegung der Ersten" mitmachen, einer Art postsowjetischer Pioniere.
Auf wen wirkt die Propaganda an Schulen?
Dima Zicer ist Pädagoge und Autor des russischsprachigen Podcasts "Lieben, nicht erziehen". Zicer selbst ist nach Beginn des Ukraine-Kriegs nach Estland gezogen. Ihm zufolge seien "viele Schüler glücklich damit, einer Putin-Mehrheit anzugehören, die sich keine Gedanken macht, nach dem Prinzip: 'Wir werden schon alle besiegen, wir sind stärker als alle anderen'".
Im DW-Gespräch räumt er ein, dass es zu diesem Thema keine statistischen Daten gibt. Zicer stützt sich aber auf eigene umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit Kindern in Russland. Ihm zufolge hat er Kontakt zu zahlreichen verzweifelten Eltern. Sie würden sich des Ernstes der Lage meist erst dann bewusst, wenn ihre Kinder begännen, aus der Schule Parolen wie 'Wir machen alle fertig' und 'Putin ist toll' mitzubringen sowie Feindbilder von angeblichen Nazis und Faschisten in der Ukraine zu pflegen.
Alexej und Ilja haben diese Feindbilder nicht. Ihnen macht die instabile Lage im Land Sorgen. Wenn sie über die Zukunft sprechen, sind sich beide einig, dass der Ukraine-Krieg beendet werden müsse. Keiner von beiden will nach seinem Schulabschluss in Russland bleiben. Ilja sagt, er wünsche sich ein Russland ohne Internetsperren, ein friedliches und weltoffenes Russland, das nicht ständig Kriege führt. Auch Alexej will, "dass das Chaos, der Krieg und alle Sperren ein Ende nehmen".
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