Mehr Parkinson-Erkrankungen – Bauern mit Parkinson: Welche Rolle spielen Pestizide?

Als Bub fuhr Hanspeter Binggeli hinter dem Pestizid-Spritzgerät seines Vaters her. «Wenn es dann so stäubte, hat man halt eine Wolke erwischt», erzählt der Oberaargauer Landwirt der «Rundschau». Später bewirtschaftete er jahrzehntelang selbst Obstbäume und brachte Pestizide aus. Mit dem Schutz habe man es früher nicht so genau genommen. 2021 erhält Binggeli die Diagnose Parkinson. Seither beschäftigt ihn die Frage: Hängt das zusammen?
Deutlich erhöhtes Risiko
In Deutschland steht Parkinson seit diesem Sommer offiziell auf der Liste der Berufskrankheiten. «Die Kausalität des Zusammenhangs zwischen der Pestizid-Exposition und der Parkinson-Erkrankung ist gegeben», sagt Arbeitsmedizinerin Monika Rieger. Internationale Studien hätten gezeigt, dass Menschen, die über lange Zeit Pestizide angewendet haben, ein deutlich erhöhtes Parkinson-Risiko haben. Als Berufskrankheit gilt Parkinson für Personen, die mindestens 100 Tage Pestizide aus einer der Gruppen Herbizide, Insektizide oder Fungizide selbst angewendet haben. Stand September hat Deutschland 1080 Anträge gutgeheissen.
Auch Landwirt Wolfgang Hügel aus Baden-Württemberg hat Parkinson. Er wartet darauf, dass sein Antrag auf Anerkennung gutgeheissen wird. Seine Frau Roswitha ist sicher, dass Pestizide verantwortlich sind: «Ich bin schon überzeugt, dass das schuld ist an dieser Krankheit.» Das Ehepaar hofft durch die Anerkennung auf finanzielle Unterstützung.
Mit der Anerkennung als Berufskrankheit kommt in Deutschland die Unfallversicherung der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft für Kosten auf, die die Krankheit betreffen. Diese zahlt mehr als eine Krankenkasse, etwa für Hilfsmittel oder bauliche Anpassungen.
Schweizer Landwirte verärgert
Die Schweiz hat Parkinson nicht als Berufskrankheit anerkannt. Ein Grund: Betroffene können bereits ein Gesuch stellen. Die Hürden sind jedoch höher als in Deutschland. Betroffene müssen den Zusammenhang mit Pestiziden im Einzelfall nachweisen. Zudem müssen sie nachweisen, dass ihre Erkrankung zu mindestens 75 Prozent auf diese Exposition zurückzuführen ist. «Wer soll das beweisen, das ist ja gar nicht möglich», ärgert sich Landwirt Hanspeter Binggeli.
Hinzu kommt, dass selbstständig erwerbende Landwirte nicht obligatorisch nach UVG unfallversichert sind. Bei einer Anerkennung müsste die Schweiz einen eigenen Weg finden, diese Betroffenen zu unterstützen.
Neue Daten liefern Hinweise
Ein weiteres Argument aus der Politik sind fehlende Daten. Tatsächlich weiss man in der Schweiz heute nicht, wie viele Menschen Parkinson haben. Ein Forschungsteam der Krankenkasse Helsana hat nun tausende Datensätze ausgewertet. «Unsere Daten zeigen die Zunahme der Parkinson-Betroffenen und zeigen, dass wir regionale Häufungen haben», sagt Statistiker Andri Signorell. Die Verteilung der Menschen mit Parkinson sei nicht in der ganzen Schweiz gleich.
Noch ist die Studie nicht abgeschlossen. So wisse man etwa nicht, ob die Häufungen Regionen betreffen, in denen besonders viele Pestizide ausgebracht wurden.
Die gute Nachricht für Bauer Binggeli: Die Suva will die internationale Studienlage 2027 erneut beurteilen. Sie könnte dem Bundesrat eine Anpassung der Berufskrankheitenliste beantragen.
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