Sie machte Lagos zum Runway – jetzt läuft Rachel (22) für Chanel

Die Menschen auf den Strassen von Lagos hätten ihr längst den Spitznamen «Ms. Paris» gegeben. Das erzählte die Nigerianerin Rachel Ojuromi dem «Interview Magazine» Anfang Juni. Sollte sie es wirklich einmal nach Paris schaffen, würden diese Menschen sagen können: «Das ist unser Mädchen», meinte sie damals.
Vier Monate später ist aus dem Traum Realität geworden. Am 5. Oktober lief die 22-Jährige für Chanel im Grand Palais in Paris. Kreativdirektor Matthieu Blazy zeigte dort im Rahmen der Paris Fashion Week die Frühling-/Sommer-Kollektion für 2027. Und mittendrin auf dem Laufsteg: Rachel Ojuromi.
Von den Strassen in Lagos zur Paris Fashion Week
Bekannt wurde die Nigerianerin mit Modevideos, für die sie die Strassen ihrer Heimatstadt Lagos zum Laufsteg machte. Aktuell zählt ihr Instagram-Profil Giverachelashot mehr als 200'000 Followerinnen und Follower. Ihr Accountname bedeutet passenderweise «Gebt Rachel eine Chance».
Statt sterilem Studio gibt es in Ojuromis Clips Märkte, Läden, Passanten und Verkehr zu sehen. Das Model stolziert durch Lagos, kauft Gemüse oder trägt einen Korb mit Bananen auf dem Kopf. Im Mittelpunkt stehen dabei immer ihre Outfits.
Dass sie nun bei der Chanel-Show mitlaufen durfte, ist für Ojuromi ein ganz besonderer Moment – vor allem, weil sie vor Kurzem Chanel noch auf ihre ganz eigene Art nach Lagos holte. Für eine ihrer Arbeiten interpretierte sie Looks aus Chanels Métiers-d’Art-Kollektion 2026 neu. Statt Originalteilen verwendete sie vorhandene und gebrauchte Kleidung.
Das Video fiel auch Matthieu Blazy auf: Der Chanel-Kreativdirektor kommentierte den Post mit einem roten Herz und «Everything» (auf Deutsch so viel wie: «Liebe alles daran»). Nur wenige Monate später castete Chanel Ojuromi für die Show in Paris.
So entstehen Ojuromis virale Looks
Hinter Ojuromis Videos steckt nicht nur das 22-jährige Model allein. Die Outfits entstehen in enger Zusammenarbeit mit ihrer besten Freundin, Designerin und Stylistin Debby Fasingha. Die beiden sammeln Inspiration, indem sie sich alte Modeschauen anschauen. Sie kombinieren Stücke aus ihren eigenen Kleiderschränken, suchen auf Märkten nach Secondhandteilen – und stellen coole Looks zusammen, die Y2K mit Vintage, Streetstyle und High-Fashion-Codes verbinden.
Rund die Hälfte der Kleidung stamme dabei vom Yaba Market in Lagos, wie Ojuromi «Dazed» erzählt. «Ich gehe schon seit Ewigkeiten dorthin.» Andere Teile fertigt Fasingha selbst an.
Dass Mode für Ojuromi mehr ist als bloss schöne Kleidung, kommt nicht von ungefähr. Sie wuchs damit auf: Ihre Mutter verkaufte Kleidung und Accessoires, las Modezeitschriften und zog Rachel und ihre Brüder als Kinder bewusst modisch an. «Meine Mutter ist mein ganzer Fashion-Hintergrund», sagte Ojuromi zu «Dazed».
Was findest du an Ojuromis Weg am bemerkenswertesten?
«Du kannst es von überall schaffen»
Was Ojuromis Videos besonders macht, ist nicht allein ihr Styling. Sie nutzt bewusst das, was ihr zur Verfügung steht. «Du kannst es von überall aus machen», sagt sie dem «Interview Magazine». Die Botschaft der beiden Freundinnen an junge Kreative: «Wenn du ein Handy und ein paar Kleider hast, dann dreh einfach», sagt Fasingha. Ojuromi ergänzt: «Hab einfach eine gute Idee und leg los.»
Dahinter steckt für Ojuromi mehr als der eigene Erfolg. Gegenüber «Dazed» sagt sie, ihre Videos sollten zeigen, «dass du eine Stimme haben und deine Arbeit mit der Welt teilen kannst, egal, welche Ressourcen du hast». Junge Menschen in Afrika würden genau dieselben Einflüsse aufnehmen wie alle anderen und sich genauso für Kunst und Mode interessieren, hätten aber weniger Mittel zur Verfügung. «Trotzdem können wir mit dem, was wir haben, die Welt erschüttern», so Ojuromi.
Mehr als ein Model
Ojuromi inszeniert aber nicht nur sich selbst. Vor rund drei Jahren gründete sie «The Process Africa», die jungen afrikanischen Kreativen aus Mode, Film und Kunst Raum geben soll. Im Fokus steht nicht nur das fertige Resultat, sondern der Weg dorthin. Ihre eigene Wohnung in Lagos dient laut Ojuromi teilweise als Treffpunkt und Shootinglocation für Menschen aus ihrem kreativen Umfeld.
Vanessa Büchel (vab) arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Fashion-Redaktorin im Lifestyle-Ressort und schreibt über Trends und Styling-Tipps.
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