Rechtliches Geflecht – Wieso so viele Ufer in Privatbesitz sind

Rechtliches Geflecht Wieso so viele Ufer in Privatbesitz sind
Obwohl Seeufer grösstenteils öffentlich sein sollen, sind im Tessin viele Abschnitte privat. Wie ist das möglich?
05.10.2026, 08:38
Öffentliche und für alle jederzeit zugängliche Seeufer: Dieses Ziel ist in verschiedenen Bundes- und Kantonsgesetzen festgeschrieben.
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus: Im Tessin beispielsweise gehören die Seeufer zu den am stärksten privatisierten des Landes. Wie ist das möglich?
Der Grund dafür ist ein rechtliches Geflecht: In der kantonalen Verordnung des Tessins über das öffentliche Gut ist ausdrücklich festgelegt, dass unterhalb von 194.5 Meter über Meer die Ufer des Lago Maggiore als öffentliches Eigentum gelten.
Im Grundbuch sind aber Grundstücke eingetragen, deren Grenzen bis in diesen Bereich hineinreichen und beträchtliche Teile von Ufern und Stränden umfassen. Was gilt also?
Vorprogrammierter Konflikt
Artikel 6 Absatz 2 des Gesetzes über das öffentliche Gut enthält eine wichtige Präzisierung:
«Die durch Bundesrecht und durch dieses Gesetz festgelegten Grenzen des öffentlichen Guts haben Vorrang vor denjenigen, die sich aus dem Grundbuch ergeben.»
Aber: «Meiner Ansicht nach lässt sich das nicht so einfach auslegen, weil der Begriff des Eigentums dem Bundesrecht untersteht», erklärt Rechtsanwalt Filippo Gianoni, Experte für Verwaltungsrecht und Präsident der Eidgenössischen Schätzungskommission, gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz RSI.
Ein Symbol für diese komplexe Debatte ist der Uferweg zwischen Tenero und Minusio.
Die zwei Kilometer lange Strecke am See umfasst zwei öffentliche Strände, Privatgrundstücke, das Nationale Jugendsportzentrum sowie sechs grosse Campingplätze direkt am See.
Nach Ansicht verschiedener Einwohnenden sollte sie das ganze Jahr über für alle zugänglich sein.
Derzeit ist sie während der Sommersaison jedoch den privaten Betreibenden und deren Gästen vorbehalten.
«Man erlässt Gesetze und setzt sie dann nicht um», ärgert sich SP-Nationalrat Bruno Storni, einer der führenden Vertreter der Bewegung, die einen freien Zugang zum Uferweg fordert.
«Das Gesetz über das öffentliche Gut gibt den öffentlich-rechtlichen Vorschriften tatsächlich Vorrang. Daneben müssen jedoch auch die privatrechtlichen Bestimmungen angewendet werden, dadurch können Konfliktsituationen entstehen.»
Gesetze, Verordnungen und Vereinbarungen
Denn das Bundesgesetz über die Raumplanung schreibt vor, dass die Seeufer freigehalten und der öffentliche Zugang erleichtert werden sollen.
Zudem legen das Schweizerische Zivilgesetzbuch und das kantonale Gesetz über das öffentliche Gut fest, dass öffentliche Gewässer – einschliesslich Seebett und Ufer – vorbehaltlich des Gegenbeweises nicht Privateigentum sein können.
Der RSI-Beitrag zur Situation zwischen Tenero und Minusio:
Gleichzeitig ist das Privateigentum verfassungsrechtlich geschützt, und kantonale Vorschriften sehen die Möglichkeit vor, privaten Betreibern durch Vereinbarungen eine ausschliessliche Nutzung öffentlichen Guts zu gewähren.
Viel privat, wenig öffentlich
Der freie Zugang zu den Seeufern ist ein Thema mit weit zurückreichenden Wurzeln, das nie wirklich gelöst wurde.
Insbesondere der Luganersee weist die am stärksten privatisierten Ufer der Schweiz auf. Nach Angaben des Departements für das Territorium befinden sich 44 Prozent von ihnen in Privatbesitz. Am Lago Maggiore liegt der Anteil der ausschliesslich privat genutzten Ufer bei rund 30 Prozent.
«Die Situation ist ziemlich traurig», sagt Daniele Polli, Koordinator der Vereinigung «Rive pubbliche della Svizzera italiana» (Öffentliche Uferpromenaden in der italienischen Schweiz). «Der Kanton hat in den kommenden Jahren eine sehr wichtige Aufgabe: Er muss versuchen, möglichst viele dieser Ufer zurückzugewinnen.»
«Mit dem Beginn des Tourismusbooms in den 60er-Jahren wurden Grundstücke am See an Deutschschweizer oder ausländische Familien verkauft und damit der Allgemeinheit entzogen», ergänzt Ivo Durisch, Koordinator der Vereinigung «Cittadini per il territorio» (Bürger für die Region). «Heute ist die Situation vollständig festgefahren.»
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