100 Jahre John Coltrane – Schub wie eine Lokomotive: Wie «Trane» Jazzgeschichte schrieb

Merchandise zu einem Jazzmusiker, der seit 60 Jahren tot ist? Das kommt selten vor. «Listen to John Coltrane» steht auf einem Hoodie, den es zum 100. Geburtstag des Jazzsaxofonisten zu kaufen gibt. Zu Coltranes Musik kann man immer wieder zurückkehren – und so inspirierend wie die Musik ist auch sein Leben. Aber auch kurz: Coltrane starb mit gerade mal 40. Nur zehn Jahre hatte er, um als Bandleader seine Musik in die Welt zu tragen.
Trotzdem ist Coltrane bis heute ein unbestrittener Star. Studierende weltweit üben seine Soli, DJs samplen seine Musik, Biografien erscheinen, werden neu aufgelegt. Und jetzt sogar Merch zum 100. Warum?
Langer Anlauf
Es gibt 1000 Gründe und einen Schlüssel: Coltrane war kein Wunderkind – und hat doch das Saxofon fit gemacht für die nächsten 100 Jahre. Er hat seinen Erfolg dem Leben abgerungen, hart an sich gearbeitet und in seinen letzten zehn Jahren einen Lauf hingelegt wie kürzlich Audrey Werro über 800 Meter.
Vor diesen entscheidenden zehn Jahren hat John Coltrane vor allem Anlauf genommen. Auch auf Umwegen. Alte und neue Baustellen – der schmerzhaft frühe Tod des Vaters, immer wieder Zahnprobleme – machten Drogen und Alkohol zu teuflischen Begleitern.
Drogen und ein Wendepunkt
So spielte dieser ernste und oft wortkarge junge Mann zwar in der Big Band des Bebop-Stars Dizzy Gillespie, auch im berühmten ersten Quintett des Jahrhundert-Trompeters Miles Davis. Derselbe Miles Davis aber schmiss ihn im Frühling 1957 hochkant aus der Band, weil er – selbst gerade clean geworden – keine weiteren Junkies in der Band gebrauchen konnte.
Der Rausschmiss war ein heilsamer Schock. In den kommenden zehn Jahren würde Coltrane Jazzgeschichte schreiben. Er setzte auf kalten Entzug und begann, mit dem sanften Klavier-Riesen Thelonious Monk zu arbeiten.
Im Gegensatz zu Miles Davis beantwortete der ihm alle musikalischen Fragen, und gemeinsam entwickelten sie eine Musik, schön und sperrig zugleich, die für Coltrane Droge genug war. Vom Stoff liess er fortan die Finger und fasste 1957 den Entschluss, ein besserer Mensch zu werden. Die Kunst würde dann schon folgen.
Forschender mit Freiheitsdrang
Wie Recht er hatte! Zuerst holte ihn Miles zurück für «Kind of Blue», das berühmteste Jazz-Album aller Zeiten. Zwei Wochen darauf stand er im Studio für sein eigenes legendäres Album «Giant Steps». Und mit Riesenschritten ging es weiter: Immer freier, immer spiritueller wurde seine Musik, immer mehr folgte er seinem Forscherdrang.
Was die Entdeckung der DNA für Francis Crick war, war für Coltrane der modale Jazz, eine Musik mit viel Raum für den Solisten, die er bei Miles Davis und Ravi Shankar kennengelernt hatte. Musik, die perfekt in die 60er-Jahre passte, zum wachsenden Freiheitsdrang der Bevölkerung, zum Protest gegen den Vietnamkrieg und für die Civil Rights.
John Coltrane oder «Trane», wie man ihn nannte, entwickelte Schub wie eine Lokomotive. So rasant, dass Fans und Kritiker kaum hinterherkamen. Wenn er nicht auf einer Bühne stand, übte oder komponierte er. Oder las Bücher über Mathematik oder Architektur. Dass Coltrane 1967 jäh verglühte und noch vor seinem 41. Geburtstag einem Leberkrebs erlag, mag zur Legendenbildung beigetragen haben.
Legendär ist aber vor allem die Musik, die er hinterlassen hat. Musik, die sich manchmal querstellt, manchmal direkt ans Herz geht – schön, rätselhaft und chaotisch wie das Leben selbst.
Listen to John Coltrane.
Fünf Coltrane-Momente für die Ewigkeit
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So What (Miles Davis: Kind of Blue, 1959): Coltrane spielt auf dem berühmtesten Jazz-Album aller Zeiten eine tragende Rolle.
Giant Steps (John Coltrane: Giant Steps, 1959): Das Stück treibt das irrwitzige Bebop-Spiel (schnell, viele Akkorde) auf die Spitze. Die Jazz-Étude schlechthin.
My Favorite Things (John Coltrane: My Favorite Things, 1960): Eine Musical-Nummer im Dreivierteltakt, gespielt auf dem Sopransaxofon, wird zum Hit.
In a Sentimental Mood (Duke Ellington & John Coltrane – In a Sentimental Mood, 1962): Coltrane möchte nach dem ersten Take sofort noch weitere Takes aufnehmen – Duke Ellington sagt: «Nein, passt so» – und das Stück wird ein Jazz-Klassiker.
A Love Supreme (John Coltrane: A Love Supreme, 1964): Die Suite steht wie kein anderes Album für die tief empfundene Spiritualität von Coltrane. Das Gebet aus dem Cover-Booklet übersetzt er quasi Ton für Ton in Musik im vierten Teil «Psalm».
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