Atomkrieg, Cyberangriff, Bio-Katastrophe: Wäre Schweiz gewappnet?

- Eine Studie hat untersucht, welche Länder und Gesellschaften besonders widerstandsfähig wären, wenn es zu einer Katastrophe globalen Ausmasses kommt.
- Auch wenn es kein Land gibt, das vollständige Sicherheit bietet, schwingt Australien oben aus.
- Die Schweiz hat laut Studie Vor- und Nachteile.
Worum ging es in der Studie?
Die Ende August publizierte Übersichtsarbeit fragt, welche Länder globale Katastrophen vergleichsweise gut überstehen könnten – etwa Atomkrieg, Pandemie oder lang dauernde Ausfälle kritischer Infrastruktur. Entscheidend sind laut den Autoren geografische Isolation, Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln, gute Regierungsführung und dezentrale Systeme.
Welche Szenarien wurden untersucht?
Die Studie bündelt mögliche Auslöser in drei Kategorien:
- eine abrupte Verringerung des Sonnenlichts, etwa nach einem Atomkrieg, einem grossen Vulkanausbruch oder einem Asteroideneinschlag
- globale Infrastrukturausfälle durch Cyberangriffe, geomagnetische Stürme oder Höhen-EMP (elektromagnetischer Impuls, ausgelöst durch eine Atomexplosion in grosser Höhe)
- biologische Katastrophenrisiken wie Pandemien.
Welche Länder schwingen obenaus?
In der Gesamtübersicht tauchen Australien, Neuseeland, Japan, die Schweiz und Argentinien besonders häufig auf – eine Rangliste erstellt die Studie aber nicht. Australien wird in der Literatur am häufigsten als widerstandsfähig genannt. Die Schweiz hingegen wird in keiner der ausgewerteten Publikationen direkt erwähnt: Sie erscheint nur, weil die Autoren sie anhand der Resilienzfaktoren selbst als widerstandsfähig einschätzen.
Was macht diese Länder besonders widerstandsfähig?
Die wichtigsten vier Faktoren, die die Autoren herausgearbeitet haben, sind:
- Geografische Isolation, speziell das Leben auf einer Insel und die Möglichkeit, harte Grenzkontrollen durchzusetzen.
- Selbstversorgung, vor allem in der Lebensmittelproduktion.
- Regierungsqualität, vor allem hinsichtlich demokratischer Institutionen, wenig sozialer Ungleichheit, niedriger Korruption und gutem sozialem Zusammenhalt.
- Dezentralisierung, also möglichst wenige zentrale Schwachstellen in der Infrastruktur, im Ernährungssystem oder beim Fällen von Entscheidungen.
Die Studie betont, dass ein Vorteil bei einem Risiko bei einem anderen zum Nachteil werden kann. So kann beispielsweise Abgeschiedenheit bei einer Pandemie helfen, bei einem globalen Infrastrukturausfall aber zum Risiko werden, weil Partnerländer und Hilfe weit weg sind.
Wie gut wäre die Schweiz gewappnet?
Die Schweiz ist ein Sonderfall: Sie wird in keiner der ausgewerteten Publikationen direkt als besonders widerstandsfähig genannt, sondern von den Autoren anhand der Resilienzfaktoren eingeordnet. Für das Land sprechen starke Institutionen, geringe Ungleichheit, ein dank Wasserkraft besonders stabiles Stromnetz sowie teils geschützte Infrastruktur. Das Gebirge könnte zudem helfen, sich bei einer Pandemie stärker abzuschotten.
Gleichzeitig ist die Schweiz klein, nicht abgelegen und vom Handel abhängig. Bei einem nuklearen Winter zählt Mitteleuropa laut Studie sogar zu den besonders gefährdeten Regionen. Die Schweiz wäre also etwa bei Infrastrukturausfällen oder Pandemien vergleichsweise gut aufgestellt, bei einem nuklearen Winter hingegen verwundbar.
Und wie stehen die anderen Länder da?
Australien sticht in der Studie heraus. Das Land liegt auf der Südhalbkugel, weit weg von vielen möglichen Atomkriegsschauplätzen, produziert grosse Mengen Nahrungsmittel und verfügt über verschiedene Klimazonen, Waldflächen sowie Kohle- und Gasinfrastruktur. Das Bündnis mit den USA könnte Australien bei einem Atomkrieg aber stärker ins Visier rücken. Zudem ist das Land auf Importe etwa von Medikamenten, Treibstoff und Dünger angewiesen.
Neuseeland profitiert als abgelegener Inselstaat von der Möglichkeit, Grenzen bei einer Pandemie wirksam zu kontrollieren. Es ist demokratisch, hat vergleichsweise geringe Ungleichheit und produziert Nahrungsmittel sowie eigenen Stickstoffdünger. Dem stehen aktive Vulkane, eine kleine industrielle Basis und eine hohe Handelsabhängigkeit gegenüber. Auch schwere geomagnetische Stürme könnten das Land stärker treffen.
Japan verfügt laut Studie über gute Kapazitäten im Gesundheitsbereich und bei der Vorhersage geomagnetischer Stürme. Als Inselstaat mit grosser Industriebasis erfüllt es zudem mehrere allgemeine Resilienzfaktoren. Verwundbar ist Japan jedoch wegen seiner Handelsabhängigkeit und der alternden Bevölkerung. Als US-Verbündeter könnte das Land zudem stärker von einem Atomkrieg betroffen sein.
Argentinien könnte von seiner Lage auf der Südhalbkugel und von der grossen Nahrungsmittelproduktion profitieren. Beides ist besonders relevant, falls ein Atomkrieg, ein Vulkanausbruch oder ein Asteroideneinschlag das Sonnenlicht über längere Zeit verringert. Gegen das Land sprechen die hohe Ungleichheit und politische Instabilität in der Vergangenheit. Auch Argentinien ist vom Handel abhängig.
Fazit: Den einen, sicheren Ort gibt es nicht
Kein Land ist gegen alle untersuchten Risiken gleichzeitig gewappnet – viele Stärken werden in einem anderen Szenario zur Schwäche. Besonders sinnvoll sind laut den Autoren deshalb Investitionen in demokratische Institutionen, weniger Ungleichheit, staatliche Handlungsfähigkeit und dezentrale Infrastruktur. Sie stärken die Widerstandsfähigkeit gegenüber allen untersuchten Risikoarten.
Die Studie
Die Übersichtsarbeit von Florian Ulrich Jehn (Goethe-Universität Frankfurt) und sieben Mitautorinnen und Mitautoren ist im August 2026 im Fachjournal «Global Challenges» erschienen. Die Forschenden werteten bereits bestehende Fachpublikationen aus. Sie sammelten Länder, die darin als relativ widerstandsfähig erwähnt werden, und ergänzten diese Übersicht mit eigenen, faktorengestützten Einschätzungen. Die Studie nennt die am häufigsten erwähnten Länder – insgesamt sowie getrennt nach Risikokategorie. Sie erstellt keine Rangliste und keine systematische Länderbewertung.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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