Protestaktionen in Barcelona: Rätsel um 500 dubiose Plünderer

In Barcelona hat ein auffällig unpolitischer schwarzer Block massiv Geschäfte geplündert. Waren das Provokateure? Kleinkriminelle? Geheimdienstler?
Foto: Bruna Casas/reuters
23 Geschäfte beschädigt, 14 davon geplündert, 128 Verhaftete und 4 schwerverletzte Polizeibeamte. Das ist die Bilanz schwerster Ausschreitungen am vergangenen Samstag in Barcelona. 500 meist sehr junge Menschen trafen sich schwarz gekleidet und mit Kapuze auf dem Kopf auf der zentralen Plaça de Catalunya. Ohne Kundgebung, ohne Protestparolen begannen sie sofort, Geschäfte zu plündern, Barrikaden zu errichten und Brände zu legen. Mehr als eine halbe Woche später werfen die Vorfälle immer noch Fragen über die Urheber auf.
Die katalanische Polizei ermittelt. Erstes Ergebnis: Die Teilnehmer haben nichts mit den üblichen gewaltbereiten Demonstranten, etwa vom Schwarzen Block oder aus dem Antifa-Milieu in Kataloniens Hauptstadt zu tun. Von 128 Verhafteten sind 72 minderjährig. Nur 2 waren schon wegen anderer gewalttätiger Proteste polizeibekannt. 25 hingegen waren wegen Raub, Diebstahl oder Körperverletzung bereits zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Mehrere Tiktok-Accounts hatten unter dem Stichwort Blocus aufgerufen. Es gehe um bessere Qualität am Gymnasium, hieß es etwa. Eine klare Anspielung auf die Proteste in Frankreich. Die mit künstlicher Intelligenz generierten Plakate spielten mit Symbolen, doch ohne politische Inhalte zu vermitteln. So war die katalanische Unabhängigkeitsflagge zu sehen, doch ohne jegliche Anspielung auf Katalonien. Nicht einmal die katalanische Sprache wurde benutzt.
Ein Code zum Scannen führte auf Whatsapp- und Telegramgruppen. Dort gab es Anweisungen, wie, wann und wo die Randale steigen sollte. Journalisten des Onlineblattes eldiario.es gelang es, sich dort anzumelden. Sie landeten bei Whatsapp in einer Gruppe mit 300 Mitgliedern und bei Telegram mit 1.500. Was sie verblüffte: Von Politik war kaum die Rede. „Ich will klauen“, hieß es stattdessen immer wieder und später wurde stolz die Beute abgelichtet. Inzwischen sind die meisten Gruppen gelöscht.
Die Randale kommt der rechten Opposition mehr als gelegen
Angesichts der vielen Ungereimtheiten wundert es nicht, dass heftig spekuliert wird. Spanien wählt am 29. November. Wer will da Unruhe schüren? Und wem nützt sie? Wie bereits beim Massenansturm auf die Grenze der Exklave Ceuta Ende Juli, der ebenfalls online von Unbekannten organisiert wurde, schaut auch jetzt wieder mancher Richtung Israel und USA. Deren rechtsextreme Regierungen haben Spaniens Linkskoalition im Visier. Sie vor den Wahlen schwächen zu wollen, ist durchaus denkbar.
Fest steht: Die Randale kommt der rechten Opposition, die laut Umfragen gute Chancen hat, zu gewinnen, mehr als gelegen.„Wollen wir auch die Unruhen wie in Frankreich? Wollen wir uns wirklich daran gewöhnen, dass Gewalt Teil der Politik ist?“, fragte der Spitzenkandidat der rechten Partido Popular (PP), Alberto Núñez Feijóo, nicht etwa Stunden nach der Randale in Barcelona, sondern einen halben Tag zuvor. Wusste er, was andere nicht wussten? So sieht jedenfalls Stoff für Spekulationen aus.
Und die rechtsextreme VOX, mit der Feijóo koalieren will, wirft dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez vor, direkt hinter den Ausschreitungen zu stecken. „Er ist verzweifelt, und deshalb hat er uns seine Milizen geschickt“, sagt VOX-Chef Santiago Abascal. Es bleibt abzuwarten, was die Ermittlungen letztendlich ergeben.
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