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Tuesday, October 6, 2026

Abzug aus Kurdistan: Bîjî, bîjî, Bundeswehr

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Cem-Odos Güler

Vor wenigen Tagen ging eine Ära zu Ende, die kaum Beachtung fand. Der deutsche Einsatz in Kurdistan sagt viel aus über das linke Verhältnis zur Bundeswehr.

D er Einsatz hätte das Potenzial gehabt, sogar auf den Antiwehrpflichtdemos ungewohnte Sympathien für die Bundeswehr zu wecken: Mehr als 10 Jahre unterstützte Deutschland den bewaffneten Kampf der Kurden in Nordirak. Auch wenn die Ausbildungsmission ihre Tücken hatte, sorgte der Einsatz immer wieder für schöne Bilder: kurdische Kämpfer, die etwas planlos mit Gewehren hantieren oder Peschmerga, die mit Panzerabwehrwaffen und Kurdistanfahne in einem deutschen Apfelbaumidyll posieren. Die Aufnahmen passten nie in das Bild, das gerade deutsche Linke von der Bundeswehr haben.

Schon das Mandat, das die Peschmerga-Einheiten als Bodentruppen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ertüchtigen sollte, sorgte Ende Januar 2015 für bizarre Szenen. Der CDU-Abgeordnete Henning Otte bezeichnete es im Bundestag als „zynisch“, den Kurden die Mittel zur Selbstverteidigung vorenthalten zu wollen. Rolf Mützenich lobte im Namen der SPD die Befreiung der Stadt Kobanê durch eine breite kurdische Allianz, an der auch PKK-Ableger beteiligt waren. Nun gehe es darum, so Mützenich, die irakischen Peschmerga im Kampf gegen den IS auszubilden. „Wenn da die Bundeswehr Hilfestellung geben kann, sollte sie es tun.“

Auch Jan van Aken bekundete seine „Hochachtung“ für die Frauen und Männer, die Kobanê aus den Fängen der Islamisten befreit hätten. „Biji Kobanê“, rief der Linken-Abgeordnete im Bundestag auf Kurmancî, „hoch lebe Kobanê.“ Er trieb die Folklore zwar nicht so weit, dass er gesagt hätte, die Kurden hätten die IS-Kämpfer allein durch wilde Halay-Tänze und laute Triller-Schreie in die Flucht geschlagen.

Doch als es die reale Möglichkeit gab, linke Demosprüche in die Tat umzusetzen und die Kurden in ihrem bewaffneten Kampf zu unterstützen, waren es die Union und die SPD, die dies ermöglichten. Die Linksfraktion stimmte geschlossen gegen das Mandat, die kurdischen Peschmerga-Einheiten in Nordirak mit deutschen Waffen zu versorgen und von der Bundeswehr ausbilden zu lassen.

Fast biblisches Schicksal

Dabei waren manche Argumente der Linken, die sich bis heute im Bundestagsprotokoll nachlesen lassen, bestimmt nicht falsch: Die Peschmerga seien zu eng mit der herrschenden Elite in Nordirak verbunden, die eine Spaltung des Landes vorantreibe. Die Region lasse sich nur politisch stabilisieren, dafür müsse auch Druck auf die Golfstaaten und die Türkei ausgeübt werden.

Doch diese Beobachtungen änderten nichts daran, dass der brutale Vormarsch des IS letztlich durch die kurdische Allianz unter Deckung der US-geführten internationalen Koalition gestoppt wurde. Dass die kurdischen Einheiten gerade in Syrien, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, auf dem Spielfeld der Geschichte schnell wieder geopfert wurden, sahen viele Kurden aus dem Ausland als Ausdruck eines fast biblischen Schicksals – was nichts daran besser macht.

Doch in der Zwischenzeit hieß es für etwa elf Jahre im kurdisch-irakischen Erbil: „Bîjî, bîjî, Bundeswehr“. Deutschland betrieb ein Lager in der Stadt, lieferte panzerbrechende Raketen und Fahrzeuge an die Peschmerga und unterstützte die internationale Koalition gegen den „Islamischen Staat“ mit Aufklärungsflügen aus der Luft. Nach dem Ende des Afghanistankriegs fand dieser fast größte Auslandseinsatz der Bundeswehr mit bis zu 500 Sol­da­t*in­nen im Schatten der – auch der linken – Öffentlichkeit statt.

Vor wenigen Tagen ist auch diese Ära zu Ende gegangen, ohne dass es große Schlagzeilen gab: Die Bundeswehr hat Irak verlassen, weil die Regierung in Bagdad den Abzug aller internationaler Truppen aus dem Land gefordert habe, wie es hieß. Militärisch sind die Kurden in der Region nun wieder auf sich gestellt – hoffentlich wurden sie ausreichend ausgebildet.

Cem-Odos Güler Redakteur

Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.

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