The Jerusalem PostIran threatens to sever Gulf internet cables in retaliation for renewed US, Israeli attacksRTP DesportoVotação online dá vitória a Cristiano Ronaldo, mas não vale Bola de OuroESPNDale Brown, LSU's winningest basketball coach, dies at 90ESPN Deportes¿Por qué no estuvo Checo en la práctica 1 del GP de Estados Unidos?CBS News"The People's Court" Mystery: Michelle Parker's Case Reopened | Case by Case | "48 Hours" PodcastZDF heuteAktuelle Pressemitteilungen des ZDFDW EnglishRussia's attacks on Ukraine's capital, Kyiv, are intensifying. DW asked people on the ground what life is likeABC NewsDOJ preemptively sues to block Alaska Senate results if Republican narrowly losesVarietyBlumhouse Soliciting Testimony from Anyone Who Feels ‘Personally Victimized’ by One of Its Movies or TV ShowsStraits Times SportAdvantage Infantino as AFC backing puts FIFA president on track for fourth termHipertextualNetflix quería pagar una fortuna para hacer series y películas de juegos de Xbox: por qué no prosperóTechCrunchFrom Toast to Bessemer: Who founders will hear from at TechCrunch Founder Summit 2026
The Daily Newsstand · Free, Always
Friday, October 23, 2026

Dichter Eberhard Häfner im Porträt: Kam einer an, fand im Glück eine Lücke

Translate

Wie lebt er, der einstige DDR-Underground, die „Prenzlauer-Berg-Connection“? Ein Besuch beim Dichterschmied und „letzten Bohemien Berlins“, Eberhard Häfner.

Dichtung, befand die Philosophin Hannah Arendt in „Vita activa“, sei die „unweltlichste der Künste“. Dieses Klischee ist auch heute noch in Kraft, ablesbar an dem, was bepreist und was ignoriert wird. Kunst auf seinen Handwerkscharakter zu prüfen, ist in Deutschland komplett unproblematisch, solange es sich nicht um Lyrik handelt. Das gilt in dieser Untersparte des Literaturbetriebs als anstößig, mindestens aber als prollig.

Eberhard Häfner, 1941 in der thüringischen Provinz geboren, dort aufgewachsen, von dort zeitig gen Erfurt, dann nach Berlin enteilt, wurde Rhythmik nicht in Form metrischer Trichter verabreicht. Sein Rhythmusgefühl beim Schreiben rührt nicht bloß sinnbildlich, sondern tatsächlich vom Handwerk des Silber- und Kupferschmieds her. Mit den gleich zwei neuen Publikationen kommt nun unübersehbar die kunsthandwerkliche Domäne zum Vorschein. Sein kürzlich erschienener Gedichtband „Korinthisches Erz“ strotzt nur so vor anmutiger Zeilen über gelebtes Leben, ist voller traurigem Trotz: „Kam mal einer an, fand im Glück eine Lücke“, die Zeile gibt bereits einen Vorschein auf eine in Vorbereitung befindliche Elegie.

Vor zwei Jahren starb Häfners Ehefrau, die Künstlerin Magdalena Häfner. Die beiden waren seit 1965 verheiratet. Den Einfluss ihrer Kunst auf seine Literatur betont er mehrfach und mit Nachdruck. Die Wohnung ist voll mit ihren figürlich surrealen Bildern. Der Blick aus dem Altbau-Doppelfenster im vierten Stock zeigt einen Kirchturm, dann und wann eine Tram; neben dem Eingangsportal befindet sich, vielleicht bloß Zufall, ein Goldschmied, ums Eck ein Silberschmied; einen Häuserblock weiter läuft man vorbei am Geburtshaus des in der Bonner Republik legendären Showmasters Hans Rosenthal. Alles wirkt etwas zu proper, um wirklich in Berlin sein zu können. Ich mache ein paar private Schnappschüsse von einem urigen Schustergeschäft und werde gleich im hiesigen Idiom angeraunzt. Aha, das' hier doch Berlin.

Neuerscheinungen

Eberhard Häfner: „Korinthisches Erz. Gedichte“. Klever Verlag, Wien 2026. 76 Seiten, 20 Euro

Eberhard Häfner: „Hammerschlag“. Distillery Press, Berlin 2026. 20 Seiten, 9 Euro

Eberhard Häfner, hochgewachsen, mit Pranken von Händen und wachem Blick, wünscht sich, als Dichter angeredet zu werden. Mit Lorbeer habe das nichts zu tun: „Die ersten Dichter waren Schmiede“. Seine Dichtkunst assoziiert er mit dem „Hammerschlag“. Ein etwas lieblos ediertes Bändchen gleichen Titels mit Fotos seiner Schmiedekunst für sakrale Zwecke ist Anfang des Jahres bei Distillery Press erschienen. Es gibt keinerlei Beitexte, weder zu den verwendeten Materialien noch zur editorischen Absicht. Da wäre mehr möglich gewesen.

Kein vergeistigter Eleve

Die entwaffnend offene Art des bald 85-Jährigen, das Zustandekommen der Publikation zu erläutern, lässt mich ungehörig schmunzeln. Häfner wirkt überhaupt nicht wie ein vergeistigter Eleve, obwohl die Wohnung einer Poetenbehausung aufs Haar gleicht: Knarrende Dielen, Bücherwand voll Poesie und Poetik, im Wohnzimmer prangt das Schild „Schreibzimmer“. Damit habe er seinerzeit angeben wollen.

Abschied von der zerbrochenen Singstimme

schau mir über die Schulter

die Hand zittert, zögert

wer möchte schon, dass einer

der Gedichte schreibt, herrschenden Geist

in böse Träume überführen

aus denen es kein Entrinnen gibt

nicht im Sinne des Schreibers, wenns geht

mit solchen Stimmen leben

sowohl mit gebändigten, als auch

domestizierten Reden

Lebewohl sagen

aus: Eberhard Häfner: „Korinthisches Erz. Gedichte“. Klever Verlag, Wien 2026

Während des Gesprächs tritt der energische Handwerker hervor, beständig ist ein Wasserglas zur Hand, wird gedreht, gerückt, ab und an sacht auf die Tischplatte geklopft. Ähnlich eigenwillig war es für den aufmerksamen Beobachter, dass Häfner nach seinem Gedichtvortrag im Silent Green in diesem Sommer nicht ins Publikum zurückkehrte, sondern zwei Meter hinter den nächsten Auftretenden kerzengerade auf einem Baumstumpf Platz nahm, um Mirko Bonné und anderen aufmerksam zuzuhören.

„Connection“ oder nicht „Connection“?

Es scheint mir am ehesten zutreffend für die sympathisch hemdsärmelige Art von Eberhard Häfner, ihn als Dichterschmied zu bezeichnen, der in einer auf Solidarität basierenden Szene vom Prenzlauer Berg sozialisiert wurde. Nach dem Tod der Büchnerpreisträgerin Elke Erb und des als Undergroundpoeten verehrten Bert Papenfuß, von Adolf Endler wurde die Szene „Prenzlauer Berg-Connection“ getauft, ist Eberhard Häfner der letzte Bohemien Berlins.

Von einer „Connection“ will er übrigens nichts wissen. Eine ganze Reihe von Negativerlebnissen aufzählend, ist er auf De-Mystifizierung bedacht. Seine Stasi-Akte habe er nie gelesen. Er habe sich relativ bald außen vor gefühlt, als „bestimmte Leute dazukamen“. Namen des einen oder anderen Neidzwergs und Möchtegern-Nebenbuhlers fallen. Alle, die es betrifft, sind bereits verstorben.

Die Nachbarschaft eines eigenen Gedichts (samt Porträtfotografie) im oft zitierten „Text+Kritik“-Sonderband „Die andere Sprache. Neue DDR-Literatur der 80er Jahre“, erschienen 1990, zum Konterfei von Sascha Anderson samt Poem, löst in meinem Gegenüber überraschenderweise keinerlei Reaktionen aus. Emotional wird der ansonsten durchweg relaxt-freundliche und endlos geduldig Auskunft gebende Greis nur, als ich ihm eine pseudonym („H. Gurwizz“) verfasste Vignette aus derselben Zeitschriftennummer vorlege: „Der Häfner (…) Palavervogel genannt (…) Seine Nahrungsgrundlage bilden Körner, Gräser, Käfer, Schmetterlinge und Spinnen, die er im Laufen von allen Seiten vom Boden oder aus der Luft greift (…)“

Die Abgefucktheit dieses „Bestiarium literarium“, in dem auch andere bekannte DDR-Autoren („Der Wawerzinek“ als „Poltergeist“ oder „Das Grünbein“ als „Gratwanderungsvogel“) in die Pfanne gehauen werden, löst heute nur noch Fremdscham aus. Kann man den Irrläufern innerhalb der Prenzlauer-Berg-Szene zum Trotz nicht auch ein paar Lektionen mitnehmen, frage ich? Häfner verneint das. Ich bleibe bei meiner Ansicht.

Was ist denn Erfolg als Schriftsteller?

Im Angesicht der bald anstehenden Einführung von „Patriotismus-Klauseln“ durch eine allein- oder mitregierende AfD dürfte sich der Blick der betroffenen freien Szenen von heute auf die historischen Off-Literatur-Szenen nochmal markant ändern. Deren künstlerischen Eigensinn, allem voran die in der „Zersammlung“ (Elke Erb) gipfelnden Wohnzimmer-Performances bloß auf das Desavouiert-Sein durch konspirierende Poetaster zu reduzieren, tilgt die stilbildenden Impulse, den Zusammenhalt von Künst­le­r:in­nen im Angesicht staatlicher Repression.

Sehr zeitig nach dem Ende der DDR setzte eine, gerade auch von damaligen Szenegängern betriebene Selbstverkleinerung ein, die im Zeichen von Markt-Klischees soufflierten: Man habe nichts aus sich gemacht. Ich höre noch einmal nach, was mir Elke Erb vor 15 Jahren belustigt auf Band sprach: „Was ist denn Erfolg als Schriftsteller? Was meinst du denn damit, hm?“

Mir persönlich erscheint die Prenzlauer-Berg-Szene nicht weniger zu sein als die Vorhut des heutigen Netzwerks Freie Literaturszene Berlin, ganz so wie das seit 1995 neu gegründete Leipziger Literaturinstitut nicht denkbar wäre ohne das Becher-Literaturinstitut, das von 1955 bis 1993 bestand. Häfner erwog dort ein Studium, zog dieser Möglichkeit aber einen Fernkurs an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein vor; von volksverbundenen Kursen „Schreibender Arbeiter“ im Rahmen des Bitterfelder Wegs hielt er sich immer fern. Während seiner Dienstzeit bei der NVA schoss er, nach eigenem Bekunden, „absichtlich schlecht“, das kostete ihn den Studienplatz.

Heute „minister für poesie“

Dichterschmied Eberhard Häfner ist mittlerweile und nolens volens der Nestor dieser historischen Solidargemeinschaft, ob man sie nun Connection nennt oder nicht, er nimmt großen Anteil am Treiben der jüngeren Lyrikgenerationen, er ist ein Gesprächspartner und Freund bekannter GegenwartslyrikerInnen wie Ron Winkler, Karin Fellner und Björn Kuhligk. Die Lyrikerin Birgit Kreipe gab ihm gar den lobenden Beinamen „minister für poesie“; sei ein Schelm, wer dabei an Johannes R. Becher, den real existierenden DDR-Kulturminister und Ex-Expressionisten denkt …

Als Redakteur der bedeutenden Kunstzeitschrift Herzattacke vermittelte Eberhard Häfner einer damals noch aufstrebenden Kollegenschaft Kontakte; ließ und lässt sich aber auch selbst beraten. Häfners Startbedingungen waren gut: 1989 scharte sich die bundesdeutsche Journaille um ihn, als ihm in Klagenfurt der 3sat-Preis zuerkannt wurde. Davor und danach wurden seine Gedichte in renommierten Anthologien, etwa dem Jahrbuch der Lyrik 1986 und folgenden, publik gemacht.

Besondere Prägnanz haben auch seine Wendezeit-Gedichte, in der von Michael Lentz herausgegebenen Sammlung „In diesem besseren Land“. Zwischen Hacks und Hahn findet sich Häfners „Big Ben hat sieben Uhr geschlagen“, das leider in jedem Schulbuch fehlt: „Ich sehe den Versen nach …/ geschnittene Zeilen in stoppeligen Reihen (…) einer der auszog und wieder einzog/ sich schwertut und nicht einloggen will/ das Saatgut der Sprache noch von der Hand/ in den Mund fristet“.

Das Gedicht könnte glatt eine Galionsfigur fürs windschnittige Gesamtwerk sein, ganz oft treffen typische Moves aufeinander: Gedichtgedicht auf flapsiges Bekennertum; Redensarten auf Märchenformeln, die verformt werden: „Außer Linden nichts gefunden“ oder: „Steter Tropfen trifft den Nerv“ oder: „No Limerick, echt Leberhart“. Wenn der Jubilar nun am Samstag, dem 24. Oktober, 85 wird, jubeln nicht nur Connaisseurs. Eberhard Häfner macht aus Worten die „einzige friedliche Sprache überhaupt: Poesie“.

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.